Wie lange können die Abdominaltyphusbacillen im menschlichen Körper lebensfähig bleiben?

L. Orlow
1890 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die Lösung obiger Frage bietet nicht nur für die Biologie der Typhusbacillen Interesse, sondern auch für die Therapie, des Abdominaltyphus, da diese Frage in direkter Verbindung mit der Aetiologie der Recidive steht, die gerade nach dieser Erkrankung häufig beobachtet werden. Mit grosser Wahrscheinlichkeit lässt sich annehmen, dass die Recidive nach Abdominaltyphus auf Autoinfection und nicht auf erneuter Infection von aussen her beruhen. Ein in dieser Hinsieht charakteristisches Beispiel ist
more » ... ches Beispiel ist in letzter Zeit von Dr. Valentini1) berichtet worden. Bei einem Abdominaltyphuskranken (mit hoher, drei Wochen lang dauernder Temperatur und nachfolgender vier Wochen währender subfebriler Periode) wurde gleichzeitig mit subperiostaler Eiterung der Tibia ein Rückfall mit typischen Temperaturschwankungen und Auftreten von Roseola beobachtet. Im Eiter wurden ausschliesslich Typhusbacillen gefuilden. Die eingangs gestellte Frage ist auch für die Prophylaxe des Abdominaltyphus nicht werthios. Q uincke2) theilte auf dem sechsten Congress für innere Medicin während der Discussion über den unten citirten Fall A. Fränkel's zwei Fälle von Abdominaltyphusansteckung durch Kranke mit, die ') Berliner klinische Wochenschrift 1889 No. 17. ) Verhandlungen des congresses für innere Medicin. VI, 1887, p. 189. No. 48 schon den Abdominaltyphus überstanden hatten und viele Wochen" fieberlos gewesen waren. Auf Grundlage dieser Fälle ist er der Ansicht, dass die Typhusbacillen viel länger -zum mindesten im Darm -am Leben bleiben, als allgemein angenommen wird; zugleich constatirt Quincke auch, dass derartige Kranke für ihre Umgebung gefährlich sind, und ihre Defäcationeu einer Desinfection bedürfen. Der Wichtigkeit dieser Frage ungeachtet, besitzen wir bisher zu wenig genaue Daten zu ihrer Lösung. Nach einigen Untersuchungen schwinden schon nach der vierten, fünften Woche des Abdominaltyphus die Bacillen aus allen Organen ; nach anderen Autoren (E. Fraenkel und Simmonds) erhalten sie sich zdweilen sehr lange im Organismus, wenn auch nach den anderen Symptomen der typhöse Process schon abgelaufen ist. Leider geben diese letzteren Autoren keine genauen Daten darüber, wie lange nach Beendigung des Typhus von ihnen in diesen Fällen die Typhusbacillen gefunden worden waren. Von anderen Autoren verweise ich auf den schon oben citirten Dr. Va1entini, der Culturen von Typhusbacillen aus dem Eiter des periostalen Abscesses vom 55. Tage nach Erkrankung an Typhus abdominalis erhielt. Ungefähr im selben Zeitraum fanden sich in seinem anderen Falle lebende Typhusbacillen. Ein viel grösseres Interesse bietet der Fall von A. Fränkel dar. Fraenkel erhielt aus dem Eiter eines abgesackten peritonitischen Abcesses, der sich bei einem Abdominaltyphusicranken aus dem Zerfall einer entzündeten Mesenterialdrüse oder eines Milzinfarctes gebildet hatte, 4'/2 Monate nach Beginn des Typhus Culturen von Typhusbacillen. Bis jetzt galt dieser Fall für alleinstehend in der Litteratur; jetzt kann ich noch eine weitere Beobachtung hinzufügen, nach der lebensfähige Typhusbacillen fast doppelt so lange, als im Fraenkel'schen Falle, im menschlichen Organismus sich erhielten. Die Kranke, ein Mädchen von 22 Jahren, fühlte gegen Mitte Januar 1889 allgemeine Abgeschlagenheit, Schwäche; vom 24. Januar an bettlägerig, entwickelt sich bei ihr ein Abdominaltyphus, tIer ß Wochen währt. In den letzten Tagen der Bettruhe treten Schmerzen auf der Vorderfläche der rechten Tibia auf, gleichzeitig Schwellung des rechten Unterschenkels. Anfangs sind diese ziehenden Schmerzen nicht bedeutend und