Krieg, Prostitution und Geschlechtskrankheiten

A. Neisser
1915 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Krieg, Prostitution und Geschlechtskrankheiten, Von A. Neisser in Breslau. Von den verschiedensten Seiten kommt die Nachricht, dal3 sich schon jetzt bei denjenigen Truppenteilen, die in der J{eimat wie im Felde Gelegenheit haben, mit Prostituierten in Verkehr zu treten, eine sehr erhebliche Verbreitung von Geschlechtskrankheiten bemerkbar mache, und zwar in einem Grade, der bei weitem liber die 1870/71 erreichte Ziffer1) hinauszugehen scheint. Und dieser schwere [Jeheistand verdient unsere
more » ... este Aufmerksamkeit, einerseits weil täglich viele Tausende, um nicht zu sagen Zehntausende sonst kriegstüehtiger Männer dem Dienste entzogen werden, namentlich aber wegen der großen Gefahren, die nach dem Kriege den Infizierten durch die Nachkrankheiten (Tabes, Paralyse, Aneurysmen etc.) und den Familien der Heimkehrenden drohen. Um ihm entgegen zuarbeiten, bedarf es der Berücksichtigung der zwei Faktoren, die immer und überall ausschlaggebend sind: I. Es muß gegen die Nachfrage der Männer angekämpft werden. Das läßt sich wohl nur durch sehr energische Warnungen und Mahnungen an die Mannschaften, enthaltsam zu sein, und namentlich durch die Aufklärung über die große Gefahr, die jeder Verkehr mit jeder Prostituierten. mit sich bringt, erreichen. Man geht sicherlich nicht zu weit, wenn man annimmt, daß jede Prostituierte, die sich in den besetzten Städten den Soldaten hingibt, krank ist oder bei der unglaublich großen Zahl von Kohabitationen, die jede Puella täglich ausführtmeine Berichterstatter sprechen von 30-40 pro Tag -in kürzester Frist krank wird. -An ein direktes Verbot des Geschlechtsverkehrs wird man den Mannschaften gegenüber nicht denken können; die Gefahr, daß die Erkrankten ihre Leiden verheimlichen würden, ist gar zu groß. Man könnte aber -gewiß mit größerem Erfolg -an das Ehrgefühl unserer Truppen appellieren und ihnen darlegen, wie beschämend es für den einzelnen Mann sei, auf solch unwürdige Weise sich aus der Reihe der Kämpfenden auszuschalten, während seine Kameraden weiter kämpfen und den Gefahren des Krieges ausgesetzt bleiben. -Den Verheirateten müßte insbesondere klargemacht werden, wie groß auch die Gefahr für ihre Frau und Kinder werden kann, wenn sie nicht vollkommen geheilt in die Heimat zurückkehren. -Und besonders muß der Ansicht entgegengetreten werden, daß die Enthaltsamkeit, selbst wenn sie schwer zu ertragen sei, schaden könnte. Das sogenannte Bedürfnis" stellt sich immer erst ein, wenn die verführerische Gelegenheit da ist. Bliebe die betreffende Truppe noch wochenlang im Gefecht und in Feldstellung, kein Mann würde an Geschlechtsverkehr denken. Die Lehre vom , ,Samenkoller" halte ich für eine sehr bequeme Ausrede. Denn es ist erfahrungsgemäß viel leichter, enthaltsam zu bleiben, wenn man erst wochenlang aus irgendwelchen Gründen keinen Geschlechtsverkehr gehabt hat, als wenn man ihn häufig ausübt. Die 1) Im Feldauge 1870/71 wurden von Mitte Juli 1810 bis Ende Juni 1871 33 528 Mann an Geschlechtskrankheiten behandelt. Das waren 42,6 0/00 der Durchschnittsstlrke, bzw. 70,6 0/00 der Lazarettkranken (aussoblie ßljc,h der Verwundeten). AntonstraMe 15 BERLIN, DEN 14. JRNUFR 1915 41. JHRGNG Pause sturnpft die Libido ab. Und sollten sich nicht Pollutionen bei wirklich übermäßigem Reiz einstellen und Erleichterung schaffen? 