Die Ketzerpolitik Friedrichs II

Kurt-Victor Selge, Vorträge Und Forschungen
2014
Ich möchte zwei chronistische Zeugnisse an den Anfang stellen. Das bekannte Urteil des Minoriten Fra Salimbene über Friedrich, das das Urteil auch der päpstlichen Gegner Friedrichs gewesen sein dürfte, lautet: »Wäre er gut katholisch gewesen, und hätte er Gott, die Kirche und seine Seele geliebt, so hätte er an Herrschertüchtigkeit wenig seinesgleichen in der Welt gehabt.« 1 ) * Vorbemerkung: Ich muß um Verständnis bitten. Genötigt, den Anmerkungsapparat aus mei nen Notizen und den
more » ... nd den Bibliotheksbeständen der University Library von Perth, Westaustralien, in Eile fertigzustellen, habe ich an vielen Stellen nur die notdürftigsten Belege bringen können und auf weitere Verwertung der Sekundärliteratur weitgehend verzichten müssen. Nur einige Auszüge aus HUILLARD-BREHOLLES U. a. konnte ich mir bei einem kurzen Besuch in der State Library of Victoria in Melbourne im August 1973 zur Ergänzung meiner Stichwortnotizen ablichten. Doch hoffe ich, die wesentlichen neuen Gesichtspunkte, die ich beibringen zu können glaube, werden auch in dieser Fassung herauskommen. Die beste bisherige gesonderte Behandlung der Frage stammt von Francesco GIUNTA: La politica antiereticale di Federico II (Atti del Convegno Internazionale di Studi Federiciani 1950, Palermo 1952, S. 9195), ins Deutsche übersetzt in dem Aufsatzband Stupor mundi, hg. Gunther WOLF (Darmstadt 1966), S. 289295. Der Leser wird aber feststellen, daß diese Arbeit an einer zu engen Fassung des Häresiebegriffes leidet. 1) Salimbene schreibt im Anschluß an seinen Bericht über den Tod des Kaisers, im Zusammen hang einer warnenderbaulichen biblischapokalyptischen Deutung dieses Ereignisses, seine Kenntnis und Beurteilung Friedrichs zusammenfassend: Nota quod Fridericus quasi Semper dilexit habere discordiam cum Ecclesia et eam multipliciter impugnavit, que nutrierat eum, defenderat et exaltaverat. De fide Dei nichil habebat. Callidus homo fuit, versutus, avarus, luxuriosus, malitiosus, iracundus. Et valens homo fuit interdum, quando voluit bonitates et curialitates suas ostendere, solatiosus, iocundus, delitiosus, industrius; legere, scribere et cantare sciebat et cantilenas et cantiones invenire; pulcher homo et bene formatus, sed medie stature fuit. Vidi enim eum et aliquando dilexi. Nam pro me scripsit fratri Helye, generali ministro Ordinis fratrum Minorum, ut amore sui me redderet patri meo. Item multis Unguis et variis loqui sciebat. Et ut breviter me expediam, si bene fuisset catholicus et dilexisset Deum et Ecclesiam et animam suam, paucos habuisset in imperio pares in mundo. Sed quia scriptum est quod modicum fermentum totam massam corrumpit (1. Kor. 5,6; Gal. 5,9), omnes suas bonitates destruxit in eo quod persecutus est Ecclesiam Dei. Quam non fuisset persecutus, si animam suam et Deum dilexisset. -Salimbene de Adam, Cronica. Nuova edizione critica a cura di G. SCALIA. 2 Bde. (Scrittori KURT-VICTOR SELGE Der freilich wesentlich später schreibende Dominikaner Francesco Pippino aus Bologna er führt seine Chronik bis zum Jahr 1314 berichtet eine kleine Szene von der Belagerung der Stadt Faenza durch den gebannten Kaiser im Jahr 1240/41. »Man erzählt, zwei Bürger dieser Stadt von der Sekte der Ketzer seien des Nachts heimlich zu ihm gekommen. Auf die Frage, wer sie seien oder was sie brächten, hätten sie gesagt: >Wir sind von der Zahl der Guten Menschen und dir in allen Dingen treu ergebene Er habe sie zurückgewiesen und dabei gesagt: >Die Leiter der Kirche, die mich bekämpfen, haben den rechten Glauben; wenn sie nur ebenso recht handeln wollten.<« 2 ) Die chronistische Überlieferung läßt die Wirklichkeit nur durch einen Schleier erkennen. Die beiden verschiedenen Zeugnisse deuten aber eines an, was die sonstige Überlieferung bestätigt: die Definitionen dessen, was katholisch, was rechter Glaube sei, sind bei Friedrich und bei seinen kirchlichen Gegnern nicht deckungsgleich gewe sen. Diese Meinungsverschiedenheit erstreckte sich allerdings nicht auf Glaubensab weichungen, wie sie die populären Häresien vertraten. Auch in bezug auf diese ist damit aber nicht gesagt, daß Friedrich sie immer in derselben Perspektive gesehen hätte, in der das kirchliche Amt sie sah, sondern nur, daß im Ergebnis, der Verwer fung, Einigkeit bestand. Noch eins zeigt die kleine Geschichte des Francesco Pippino. Es sind die Katharer Vertreter einer kleinen katharischen Minderheit unter den Bürgern der Stadt , die sich an den Kaiser wenden, der wie sie selbst von der römischen Kirche, dieser Kirche der Bösen, Verworfenen, wie sie sagen, unversöhnlich bekämpft wird. Wie es auch mit der historischen Realität dieser jedenfalls gut erfundenen Geschichte stehen mag; je denfalls ist klar, daß der Gedanke zu so etwas wie einer Koalition zwischen den Kirchenfeinden unten am Boden der Gesellschaft und dem Kirchenfeind an der Spitze der weltlichen Autorität unter den Bedingungen jener Zeit im allgemeinen und jener bestimmten Jahre im besonderen nur von den ersteren gefaßt werden konnte. Sie hatten den Gedanken einer grundsätzlichen Alternative zu dem bestehenden Kirchenwesen, einer anderen, wahren Kirche gefaßt und hingen daran mit gleicher d. 2) Fertur duos cives ejusdem Urbis Haereticorum sectae clam nocte ad eum venisse, qui ab eo percontati quinam essent, aut quid afferrent, dixerunt: Nos de numero bonorum hominum sumus tibi fidel es in Omnibus: quos cum sprevisset, dicitur respondisse: Utinam Re clor es Ecclesiae, qui mihi adversantur, sie recte agerent, quemadmodum rede credunt. MURATORI, Scriptores rer. Ital. IX, Chron. F. Francisci Pipini, c. 36, Sp. 658 C. Audi die abschließende Würdigung des Kaisers in c. 40, Sp. 661 enthält nicht ein Wort der Kritik an seiner Haltung zur Kirche; lediglich seine sexuelle Unmäßigkeit erscheint dem wohlgesinnten Mönch tadelns wert. Falls Pippinos Erzählung historisch zuträfe, so wäre schon das bloße Faktum, daß Friedrich die Ketzer empfing, erstaunlich genug (Bemerkung von Hans von Campenhausen). Aber ich halte die Geschichte in dieser oder ähnlicher Form für unwahrscheinlich.
doi:10.11588/vuf.1974.0.15954 fatcat:m6ph7x6hi5hclg4vmdtne4ru7q