Schluß [chapter]

1981 Die germanische Tierornamentik der Völkerwanderungszeit  
Schluß Ursprung und Entstehung der germanischen Tierornamentik Das im 5. Jahrhundert im Norden plötzlich und unvermittelt auftretende Tierornament kann in seinen Anfängen auf die spätantike Ornamentik zurückgeführt werden, wie sie sich insbesondere auf den sogenannten spätrömischen Kerbschnittbronzen findet. Es handelt sich dabei um einen künstlerischen Horizont (Abb. 1), der im wesentlichen im Gebiet zwischen Seine und Rhein und entlang der römischen Donaugrenze bis Pannonien zu finden und in
more » ... n zu finden und in chronologischer Hinsicht in die zweite Hälfte des 4. und den Anfang des 5. Jahrhunderts zu setzen ist. Seine Verzierung besteht, wie der Name sagt, aus in Kerbschnittechnik hergestellter Ornamentik, wobei die Flächen der Gegenstände mit pflanzlichen oder geometrischen Formen bedeckt werden, während Tiergestalten nur an den Rändern in einer rundplastischen Modellierung -nicht in Kerbschnittechnik -verwendet werden. Neben Vierfüßlern, besonders Löwen und davon abgeleiteten Formen, wird die Fauna der Kerbschnittbronzen vor allem von Seewesen bestimmt, die, wie ein Hippokamp, zur einen Hälfte als Vierfüßler, zur anderen als Seetier mit Fischschwanz gebildet sind, wobei die häufige Verwendung von Seegreifen die Herkunft dieser Tierwelt aus der antiken Mythologie deutlich macht. Diese spätantike Ornamentik wird bei den germanischen Stämmen zuerst von den Sachsen im Raum zwischen Weser-und Elbemündung aufgenommen, wo die gleicharmigen Fibeln die unmittelbare Übernahme der spätrömischen Ornamentik auf die germanischen Gegenstände anzeigen. Doch sollte diesem Stil bei den Sachsen keine Weiterentwicklung beschieden sein. Mit der Überwanderung eines großen Teils der Bevölkerung nach England hörte dieser Tierstil bei den Sachsen auf. Der Nydam-Stil Der Schwerpunkt der künstlerischen Tätigkeit verlagerte sich vielmehr in den Raum des südlichen Skandinaviens, nach Jütland, den dänischen Inseln, dem südlichen Schweden und der Südküste Norwegens, dem sogen. "Nordsee-Kreis". Hier entfaltet sich im Laufe des 5. Jahrhunderts eine reiche Ornamentik, wie sie u. a. aus den großen Moorfunden von Nydam und Ejsböl bekannt geworden ist. Spätrömische Formen, wie Spiralranken, Palmetten und Astragal, spielen zunächst auch hier eine bedeutende Rolle. Die Tierfiguren bleiben, wie in der römischen Kunst, anfangs auf die Ränder beschränkt, um alsdann zögernd auch auf die Flächen übernommen zu werden. Die im Nydam-Stil verwendeten Tierfiguren sind ihrem Charakter nach nahezu ausschließlich Seewesen und lassen damit ihre Herkunft aus der römischen Kunst erkennen. Stil I Im letzten Viertel des 5. Jahrhunderts vollzieht sich in der Entwicklung des Nydam-Stils eine entscheidende Wandlung. Die Seewesen treten zurück und an ihrer Stelle erscheinen Vierfüßler, die sich von ihren Vorgängern durch einen weiteren, neuen Zug, die Konturlinie, unterscheiden. Jeder Körperteil, Kopf, Hals, Körper, Vorder-und Hinterschenkel, wird nun von einer Konturlinie umgeben. Diese neuen Eigentümlichkeiten bilden die wesentlichen Kennzeichen von Stil I.
doi:10.1515/9783110884111-018 fatcat:ohc7xyumcjgvrbuvrw272zesce