Stellungnahme zu den Thesen von Bundesminister Leussink

Karl Heinz Göller
1970
Die Thesen des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft stützten sich auf das 22. Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes vom Mai 1969, durch das der Bund die Kompetenz erhalten hat, Rahmenvorschriften für die Verfassung der deutschen Hochschulen zu erlassen. Ob dadurch die Hochschulpolitik der einzelnen Länder auf gemeinsame Grundsätze und Richtlinien festgelegt werden kann, erscheint zweifelhaft. So erklärte der bayerische Kultusminister Dr. Ludwig Huber am 18. 1. 1970, daß in Bayern bis
more » ... aß in Bayern bis zum Juni 1970 ein Hochschulgesetz verabschiedet würde; auf die Rahmenordnung des Bundes könne man nicht warten. Die Gründe für dieses Vorgehen sind nicht etwa in dem bayerischen Kulturföderalismus zu suchen; vielmehr hat man die Hoffnung aufgegeben, daß sich aus den Empfehlungen des Wissenschaftsrates und den auf sie zurückgreifenden Thesen Leussinks, die viel "Fragwürdiges enthalten" und sich auf "niedrigerem Level" (sie) bewegten, eine wirkliche Hochschulreform ergeben kann. Eine bundeseinheitliche Ausrichtung der hochschulpolitischen Zielvorstellungen rückt durch diese brüske Ablehnung der Thesen sowie des zu erwartenden Rahmengesetzes seitens des bayerischen Kultusminsiteriums sowie der Landesregierung in weite Ferne. Ob das bayerische Hochschulgesetz eine befriedigende Lösung des Universitätsproblems bringen wird, bleibt abzuwarten. Wenn es mit augenblicklichen Mißständen aufräumen will, müßte es in den folgenden Punkten die Thesen Leussinks hinter sich lassen bzw. nuancieren: 1. An der Spitze der Universität sollte ein hauptamtlicher Präsident stehen, der über umfassende Verwaltungserfahrung sowie Kenntnisse der Methoden des modernen Managements verfügt. Es muß sichergestellt werden, daß Führungskräfte nur aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihres Sach-verstandes gewählt werden, und nicht wegen ihrer politischen Einstellung. Die bisherige Rektoratsverfassung der Universität krankte vor allem daran, daß der zum Rektor gewählte Professor nicht die notwendigen Kenntnisse und Erfahrungen auf dem Gebiet der Universitätsverwaltung besaß und daß er ferner, nachdem er sich gerade eingearbeitet hatte, abtrat. Es fehlte der Universitätsspitze daher an wissenschaftlich fundierter Verwaltungspraxis und Kontinuität. Dieses Problem ist nicht dadurch zu lösen, daß man statt eines für das Amt des Präsidenten bzw. Rektors ungeeigneten Professors einen ebenso ungeeigneten Assistenten einstellt. Es muß verhindert werden, daß Interessentengruppen die Hochschule zu einem politischen Debattierclub umfunktionieren und nur ihnen genehme Persönlichkeiten zu Hochschulämtern zulassen. 2. Auf das stärker als bisher berufsbezogene Studium mit Abschluß durch Staatsexamen, Magisterprüfung oder ähnliche Abschlußprüfungen folgt für wissenschaftlich besonders begabte Studenten die Graduiertenstufe (6-8 Semester). Während dieser Zeit wird der Student wie im vorausgehenden Grundstudium staatlich gefördert. Die Graduiertenstufe dient nicht ausschließlich der Vorbereitung auf den Hochschullehrerberuf, sondern steht auch Kandidaten und Bewerbern offen, die einen Beruf außerhalb der Hochschule anstreben. Sie schließt mit der Promction ab. Der augenblickliche Mangel an akademischem Nachwuchs auf nahezu allen Fachgebieten ist darauf zurückzuführen, daß es an einer großzügigen Förderung wissenschaftlich Begabter nach dem Staatsexamen gefehlt hat. Doktoranden-und Habilitandenstipendien waren nur in Ausnahmefällen zugänglich. In Zukunft sollten alle durch wissenschaftliche Leistungen sowie ein gutes Abschlußexamen ausgewiesenen Studenten in die Graduiertenstufe aufgenommen werden. Auf diese Weise könnte eine breite Basis für den wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität 19
doi:10.5283/epub.26742 fatcat:fupt25j325flpbiyg73q7honny