Politische Heilige im hochmittelalterlichen Polen und Böhmen

Aleksander Gieysztor, Vorträge Und Forschungen
2014
1. Unter den kirchlichen Maßnahmen und Investitionen, die von politischen Machtzentren und der mit diesen verbundenen Kirche in neu christianisierten mitteleuropäischen Ländern unternommen wurden, durfte es an einer entsprechend ausgeprägten Heiligenverehrung nicht fehlen. Diese Heiligenverehrung war ein Pfeiler der Christianisierung. Mit ihrer Hilfe wurden religiöse Überzeugungen und fromme Praktiken ins breite Volk getragen, damit aus der Anwesenheit der heiligen Fürsprecher geistige Kräfte
more » ... r geistige Kräfte geschöpft werden konnten, die die Großen und Kleinen dieser Welt in ihren Bemühungen um ihr diesseitiges Wohl und um den Lohn im Jenseits bestärken sollten. In diesem Bereich, der im Mittelpunkt der von der Kirche organisierten damaligen Frömmigkeit stand, zu investieren, hieß zugleich, beträchtliche Mittel zu mobilisieren. Außer der Einladung von fremdem Klerus und der Ausbildung einheimischer Geistlicher mußten Kirchenbauten begonnen und weitergeführt werden. Die Kirchen brauch ten geeignete Patrozinien, wobei die Reliquien oft von sehr weit herbeigeholt werden mußten. Aus der verfügbaren Ikonographie nahm man eine visuelle Stütze der Religionsausübung. Es wurde zur schriftlichen, mündlichen und musikalischen Überlieferung gegriffen, um durch Heiligenlegenden den Kult den Gläubigen näherzubringen l \ In Ländern, die erst kürzlich evangelisiert worden waren, mußte dafür gesorgt werden, daß die christlichen Heroen in dem Landstrich, in den sie übetragen wurden, volle Anerken nung genossen. Durch ihre Wunder sollten Machtbeweise erbracht werden, damit sie in der anfänglichen Gegenüberstellung mit der heidnischen Weltanschauung bestehen und eine monotheistische Religion vielfältig verständlich machen konnten. Als Beispiele mögen hier der Vergleich von Svarozic und St. Mauritius in einem Brief Bruns von Querfurt und die gelehrte Gegenüberstellung von Svantevit in Arkona und St. Vitus in Corvey dienen 2 \ 1) Uber die Einführung des Christentums und den Heiligenkult: F. GRAUS, Volk, Herrscher und Heiliger im Reich der Merowinger. Studien zur Hagiographie der Merowingerzeit (1965) S. 174ff.; A. GIEYSZTOR, Les paliers de la penetration du christianisme en Pologne au X e et XI e siecles, in: Studi in Onore A. FANFANI (1962) S. 327367; DERS., Samts d'implantation, saints de souche dans les pays evangelises de PEurope du Centreest, in: Hagiographie, cultures et societes, IV e XIP s. (1981) S. 573584; H. D. KAHL, Heidnisches Wendentum und christliche Stammesfürsten, Archiv f. Kulturgeschichte 44 (1962) S. 88. 2) Quo modo conueniunt Zuarasiz diabolus et dux sanctorum, uester et noster Mauritius? qua fronte coeunt sacra lancea et qui pascuntur humano sanguine diabolica vexilla? Epist. Brunonis ad Henricum 326 ALEKSANDER GIEYSZTOR Die Aufstellung einer Liste zu verehrender Heiliger ging mit Bemühungen einher, einheimische Heilige einzusetzen, wobei man örtliche Herrscher, Bischöfe, Märtyrer und Bekenner zur Ehre der Altäre erhob. Aus diesem Kreise stammen vornehmlich die politischen Beschützer des ganzes Landes als Identitätssymbole im christlichen Europa. Nichtsdestoweni ger ist festzustellen, daß die politischen Heiligen stets dort auftreten, wo ein Machtkampf währt oder auch ein Kampf um die Machtausübung innerhalb der Gesellschaft mit gleichzeiti ger Ordnung der Verhältnisse geführt wird, nach außen hin aber bei Interessenkonflikten zwischen staatlichen und staatsähnlichen Organisationen. Eine echte Staatskirche bot eine umfassende Liste von Heiligennamen, manchmal auch von Heiligenviten sowohl über einhei mische als auch importierte Heilige. Man führte in den Litaneien und Kalendern, wie in Krakau schon im elften Jahrhundert, die im Lande verehrten Heiligen 3 ). Mit Hilfe dieses ideologischen Instrumentariums unterstützte die Kirche den Zusammenhalt des politisch aktiven Teils des Volkes. Die staatskirchlichen Zielvorstellungen umfaßten vielfältige Anlie gen, wie zum Beispiel den Aufbau der staatlichen Organisation auf lokaler Ebene oder die Gewährleistung einer eigenständigen Existenz in einem militärischen Konflikt mit den Nach barn 4^. 