Psychische Symptome bei chronischer Nephritis

1886 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Von den beiden Fällen, deren Krankengeschichte ich nachstehend mitzutheilen mir erlaube, war der eine mit der Diagnose "progressive Paralyse" meiner Anstalt zugewiesen worden, der andere litt dem beigebrachten Attest zufolge an Hypertrophie des Herzens mit consecutivem Hydrops und periodischen Anfällen von Störungen des Bewusstseins" ; eine Erkrankung der Nieren, speciell das Vorhanden-.sein von Eiweiss im Harii, wurde auf Befragen seitens des behandelnden Arztes in Abrede gestellt. Der eine
more » ... stellt. Der eine der beiden Patienten war durch den untersuchenden Apotheker davon unterrichtet, um was es sich handele und iii der Lage, das Resultat der wiederholten Untersuchung auf einem mitgebrachten Zettel mitzutheilen und auch selbst zu lesen. Dieser Patient, angeblich Paralytiker, ein höherer Eisenbahnbeamter von 43 Jahren, wurde am 22. November 1882 in die hiesige Anstalt aufgenommen. Herr Seli., ohne heredith.re Belastung, hat vor ca. 20 Jahren an Gonorrhoe und Ulcus molle gelitten , Zeiehen von luetiseher Infection sind später niemals zu Tage getreten. Häufige Excesse in Baccho werden von ihm selbst zugegeben. Schon seit mehreren Jahren fühlte er sich, wie er angiebt, körperlich krank und matt. Im Sommer 1882 litt er an anhaltenden hartnäckigen Diarrhöen. Dazu traten im letzten halben Jahre häufige Kopfschmerzen und cine dem Patienten selbst bemerkbare Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit, Unlust zur Arbeit, periodische Gedächtnissschwäche. Ab und zu kam es vor, dass er beim Ueberlesen seiner Arbeiten oder Briefe, dieselben anders, als es in seiner Absicht gelegen, geschrieben hatte. Etwa neun Wochen vor seinem Eintritt in die hiesige Anstalt wurde er von einem eigenthümliehen, mit Gehirnerseheinungen verbundenen Anfall überrascht, dem nach ca. 6 Wochen ein zweiter Anfall folgte. Der Anfall verlief derart, dass die schon vorhandenen Kopfschmerzen (Stirngegend) sieh ins Unerträgliche steigerten, das Bewusstsein sich trübte und Hallucinationen auftraten. Die Sprache wurde lallend und verworren. Die psychischen Erscheinungen sollen beidemal nach einigen Tagen zur Norm zurückgekehrt sein. Am Tage nach der Aufnahme des Patienten in die Anstalt, ehe ich noch Zeit gefunden hatte, eine genauere Untersuchung mit ihm vorzunehmen, trat ein ähnlicher Paroxysmus ein. Patient wurde von heftigen Kopfschmerzen befallen, zeigte grosse Unruhe, lebhafte Angstgefühle und während kurzer Zeit benommenes Sensorium. Der einige Tage nachher aufgenommene Status ergab folgenden Befund: Blasses, ungesundes Aussehen, rcducirte Ernährung. Linke Pupille merklich weiter als die rechte. Bewegungen der Bulbi normal. Sehschärfe beiderseits bedeutend herabgesetzt. Farbenblindheit nicht vorhanden. Es besteht leichte Sprachstörung, die sich darin zeigt, dass er ungewohnte grössere Wörter, wie Exterritorialität, trotz wiederholten Versuches und grosser Aufmerksamkeit nicht nachzusprechen vermochte. Aehnlich verhält es sich mit dem Gang. Langsamer Schritt gelingt nicht, die Kehrtwendung ist sehr unbeholfen. Die Schrift ist incorrect und zittrig, mit lückenhaftem Inhalt. Puls beschleunigt, 100 Schläge in der Minute. Temperatur nicht erhöht. Herztöne rein. Athmungsgeräusehe normal. Lebergrösse normal. Appetit ziemlich rege. Der Urin, an verschiedenen Tagen wiederholt untersucht, war meist sehr hell, diluirt, nur wenig getrübt. Mitunter aber auch gelang es, solchen von concentrirterer Beschaffenheit zu erhalten. In letzteren Fällen war es stets leicht, einen beträchtlichen Eiweissgehalt in demselben nachzuweisen. Im. erstem Zustande misslang der Nach-Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1139986 fatcat:duxvsyvyhzcphaxvywaktyinlm