Liturgiewissenschaft in Forschung und Lehre : zur Geschichte einer theologischen Disziplin an der LMU

Winfried Haunerland
2015
Lange bevor an der Ludwig-Maximilians-Universität ein eigenständiger Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft existierte, wurde die Liturgie bzw. Liturgik regelmäßig be stimmten Professoren schon bei ihrer Ernennung übertragen. Die Liturgie hatte sich aber so nicht nur schon im 19. Jahrhundert fest im Lehrkanon der (Katholisch-) Theologischen Fakultät etabliert, sondern war für mehrere der Professoren auch For schungsgegenstand. Damit kann zumindest für die Bayerische Landesuniversität in Landshut
more » ... ität in Landshut und München gezeigt werden, dass die Beschäftigung mit der Liturgie auch vor dem 2. Vatikanischen Konzil nicht einfach nur Sache der PastoralSeminare war, sondern integrierter Bestandteil des universitären Theologiestudiums. Der Beitrag geht zurück auf einen Vortrag am 11. Mai 2009 im Herzoglichen Georgianum (München) bei einer Akademischen Feierstunde aus Anlass der Vollendung des 70. Lebensjahres von Prof. Dr. Reiner Kaczynski. Dem langjährigen Ordinarius für Liturgie Wissenschaft an der LMU ist auch die gedruckte Fassung in Dankbarkeit gewidmet. Einleitung Erst das 2. Vatikanische Konzil verlangte, dass die Liturgiewissenschaft "an den Theolo gischen Fakultäten zu den Hauptfächern zu rechnen" (SC 16) sei. Im deutschen Sprach gebiet gab es zwar schon vor dem 2. Vatikanum vereinzelt selbstständige Lehrstühle für Liturgie Wissenschaft: seit 1950 an der Theologischen Fakultät in Trier,1 seit 1953 in St. Georgen, seit 1956 in Fribourg/Schweiz und seit 1959 in Münster.2 Doch wurde die überwiegende Zahl der eigenständigen Professuren für Liturgie Wissenschaft an den deut schen Fakultäten erst in den Jahren nach dem letzten Konzil etabliert.3 Dennoch ist die Liturgiewissenschaft nicht nur eine "Konzilswissenschaft"4: Sie ist nicht erst durch das 2. Vatikanum entdeckt worden und deshalb auch kein "Konjunkturhich"5, das nach Ab- 1 Vgl. A. Heinz, Der erste Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft an einer deutschen Theologischen Fakultät (Trier 1950), in: TThZ 108 (1999) 291-304. 2 Vgl. F. Kohlschein, Zur Geschichte der Liturgiewissenschaft im katholischen deutschsprachigen Bereich, in: Ders.; P. Wünsche (Hg.), Liturgiewissenschaft -Studien zu ihrer Wissenschaftsgeschichte, Münster 1996 (LQF 78), 1-72, hier 66f. ' Einen Überblick über die zwischen 1947 und 1992 erfolgte Errichtung eigenständiger liturgiewissenschaftli cher Professuren an den deutschsprachigen Fakultäten gibt Kohlschein, Zur Geschichte (Anm. 2), 66-69. 4 Vgl. zu diesem Begriff Ders., Liturgiewissenschaft -Selbstverständnis einer "Konzilswissenschaft", in: G. Kraus (Hg.), Theologie in der Universität. Wissenschaft-Kirche-Gesellschaft. FS zum Jubiläum 350 Jahre Theo logie in Bamberg. Frankfurt a.M. 1998 (Bamberger Theologische Studien 10), 193-207. 5 So tituliert in einem Leserbrief von G. Hartmann, Art. "Kürten", in: FAZ Nr. 195 vom 23.08.1997, 6. Schluss der Liturgiereform , die das 2. Vatikanum angestoßen hatte, als eigenständige D is ziplin überflüssig gew orden wäre. Wenn über Liturgiewissenschaft in Lehre und Forschung gehandelt werden soll, kann man sich allerdings nicht auf die vergangenen vier Jahrzehnte beschränken.6 Denn litur gische Themen waren auch in den vergangenen Jahrhunderten nicht nur Inhalt der rubrizistischen und asketischen Ausbildung in den Priesterseminaren. Vielmehr war die Litur giewissenschaft