2. Es muß für eine möglichste Sanierung der Prostitution gesorgt werden, soweit es nicht gelingt, alle Prostituierten, deren man habhaft werden kann, durch Einsperren unschädlich zu machen, und ich frage mich, warum man nicht rücksichtslos zu dieser freilich scharfen, aber so nutzbringenden Maßregel greift. Diese Ausschaltungsmethode ist die wirksamste, da sich eine Sanierung mit Bezug auf die verbreitetste der Geschlechtskrankheiten, 'die Gonorrhoe, doch nicht erreichen läßt und weil bei der ungeheuerlichen Besuehsziffer der einzelnen Frauenspersonen selbst eine tägliche ärztliche Untersuchung nicht zum Ziele führen würde, -wobei ich ganz absehe von der Unmöglichkeit, eine wirklich gute Untersuchung der Prostitution durchzuführen. Mit Bezug auf die S y p hi lis ist viel eher eine Sanierung denkbar. Man könnte sehr wohl die Infektiosität aller Puellae gewaltig herabdrücken. wenn man jede einzelne (mit Verzieht auf eine spezielle Diagnose) einer energischen Salvarsan-, eventuell in Kombination mit einer Quecksilberkur, unterwirft. Sollte sieh wirklich eine noch nicht Syphilitischie darunter befinden, so würde ihr die Behandlung sicher nicht schaden. Da mit wöchentlich einmal gemachten (intravenösen ) Salvarsan-und Quecksilberinjektionen (Mercinol) vollkommen der gewünschte Effekt erzielt wird, so möchte ich glauben, daß sich eine so bequeme therapeutische Prophylaxe wohl durchführen ließe. Gewiß wird man auf diese Weise keine vollkommene Heilung der betrellenden Person erzielen; aber es geniigt ja die gewaltige Herabdrückung der Ansteckungsfithigkeit, sodaß sich sicherlich ein Erfolg bei den Truppen bemerkbar machen würde. Will man mit so strenger Ma ßregel weder gegen die Prostitution noch gegen die Soldaten vorgehen -vielleicht aus der Befürchtung, daß sieh die Mannschaften an nicht prostituierte Frauen und Mädchen heranmachen würden -, so bleibt meiner Ueberzeugung nur der von Lesser gemachte Vorschlag iibrig: denTruppenProphylactica,Ufld zwar Kondoms zur Verfügung zu stellen. Denn darüber besthht kein Zweifel, daß dieses mechanische Vorbeugungsmittel flén anderen durch die Bequemlichkeit und Leichtigkeit der Anwendungsweise überlegen ist. Der Vorschlag mag vielen aus sogenannten ethischen und moralischen Gründen unsympathisch erscheinen; vom sanitär-hygienischen Standpunkte aus Ist er sicherlich der beste und am meisten einen Erfolg versprechende. Ich erinnere dabei, daß es sich 'nicht nur um den gegenwärtigen Gesundheitszustand der Truppen handelt, sondern auch um die Verhütung all des Elends, das mit den syphihitischen Nachkrankheiten verbunden ist, und um die Verhütung der durch die Syphilis bedingten Schädigung der Nachkommenschaft, deren Zunahme wir in den nächsten Jahrzehnten mehr als je brauchen werden. Ich muß aber noch mit einigen Worten auf die Frage der Behandlung der Geschlechtskrankheiten im Felde, namentlich mit Berücksichtigung der Arbeit Zie 1ers in Nr. 1 dieser Wochenschrift und seiner gegen mich gemachten Angriffe, zurückkommen. ich selbst hatte in einem Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1190896 fatcat:uqgtjinowffslnwnos5g3x5v2y