"Der Weg zur freien Presse in Deutschland"- ein historischer Rückblick

Martin Welke
1994 Communicatio Socialis  
In seinem berühmten Aufsatz "Wissenschaft als Beruf" hat der große Soziologe Max Weber, dem Zeit seines Lebens jeder Gelehrtendünkel fremd war, ohne Vorbehalt anerkannt, daß die Wissenschaft viele ihrer besten Problemstellungen und Erkenntnisse Dilettanten verdankt, die sich vom Fachmann vor allem dadurch unterscheiden, daß ihnen die feste Sicherheit der Arbeitsmethoden fehlt, um ihre Ideen selbst auszuführen. Sie sind, wenn wir Weber folgen, darauf angewiesen, daß der Wissenschaftler ihre
more » ... schaftler ihre Anregungen aufgreift und weiterverfolgt. Wenn der Historiker auf seinem Arbeitsfeld nach einem Beispiel aus jüngerer Zeit für ein geglücktes Umsetzen der Anregungen eines Dilettanten in die Praxis sucht, so drängt sich das Engagement des verstorbenen Bundespräsidenten Gustav Heinemann auf, der mit seiner Forderung, vernachlässigte Bereiche unserer Geschichte aufzuarbeiten, wesentlich zur Errichtung der Erinnerungsstätte für die deutschen Freiheitsbewegungen in Rastatt beitrug. Vor und schon zu Beginn seiner Amtszeit hat Heinemann auf die Defizite der historischen Forschung in Hinsicht auf die deutsche Demokratiegeschichte hingewiesen. Auch die Deutschen hätten große demokratische Traditionen, denen nachzugehen dringend geboten sei: 11 Was, abgesehen vom Bauernkrieg um 1525, zunächst vereinzelt auftrat, wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einem machtvollen Strome, der eine Zeitlang die uralten Dämme der Herrschaft von wenigen unterspülte. Wir denken an die deutschen Jakobiner, an die bürgerlichen Liberalen, an die radikalen Demokraten." Ob die Zeit zwischen Bauernkrieg und frühem 19. Jahrhundert im Hinblick auf demokratische Regungen in Deutschland als eine recht unergiebige Periode, sozusagen als eine Zeit der "Windstille" angesehen werden muß, wie es Heinemann lange sah und wie es bis heute Bestandteil des landläufigen Geschichtsbildes ist, darf allerdings bezweifelt werden. Diese Sichtweise ist nicht zuletzt das Resultat der Ausblendung, zumindest aber der Vernachlässigung eines Gegenstandes, der aufs engste mit der Geschieht~. der Demokratie verwandt ist. Die Feststellung, daß Demokratie und Offentlichkeit Geschwister sind, ist ein Gemeinplatz. Waren sie es aber nicht schon lange vor unserer Zeit? Warum, so wird man fragen dürfen, ist das doch sicher sehr Dr. Martin Welke ist Direktor des Deutschen Zeitungsmuseums in Meersburg. 1 Rede auf der Vernissage der Ausstellung zur Geschichte der Pressefreiheit am 12.11.1994 im Ludwig-Pesch-Haus in Ludwigshafen.
doi:10.5771/0010-3497-1994-2-152 fatcat:2bvsbsqspnbn3p3evunppqxpt4