oder -wie es zumeist hieß -die Liturgik in Lehre und Forschung auch an manchen Universitäten präsent.7 Schon in dem einflussreichen Konzept, das Franz Stephan Rautenstrauch 1776 vorlegte, "gehörte die Liturgik zusammen mit der Kateche tik, der Homiletik und der Lehre von der Seelsorge zur »Pastoraltheologie«, die als Neue rung in deutscher Sprache vorgetragen werden sollte und für das fünfte Studienjahr vor gesehen war"8. Was systematisch bei Rautenstrauch als Teile der Pastoraltheologie ange sehen wird, musste aber in der Praxis nicht notwendiger Weise von einem einzigen Pro fessor und zwar dem Pastoraltheologen behandelt werden. Im Folgenden soll gezeigt werden, wie die Liturgik im 19. und 20. Jahrhundert an der Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in Lehre und Forschung vertreten wurde.9 Dabei können drei Perioden unterschieden werden: Ein erster Blick gilt der Phase, als die bayerische Landesuniversität von Ingolstadt nach Landshut verlegt wurde und dort 1802 ihren heutigen Namen "Ludwig-Maximilians-Universität" erhielt.10 Die Münchener Jahre zwischen 1826 und der Auflösung der Fakul tät 1939 bilden die zweite Periode, die sich aus verschiedenen Gründen deutlich von der Zeit nach dem 2. Weltkrieg unterscheidet, die als dritte Periode zu betrachten ist. Für alle drei Zeiträume werden die wichtigsten liturgiewissenschaftlich ausgerichteten Forscher 150 Winfried Haunerlond 6 Vgl. zur Liturgiewissenschaft als theologische Disziplin und weniger von ihrer universitären Einbindung her vor allem B. Krememann, Grenzgängerin zwischen den theologischen Disziplinen. Die Entwicklung der deutschsprachigen Liturgiewissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert, in: TThZ 108 (1999) 253-272; Ders.. Li turgiewissenschaft angesichts der "Zeitenwende". Die Entwicklung der theologischen Disziplin zwischen den beiden Vatikanischen Konzilien, in: H. W olf (Hg.), Die katholisch-theologischen Disziplinen in Deutschland 1870-1962. Ihre Geschichte, ihr Zeitbezug, Paderborn u.a. 1999 (Programm und Wirkungsgeschichte des II. Vatikanums 3), 351-375. 7 Vgl. die entsprechende Studie für die Universität Bonn: A. Gerhards, Zur Geschichte der Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät Bonn. Otto Nußbaum zum 70. Geburtstag am 1. Juli 1993, in: Kohl schein; Wünsche, Liturgiewissenschaft -Studien zur Wissenschaftsgeschichte (Anm. 2), 291-304; für die Uni versität Freiburg/Schweiz: M. Klöckener, Liturgiewissenschaft in Freiburg vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, in: M. Klöckener; B. Bürki (Hg.), Der Zeit voraus. Devancer son époque. 50 Jahre Lehrstuhl für Litur giewissenschaft an der Universität Freiburg Schweiz. 1956-2006. Chaire de science liturgique à FUniversité de Fribourg Suisse 50 ans. Fribourg fini Druck]. 8 Kohlschein, Zur Geschichte (Anm. 2), 10; zur Sache auch J. Müller, Der pastoraltheologisch-didaktische An satz in Franz Stephan Rautenstrauchs "Entwurf zur Einrichtung der theologischen Schulen", Wien 1969 (WBTh 24). 9 Erst seit dem Sommersemester 1968 existiert auch eine Evangelisch-Theologische Fakultät, so dass die bishe rige Theologische Fakultät den Namen "Katholisch-Theologische Fakultät" erhält. 10 Vgl. M. Permaneder. Annales Almae Literarum Universitatis, Pars V ab ao. 1772 usque ad annum 1826 incl.. München 1859, 225. hier zit. nach W. Ebermeier. Studentenleben vor 200 Jahren. Die Landshuter Jahre der Ludwig-Maximilians-Universität 1800 bis 1826, München 2007 (LMUniversum 5), 123 Anm. 142; auch R.A. Müller. Von der Aufklärung zur Romantik: Landshut 1800-1826, in: Ludwig-Maximilians-Universität Mün chen. 2. akt. und erw. Aufl. München 2 0 0 1 .3 4 -4 7 , hier 35. 