Erziehung zur Lebensuntüchtigkeit : Die Brisanz der lernbiologischen Schulkritik

Fritz Reheis
2019
Vorbemerkung So ehrlich sind Minister selten. In Zeitungsanzeigen bietet der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, Dr. Rainer Ortlcb, bis zu 6000 Mark für Ideen und Vorschläge zur grundlegenden Reformierung des »institutionalisierten Lernens«. Es geht um die existentielle Frage, »wie junge und erwachsene Bürger von der Notwendigkeit einer natur-und umweltverträglichen Lebens-und Wirtschaftsweise überzeugt werden können und dementsprechende Verhaltensdispositionen dauerhaft zu verankern
more » ... haft zu verankern sind«. 1 In den Ausschreibungsunterlagen ist die genauere Begründung für den Wettbewerb nachzulesen. Im industrialisierten Norden der Welt, schreibt der Minister, ist eine neue Lebens-und Wirtschaftsweise »unvermeidlich« geworden. Von einer solchen Erneuerung hängt das Überleben »großer Teile der Menschheit« ab. Und: Die Zeit drängt, wir haben höchstens noch »eine Generation« für die Umstellung zur Verfügung. Es geht um nichts geringeres als ein »neues Wohlstandsmodell«. Das bisherige Wohlstandsmodell verwechselt »Freiheit« mit »Bindungslosigkeit«, räumt dem »ökonomischen Kalkül« gern den Vorrang vor anderen Überlegungen ein und huldigt der »Devise >Haben statt Sein«<. Für diese schonungslose Analyse verdient der Minister alle Anerkennung. Nur: Die sich anschließende Behauptung, daß »bisher nicht vertieft erörtert worden« sei, welche Beiträge das Bildungswesen zu solchen Überzeugungen und Dispositionen leiste bzw. leisten könne, ist eine -gelinde gesagt -blamable Fehlinterpretation. Kritische Wissenschaftler und Praktiker warnen seit Jahrzehnten vor den langfristigen Auswirkungen des herrschenden Schulbetriebs. Aber der Staat war bisher an diesen Argumenten wenig interessiert, er hatte offenbar andere Schwerpunkte gesetzt oder die Kritik aus anderen Gründen nicht wirklich ernstgenommen. Einer dieser Kritiker, ein ideologisch unverdächtiger Naturwissenschaftler, war und ist immer noch Frederik Vester. Er hatte bereits in den 70er Jahren bundesweite Aufmerksamkeit mit seiner Fernsehsendung »Denken, Lernen, Vergessen« erregt und hat mittlerweile eine stattliche Zahl von Büchern genau über jenes Thema geschrieben, das den Bundesminister nun zu seinem Hilferuf veranlaßt hat: die Vernetzung von natürlicher Umwelt und menschlichem Verhalten. Als 1978 ein Landtagsabgeordneter im Münchner Kultusministerium nachfragte, ob Vesters Erkenntnisse schulpolitisch nutzbar gemacht werden sollten, bekam er zur Antwort, Vesters Prinzipien fänden in Bayerns Schulen bereits seit langem »gebührende Anwendung«. 2 Ich möchte im folgenden die ökologische Herausforderung an das Bildungswesen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert skizzieren, dann Vesters Argumentation zum biologisch sinnvollen Lernen und dessen Behinderung in der herrschenden Schule rekonstruieren und anschließend einige praktische Überlegungen zu den Konsequenzen anstellen, die sich aus Vesters Kritik für eine ökologisch orientierte Pädagogik ergeben.
doi:10.20378/irbo-54494 fatcat:ncp2gg65vfcttcwdd75ykquml4