Über Kontexte zu Handlungen

ANTON LEIST
2007 Deutsche Zeitschrift für Philosophie  
Die analytische Handlungstheorie ist gegenwärtig in einem Stadium, in dem sie sich anschickt, ihre vor allem von D. Davidson fixierte Programmatik zu verlassen. Unter den zwei Bedingungen, Beschreibungsabhängigkeit und Gründe-Ursachen-Synthese, gewinnt, anders als bei Davidson, die Erstere zunehmend größeres Gewicht. Den hoffnungsvollen Übergang zu einer holistisch-kontextuellen Handlungstheorie belegen drei neuere Diskussionen, deren Verlauf geschildert wird: das Wiedergewinnen der Absichten
more » ... Bratmans Plänetheorie, die Suche nach nicht auf Glauben/Wünsche-Paare reduzible Handlungsgründe und das Entdecken der Akteursaktivität, einschließlich der Rolle des normativ rekonstruierten Akteurs. I. Handeln im Kontext: warum nicht Holismus in der Handlungstheorie? In einem seiner letzten Artikel hat Donald Davidson auf den erstaunlichen Umstand hingewiesen, dass es in der Geschichte der (westlichen) Philosophie nur zwei Phasen mit einem starken Interesse an dem gibt, was Handlungen sind -im Unterschied zum üblichen moralischen Interesse, wie man handeln soll -, nämlich zu Zeiten von Aristoteles und in der Gegenwart. 1 Diese Beobachtung könnte durch die weitere ergänzt werden, dass vielleicht nicht zufällig sowohl bei Aristoteles als auch in der heutigen Philosophie die kritische Distanz zu Metaphysik und Erkenntnistheorie der traditionellen Begeisterung für diese Disziplinen in etwa die Waage hält, sodass im so entstehenden philosophischen Pluralismus -neben dem dominanten Interesse an allen Aspekten der Erkenntnis und des Geistes -auch ein ausführlicher Blick auf Handlungen möglich wird. Tatsächlich kennt die 'analytische Philosophie' seit Jahrzehnten eine ebenso detaillierte wie umfangreiche Diskussion zur 'analytischen Handlungstheorie', aber bereits der Titel einer Spezialdisziplin neben anderen unterstreicht die ambivalente und unsichere Rolle der Handlungstheorie im Kontext der ganzen Philosophie. In ihr nehmen die traditionellen Fragen zur Sprache, zu Geist und Bewusstsein nach wie vor ungleich breiteren Raum ein als Fragen dazu, warum und wie Menschen handeln. Wird die Handlungstheorie damit von den anderen Disziplinen in ein eigenes Refugium gezwängt, so hat sie sich auch selbst nicht gerade enthusiastisch als Inklusionen anstrebendes Unternehmen hervorgetan. "Was Handlungen sind", ist eine für Davidson und große Teile der von ihm beeinflussten analytischen Handlungstheorie typische Frage, die weniger harmlos ist, als sie auf den ersten Blick vielleicht erscheint. Was Handlungen sind oder was Handlungen ausmacht, wird meist als die zentrale Frage der Handlungstheorie verstanden, nicht selten in Form von Wittgensteins Formulierung: "was ist das, was übrigbleibt, wenn ich von der Tatsache , daß ich meinen Arm hebe, die abziehe, daß mein Arm sich hebt?" 2 Viele Autoren haben diese Frage als die zentrale Problemexposition akzeptiert 3 , und die meisten haben Davidsons erste grobe Antwort als Programm übernommen, das es zu verteidigen und zu verfeinern gilt. Danach ist es eine Verbindung von Glauben und Wünschen, die Handlungen zugleich rechtfertigt [rationalizes] und kausal hervorbringt beziehungsweise erklärt. 4 Davidson selbst hat eine Reihe von Schwierigkeiten und offenen Flanken seines Vorschlags eingeräumt, ihn aber bis hin zu seinen letzten Publikationen vertreten. 