16 Vgl. VV-lngolstadt 1798/1799, (3|, liest "Nach eigenen Heften"; zur Person C. Jahn, Art. "Gollowitz. Domi nik", in: Biographisches Lexikon (Amu. 14). 151. 17 Vgl. E.M. Buxbaum, Art. "Winter, Vitus Anton", in: Biographisches Lexikon (Anm. 14), 486-488, hier 486; J. Steiner, Liturgiereform der Aufklärungszeit. Eine Darstellung am Beispiel Vitus Anton Winters. Frei bü rg-Basel -Wien 1976 (FThS 100), 26. -Vorlesungen zur Liturgik sind allerdings erst nachgewiesen in Encyklopädisches Verzeichniss der Lehrvorträge für das Wintersemester 1800 -1801 an der kurfürstlich-bayerischen Universität zu Landshut. o.O.o.J. | Landshut 1800], [12], dort mit dem Hinweis "nach P. August. Krazer etc. etc. de apostolicis. nee non antiquis Eeelesiae oecidentalis Liturgiis etc. etc. Augustae Vindel. 1786"; Enzyklopädi sches Verzeichniss der Lehrvorträge für das Sommersemester 1802 an der kurfürstlich-bayerischen Universität zu Landshut. Landshut o.J. [ 18021. [13], mit einem Verweis auf "P. Augustin Krazer; und eigene Hefte". Ix Zur Bibliographie seiner liturgischen Schriften vgl. Steiner, Liturgiereform (Anm. 17). 252f. 19 Verzeichniss der Vorlesungen an der kurfürstl. Ludwig-Maximilians-Universität Landshut für das Winter-Semester 1804-1805. o.O.o.J. [Landshut 1804], [6]. = VV-LMU-WS 1804/05, [6], -Auch wenn die Titel der Vorlesungsverzeichnisse im Laufe der Zeit leicht variieren, werden diese im Folgenden nur nach diesem Sche ma abgekürzt zitiert. Bis zum Wintersemester (WS) 1960/61 sind die Vorlesungsverzeichnisse der LMU elekt ronisch greifbar unter der Adresse http://epub.ub.uni-muenchen.de/view7subjects/vlverz.html. 20 Winter stirbt am 27. Februar 1814. 21 VV-LMU-W S 1813/14. 8. 22 Vgl. V. Winter, Liturgie. w;as sie seyn soll, unter Hinblick auf das. was sie im Christenthume ist. München 1808; auch davon der Nachdruck Der.s.. Liturgie was sie seyn soll, unter Hinblick auf das, was sie im Christenthume ist. oder Theorie der öffentlichen Gottesverehrung vermischt mit Empyrie. München 1809 (dort zusätzlich auf S. 273f. eine Auflistung einiger Druckfehler); Oers.. Sammlung der kleineren liturgischen Schrif 29 Vgl. M. Probst, Gottesdienst in Geist und Wahrheit. Die liturgischen Ansichten und Bestrebungen Johann Michael Sailers (1751-1832), Regensburg 1976 (StPaLi 2). v.a. 78?. 30 Vgl. Steiner, Liturgiereform (Anm. 17). 147; auch I20f. 31 Probst, Gottesdienst (Anm. 29), 277. 32 J.M. Sailer, Rede zum Andenken an Vitus Anton Winter, Professor und Stadtpfarrer zu St. Jodok in Landshut ec. gehalten am 23. März 1814, Landshut 1814. 23. 33 Ebd., 20. 34 Probst. Gottesdienst (Anm. 29). 279. 35 Ebd.. 212. 36 D en., Ansätze zur Bestimmung von Liturgie und Liturgik bei Johann Michael Sailer (1751-1832), in: Kohl schein; Wünsche, Liturgiewissenschaft -Studien zur Wissenschaftsgeschichte (Anm. 2). 88-97. hier 97. Winfried Hauneriand 67 Vgl. A. Schmid, Der christliche Altar und sein Schmuck, archäologisch-liturgisch dargestellt, Regensburg u.a. 1871. -In der Zeit Thalhofers gibt es noch eine zweite liturgiewissenschaftliche Dissertation: Joh.B. Mayer. Geschichte des Katechuinenats und der Katechese in den ersten sechs Jahrhunderten nebst einer Erklärung des jetzigen römischen Taufritus aus der alten Katechumenatspraxis, Kempten 1868. 68 Schreiben vom 24. Decbr. 1876 (Acten des. k. akad. Senats der LMU. Betreffend: Pastoraltheologie: UAM-Y-XVIII-10). 