Hirten im Niolo (Korsika) : Entwicklungen ihrer Lebens- und Wirtschaftsweise

Robert Kruker
1980
Autor(en): Kruker, Robert Objekttyp: Article Zeitschrift: Schweizerisches Archiv für Volkskunde = Archives suisses des traditions populaires Band (Jahr): 76 (1980) Heft 1-2 Persistenter Link: http://doi.org/10.5169/seals-117348 PDF erstellt am: 15.06.2020 Nutzungsbedingungen Die ETH-Bibliothek ist Anbieterin der digitalisierten Zeitschriften. Sie besitzt keine Urheberrechte an den Inhalten der Zeitschriften. Die Rechte liegen in der Regel bei den Herausgebern. Die auf der Plattform e-periodica
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Ein Dienst der ETH-Bibliothek ETH Zürich, Rämistrasse 101, 8092 Zürich, Schweiz, www.library.ethz.ch «Le sens de l'excursion c'est le contact avec la réalité, l'ethnologue doit être un témoin.» (Arnold Niederer) Ethnographie als Übungzischen Faszination und Ohnmacht Im Herbst 1974 unternahm das Volkskundliche Seminar der Universität Zürich unter der Leitung Arnold Niederers eine Exkursion in den Canton de Niolo-Omessa im Innern Korsikas. Ziel der Feldübung, die nicht von ungefähr nach Korsika führte, sondern sich in Niederers Programm europäischer Ethnologie mit Schwergewicht auf Südeuropa einfügte, war «eine praktische Einführung in die Erhebung von Daten über die kulturellen Verhaltensweisen einer bestimmten Bevölkerung unter erschwerten Verhältnissen... », so der Übungsleiter in seinem Exkursionsprogramm. Als Hauptthemen für die Erhebungen, die durch Arnold Niederer in einem etwa tausend Fragen umfassenden Katalog vorstrukturiert waren, standen die «Lebensgestaltung in einer durch Emigration weitgehend urbanisierten und säkularisierten korsischen Bevölkerung» und die Wirtschaftsund Lebensweise der für die Untersuchungsregion typischen Wanderhirten, die die Wintermonate traditionellerweise ausserhalb des Niolo in den Küstenregionen verbringen, im Vordergrund. Die vorgegebene Themenstellung wurde eingelöst, so weit das in einem zehntägigen Aufenthalt überhaupt möglich war, und in 22 Teilnehmerberichten zusammengefasst. Daraus entstand der von Arnold Niederer und Loni Niederer-Nelken redigierte Bericht «Niolo 74»', in dem nebst der Beschreibung von Ausschnitten aus dem korsischen Alltagsleben auch spannende Fragen bezüglich des Clansvstems oder der korsischen Autonomiebewegung aufgeworfen und kritische Anmerkungen zum Verlauf der Feldübung im Niolo angebracht wurden. Die Exkursionsteilnehmer hatten sich ihr Untersuchungsthema meist gemäss den eigenen Interessen auswählen können. Die einzige, allerdings gewichtige Einschränkung bestand in der Bindung an einen 1 Niolo 74. Berichte von einer FNkursion nach Korsika. Herausgegeben vom Volkskundlichen Seminar der Universität Zürich, 1975 (im folgenden abgekürzt: Niolo 74). Hirten im Niolo (Korsika) 149 gemeinsamen Ausgangsstandort und in der zwangsläufig kurz bemessenen Zeit des Praktikums im Feld. Mein Interesse galt den Problemen der Wanderhirten. Um Informationen über ihr Alltagsleben zu erhalten, war ich gezwungen, die Exkursionsgruppe und die Ortschaften zu verlassen, zumal ich vorhatte, im direkten Gespräch und mit Hilfe von Teilnahme und Beobachtung etwas zu erfahren, auch wenn es wohl möglich gewesen wäre, über Informanten im Dorf Calacuccia Daten zur Thematik zu sammeln. Im folgenden soll nun mit einem persönlichen Explorationsbericht, der auf den Erfahrungen der Exkursion im Herbst 1974 und den Erlebnissen einer zweiten Korsikafahrt im Sommer 1975 beruht sowie aufgrund von ergänzendem Literaturstudium ein Bild über die alles andere als idyllische Realität korsischen Hirtenlebens von Mitte der siebziger Jahre gezeichnet werden. Die selbst erhobenen Daten sind nicht repräsentativ; der im Vordergrund stehende Fall hat aber, das lässt sich an der konsultierten Literatur belegen, exemplarischen Charakter. Zur Vorbereitung der Erhebungen standen mir ein Aufsatz mit dem Titel «L'élevage en Corse, un archaïsme menacé»2, die die Viehzucht und das Hirtentum betreffenden Kapitel einer Planungsstudie für den Niolo3 sowie zwei ältere Reiseberichte4, einer davon aus der Wörter-und Sachenforschung, zur Verfügung. Diese Texte wirkten auf mich sehr animierend. Ich freute mich deshalb auf ein ethnographisches Abenteuer. Auch jetzt, aus der zeitlichen Distanz heraus, habe ich das Gefühl, der Lehrer Arnold Niederer habe mich mit dem hier zu diskutierenden Thema auf eine besonders faszinierende Fährte gewiesen. Die Faszination hatte, um es vorwegzunehmen, zwei sehr verschiedene Seiten. Vorerst beeindruckte mich das einfache, der Natur angepasste Wirtschaftssystem, von dem weiter unten die Rede seih wird; dann machten mich die Lebensverhältnisse der Hirten aber auch betroffen, und ich verspürte eine Wut, als ich erlebte, in welche Abhängigkeitsverhältnisse sie in den letzten Jahren geraten waren. Als Ethnograph konnte ich die Probleme der Hirten, ihre Isolation, die Chancenlosigkeit, je eine Frau zu finden, das Ausgeliefertsein gegen-2 Janine Renucci: L'élevage en Corse. Un archaïsme menacé. In: Revue de
doi:10.5169/seals-117348 fatcat:zybfint3cfbz7alci3y2xk5oxi