5 DZPhil, Berlin 55 (2007) 4, 521-544 522 Davidson und andere haben das Standardmodell der Handlungstheorie vor allem mit zwei, von Wittgenstein und Anscombe übernommenen Thesen verbunden: erstens, dass Handlungen über Beschreibungen identifiziert werden müssen und die Beschreibungen ein und derselben Handlung eine offene Menge bilden; und zweitens, dass die subjektiven Zustände des Akteurs die Handlung rationalisieren müssen und diese entsprechend als rational verstehbar erklärt werden kann. Als Davidsons spezifische Leistung wird meist gesehen, dass er diese zwei Anforderungen mit einer dritten versöhnt hat, die im geistigen Klima von Ryle und Wittgenstein mit den beiden ersten als unvereinbar erschienen war: der These einer kausalen, im Unterschied zu einer logischbegrifflichen Beziehung zwischen den Motiven des Handelns und der Handlung. Bis heute liegt die Attraktivität von Davidsons 1963 begonnenem Projekt im schwer überbietbaren Anspruch, diese drei Anforderungen der Beschreibungsabhängigkeit, der Rationalität und der Kausalität miteinander verschmelzen zu können. Getrübt wird die Anziehungskraft dieses Anspruchs allerdings durch die eigenartige Engführung des Programms, die bereits an der 'zentralen Frage' sichtbar wird. Während Davidson in seiner Sprachtheorie einen uneingeschränkten Holismus vertritt, wonach einzelne Sätze ihre Bedeutung durch die Verbindung mit allen anderen Sätzen gewinnen 6 , fasst er Sinn und Verständnis von Handlungen enger. Trotz des prinzipiellen Zugeständnisses der wechselseitigen Abhängigkeit von Bedeutungen, Wünschen und Überzeugungen, und trotz der Akzeptanz der Beschreibungsabhängigkeit von Handlungen, hat er durchweg ein eher reduktives als holistisches Modell von Handlungen im Sinn. Statt die Beschreibungen und die Rationalität von Handlungen ihrerseits in Abhängigkeit von der Beschreibung vieler anderer Dinge zu sehen: dem Akteur, dessen Selbstverständnis, seiner Einstellung, seinem Wissen, seiner Geschichte, seinen Handlungsumständen, seiner sozialen Position und Rolle, seiner Gesellschaft, seiner Tradition, wird das Verstehen von Handlungen auf das Verstehen von Beschreibungen der einzelnen Handlungsereignisse begrenzt. Diese ontologisch-anämische Handlungstheorie verträgt sich jedoch nicht nur schwer mit Davidsons eigenem, immer umfassender entwickelten hermeneutischen Programm 7 , sie ist im Licht zahlreicher, in den letzten Jahren vorgebrachter Einwände auch nicht mehr haltbar. Was beim Handeln vor sich geht, kann sicher mithilfe psychischer Zustände und Ereignisse, jedoch ebenso gut mithilfe von Einstellungen, Erinnerungen, Plänen, Lebensphasen und Lebensgeschichten der Akteure beschrieben werden. Es kann aus dem unmittelbaren Glauben und Wünschen der Akteure, aber zusätzlich auch aus dem Glauben und Wissen der Gemeinschaft, der sie angehören, den argumentativen Standards der Kommunizierenden heraus erklärt werden. Es kann sowohl im Licht der individuellen Eigenschaften als auch im Licht sozialer Erwartungen und Normen, unter dem individuellen Anspruch von Überzeugungen, aber auch unter dem Aspekt normativer Praktiken und kollektiver Glaubensbestände gesehen werden. Handlungen können eben nicht nur als isoliert-einzelne Handlungen, sondern auch als Teile von kollektiven Handlungen thematisiert werden. Welche Absichten mit einer bestimmten Handlung verbunden sind, kann manchmal eine einzelne Handlung klar genug werden lassen, unter Umständen ist aber eine umfangreiche Erzählung nötig. Handeln kann wie alle menschlichen Manifestationen ganz einfach, aber auch sehr kompliziert sein, und der Vorzug des Holismus besteht darin, diese Komplexität anzuerkennen und im Verständnis noch der einfachsten Elemente des Handelns einzuräumen. Von einer 'holistischen' Handlungstheorie könnte man erst dann reden, wenn die eben angedeuteten Abhängigkeiten sichtbar würden, während die Standardtheorie des Handelns viel dazu beigetragen hat, sie zu verdrängen.
doi:10.1524/dzph.2007.55.4.521 fatcat:x6yg4nj5ojf3jiryoetv2izscq