69 Vgl. Zellinger, Andreas Schmid (Anm. 66), 21. -Wenig plausibel erscheint die Aussage bei M.Ch. Hastetter, Geschichte des Lehrstuhls für Pastoraltheologie, LMU München: "Dem bedeutendsten Liturgiker des Jahrhun derts folgte 1877 Andreas Schmid (1877-1909) auf dem Lehrstuhl, der sich wieder mehr der Pastoraltheologie in ihrem eigentlichen Sinn zuwandte." (http://www.kaththeol.uni-muenchen.de/einrichtungen/lehrstuehle/ pastoral_theol/lehrstuhlgeschichte/index.html; download: 05.05.2009). 70 Zellinger. Andreas Schmid (Anm. 66). 2lf. 71 Vgl. Andreas Schmids literarische Arbeiten, in: Ebd.. 52-54. 72 Ebd., 25. 110 Vgl. R. Berger. Die Wendung ..offerre pro" in der römischen Liturgie, Münster 1965 (LQF 41): vgl. auch Ders., Die Terminologie der Nachfolge Christi in der römischen Liturgie, in: Dürig, Liturgie. Gestalt und Voll zug (Anm. 89), 1-24. 111 Vgl. auch weitere von Pascher betreute Dissertationen: 1947: 77?. Filthant, Die Kontroverse über die Myste rienlehre dargestellt nach ihrem gegenwärtigen Stand, Warendorf 1947: 1949: J. Hacker, Die Messe in den deutschen Diözesan-Gesang-und Gebetbüchern von der Aufklärungszeit bis zur Gegenwart. Mit einem Über blick über die Geschichte dieser Bücher, München 1950 (MThS.S 1): 1954: W. Esser. Der Einnuss der liturgi schen Erneuerung auf die Messpredigt vor dem Erscheinen der Enzyklika "Mediator Dei", München 1956; 1963: E. Bartsch, Die Sachbeschwörungen der Römischen Liturgie. Eine liturgiegeschichtliche und liturgie theologische Studie, Münster 1967 (LQF 46); 1966: F. Henrich. Das Einwirken der Bünde katholischer Ju gendbewegung auf die katholische Jugendseelsorge in Deutschland. Unter besonderer Berücksichtigung des eiicharistisch-liturgischen Bereiches. Eine pastoralliturgische Untersuchung 1896-1945. München 1967; 1967: /. Paiif Die Christologie der römischen Messgebete mit korrigierter Schlussformel, München 1966 (MThS.S 32). Pascher war zudem Erstgutachter bei der Habilitationsschrift von G. Fischer, Johann Michael Sailer und Johann Heinrich Pestalozzi. Der Einfluss der pestalozzischen Bildungslehre auf Sailers Pädagogik und Katechetik unter Mitberücksichtigung des Verhältnisses Sailers zu Rousseau. Basedow, Kant, Freiburg 1954 (UTS 7), und bei der Habilitationsschrift von W. Dürig (Anm. 1 15); vgl. auch die Habilitationsschrift von E.J. Len geling. Missale Monasteriense ca. 1300-1900. Katalog, Texte und vergleichende Studien, Münster 1995 (LQF 76), Referenten waren hier Prof. Dr. Michael Schmaus und Prof. Bernhard Bischoff. Pascher hat allerdings ein ergänzendes Gutachten erstellt. 112 Vgl. dazu M. Roth, Joseph Pascher als liturgischer Berater in: J. Bärsch; W. Haunerland (Hg.), Liturgiere form vor Ort. Zur Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils in Bistum und Pfarrei, Regensburg 2010 (StPaLi 25), 43-6 1 . -Die meisten Kirchenvätertexte des erneuerten Stundengebetes hat Joseph Pascher über setzt; vgl. Joh. Wagner; S. Schmitt (Hg.), Die Feier des Stundengebetes. Registerband zum Stundenbuch, Frei burg -Basel -Wien 1990, 695-782. In den letzten Jahren seines Lebens hat Josef Pascher die Orationen des Missale Romanum von 1970/75 kommentiert. Nur eine kleine Auswahl ist veröffentlicht: J. Pascher, Die Ora tionen des Missale Romanum Papst Pauls VI. 4 Teile. Hg. v. W. Dürig, St. Ottilien 1981-1983. 113 Vgl. zur Person A. Heinz, Balthasar Fischer zum Gedenken mit der Bibliographie seiner Schriften aus den
doi:10.5282/mthz/4577 fatcat:5c2kpdbghjbu7koczpd2bbvroy