steigern sich sehr beim Gehen, dann treten sie auch nachts auf; überhaupt sind die Schmerzen bald schwächer, bald stärker. Den Juni und Juli hindurch ist Patientin fast frei von Schmerz, Ende August treten sie von neuem auf und werden so heftig, dass Patientin ärztliche Hülfe sucht. Die Schwellung des Unterschenkels, die gegen Ende der Bettruhe aufgetreten war, schwand seitdem nie völlig. Anfang September wandte sich Patientin an das Ambulatorium des klinischen Institutes. Diffuse Schwellung am Unterschenkel an der Grenze des mittleren und unteren Drittels über der Tibia, von normaler Haut bedeckt. Die Schwellung besteht nur in den weichen Theilen, keine Knochenverdickung palpirbar; Betasten sehr schmerzhaft; Beklopfen des Knochens ober-und unterhalb der geschwellten Partie fast schmerzlos; keine Fluetuation. Der Kranken wird, da sie von operativem Eingriff nichts hören will, innerlich Jodkali, auf die Geschwulst ein Mercurialpflaster verordnet. Nach zweiwöchentlichern Gebrauch dieser Medication ist die Schwellung peripher geringer geworden, central ist sie bedeutender. Auf der Vorderfläche der Tibia tritt eine zur Knochenachse quer gestellte Leiste hervor, die sich beim Palpiren viel härter anfühlt, als die frühere Geschwulst, und viel empfindlicher ist. Die Haut ist durch das Pflaster stark geröthet. Ungeachtet all dieser Veränderungen hatten die Schmerzen durchaus nicht abgenommen, so dass Pat. jetzt selbst auf Operation drang. 2G. September. Tn der Chloroformnarkose Schnitt in der ganzen Länge der Geschwulst bis auf den Knochen, Abhebelung des Periosts, der Knochenherd wird mit Meissel und Löffel entfernt. Zwischen dem verdiekten Periost und der rauhen Tibiaoberfläche fand sich eine grauröthliche Masse, so gross wie eine abgeflachte Illaselnuss. Auf den blossen Blick machte sie den Eindruck tuberculöser Granulationen, nur consistenter und blasser. Nach Entfernung der Masse sammt dem bedeekenden Periost und oberflächlicher Abmeisselung des Knochens , zeigt sich auf der Tibia eine stecknadelkopfgrosse Erhöhung von derselben Farbe und Consistenz wie die entfernte Periostgeschwulst. Die durch diese Erhöhung eingeführte dünne Sonde gelangt in eine von festen Knochenwänden begrenzte Höhlnng. Nach Erweiterung der Knochenöffnung zeigte sich diese liöhlung mit gleichen Granulationsmassen gefüllt, wie die subperiostale Geschwulst. Nach Losmeisselung der Höhle in ihrer ganzen Länge und Entfernung der Granulationsmassen erhielt ich in der Corticalis eine Furche von ca. 4 cm Länge und 2_2h/ Linien Breite. Augenscheinlich hatten wir 2 Herde vor uns: einen snbperiostalen und einen ossalen, der nur in der Corticalis sass; beide Herde bestanden aus gleichartigem Granulationsgewebe, waren durch einen dünnen Granulationsstrang verbunden, der im Querschnitt bei der Operation den Eindruck der Granulationserhebung machte. Nach Entfernung der scharfen Knochenränder wurden Secundärnähte durch die Haut gelegt. Die Schmerzen schwanden schon tags darauf und sind seitdem nicht wieder aufgetreten. Da ich es in diesem Falle augenscheinlich mit typhöser Periostitis, deren Ursache ja auch Typhusbacillen sein konnten, zu thun hatte, so war schon alles zu Impfungen vorbereitet. Während der Operatioli impfte ich denn auch sowohl aus dem subperiostalen wie aus dem Knochenherd auf Kartoffel, Gelatine und Agar-Agar. Gewebstlieilchen, die ich ohne besondere Schädigung entfernen konnte, wurden in Spiritus gelegt, die übrigen kleineren Stückchen zu Trockendeckglaspräparaten benutzt. Schon am folgenden Tage war in den Agargläschen, die im Thermostaten standen (Impfung aus dem Knochenherd), eine Cultur in Form eines weisslichen Anfluges be-Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1207572 fatcat:iycsibbndnbgjguq2segq5gy4e