Spinozas Erkenntnistheorie: Eine naturalisierte Epistemologie?

Ursula Renz
2009 Deutsche Zeitschrift für Philosophie  
renz (roskilde / zürich) Dass Spinoza ein Naturalist sei, ist eine Lektion, die fast jeder Philosophiestudent irgendwann hat lernen müssen. Diese Lektion ist rein philologisch betrachtet durchaus gedeckt. Um zu bestätigen, dass Spinoza sich selber als Naturalisten begriffen hat, genügt ein Blick in wenige einschlägige Passagen, wie 1app, 3p2s oder 4p4. 1 Die allgemeine Stoßrichtung dieser Passa gen ist klar: Sämtliche transzendenten Größen, denen in der philosophischen Tradition oft mals ein
more » ... ion oft mals ein Ort außerhalb jeglichen Naturgeschehens reserviert worden war, sei dies nun Gott, der menschliche Wille oder das Gute, werden von Spinoza negiert oder als von natürlichen Prozessen determinierte Phänomene beschrieben. Schwieriger wird die Frage nach Spinozas Naturalismus aber, wenn man sich fragt, inwie fern man es bei den verschiedenen Theoriestücken, die man in der Ethik antrifft, mit Natu ralismen in einem mit gegenwärtigen Auffassungen von Naturalismus vergleichbaren Sinn zu tun hat. Relativ eindeutig ist der Fall bei der Metaethik, verwirft doch Spinoza bereits mit seiner Definition von 'gut' jene spätscholastischen Vorstellungen, die zwischen einem 'bonum naturale', zu dem unter anderem auch das 'utile' gehört, und einem 'bonum morale' unterscheiden. 2 Auch Spinozas Willenskonzeption weist deutlich in Richtung eines naturalis tischen Determinismus', und ebenso trägt die im dritten Buch der Ethik entwickelte Emotions theorie in mancher Hinsicht naturalistische Züge. 3 Etwas heikler ist die Einschätzung von Spinozas Philosophie des Geistes. Diese ist nämlich mindestens nicht in dem Sinne naturalis tisch, als es sich bei ihr um ein physikalistisches Reduktionsprogramm handeln würde. Geist ist nach Spinoza vielmehr in einem eminenten Sinne gleichursprünglich mit Materie, und es ist ihm zufolge daher sinnlos, zu fragen, welche von diesen beiden Seinsdimensionen zuerst da gewesen oder grundlegender sei. Hingegen ist Spinozas Geistkonzeption insofern natura 1 Auf Textstellen aus der Ethik wird in der auf Curley zurückgehenden Zitierweise Bezug genommen. 1p8s2 heißt zum Beispiel Teil "1, Proposition 8, Scholium 2". Deutsche Zitate stammen aus der Übersetzung von Bartuschat. 2
doi:10.1524/dzph.2009.0037 fatcat:utvasvvqwfgvrn5uqq66ciafuu