2. Die christlichen Heiligen erfüllten ihre geistige Aufgabe in Ostmitteleuropa unmittelbar nach der Taufe der dortigen Herrscher und Völker, welche in den verschiedenen Ländern vom Ende des achten Jahrhunderts bis zur Mitte des zwölften Jahrhunderts stattfand. Welche Heiligen boten die Kirche des lateinischen Ritus und die Herrscher unter einträchtigen Bemühungen den christianisierten Völkern an? Bei dem Versuch, diese Frage zu beantworten, werden wir uns zunächst einmal auf Polen konzentrieren und beginnen mit den Pfarrgemeinden. Auf dem Gebiet der Pfarrorganisation befand sich in der Frühzeit der Christianisierung die Kapelle in den herzoglichen Burgen, Sitz der unteren, grundlegenden Staatsbehörde, das heißt der militärischen, gerichtlichen und fiskalischen Gewalt 5) . Auf den ersten Blick fehlen einschlägige Quellen, die die Patrozinien dieser Burgkapellen vor dem 13. und 14.Jahrhundert belegen könnten, Jahrhunderten, in denen schriftliche Überlieferungen bereits reichhaltig vorhanden sind und Informationen über das gesamte Königreich vermitteln. Einige Möglichkeiten, Patrozinien zu erforschen, bieten sich im Zusammenhang mit einem gewissen Konservatismus in bezug auf Schutzheilige. Eine recht umfassende und repräsentative Untersuchung, die im Raum des Bistums Krakau durchgeführt wurde, hat erwiesen, daß rund 90 Prozent der dortigen Kirchen, deren Patrozi nien bis zum 13. oder 15.Jahrhundert zurückzuverfolgen sind, bis heute ihre heiligen Schutzpatrone nicht gewechselt haben 6) . Wir dürfen annehmen, daß die kirchlichen Patrozi nien, soweit sie aus späteren Quellen bekannt sind, in den Burgen, die seit Ende des zwölften Jahrhunderts castellaniae genannt werden, den Sachverhalt zur Zeit der Burggründung im zehnten bis elften Jahrhundert also sowie zur Zeit der vollständigen Ausprägung des Burgwesens im zwölften und teilweise im dreizehnten Jahrhundert widerspiegeln. Untersuchungen am Beispiel der Bistümer Krakau und Posen ergaben hinsichtlich der Patrozinien der dortigen Kirchen und Burgkapellen den folgenden Sachverhalt: In der Krakauer Diözese, die im Jahre 1000 gegründet worden war, gab es 16 Burgen, von denen aus staatliche Verwaltungshoheit ausgeübt wurde. Die Existenz dieser Burgen im elften und zwölften Jahrhundert ist über jegliche Zweifel erhaben 7 \ Die Patrozinien, die wir in diese Zeit zu datieren wagen, obgleich sie erst in einer späteren Periode des Mittelalters urkundlich belegt sind 8) , sehen folgendermaßen aus: Das Bistum Krakau stand im Zeichen St. Wenzels, dessen Namen es bis heute trägt und dem im D.Jahrhundert der hl. Stanislaus beigefügt wurde. Doch der Schutzheilige der Diözese hatte auf die Schutzpatrone der ältesten Pfarrkirchen keinen Einfluß. Das Wenzel Patrozinium wurde Ende des zehnten Jahrhunderts entweder unter böhmischer Herrschaft oder bereits unter Boleslaus dem Tapferen eingeführt, nachdem dieser noch zu Lebzeiten seines Vaters nach 988/989 mit Krakau ausgestattet worden war. Sogar als das Netz der Pfarreien immer engmaschiger wurde, wurde der hl. Wenzel nur selten zum Kirchenpatron gewählt, nämlich nur zweimal: einmal für eine Vorstadtkirche in Radom, wo die Burgkapelle
doi:10.11588/vuf.1994.0.17640 fatcat:o2q34hzipvewbegopbsn6jylce