Aneurysmatische Entartung der Gehirnrinde nach übermässiger Anstrengung

Ludwig Meyer
1868 Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten  
Hierzu Tafel VII. Fig, II. Wir werden uns heute mf~ der Un~ersuchung eines jener F/file besch/iftigen, welehe ganz eigentlich bestimmt scheinen, die Unentbehro lichkeit des klinisehen Unterrichts in der Psychiatrie darzuthun; denn in der Beobachtung und Darstelluug der Entstehung und des Yerlaufes dieses, wie analoger Krankheitsf~lle, bietet sich uns eine unvergleichliche Gelegenheit die empfindlichsten Lticken des Systems~ dessen wir, bei dem dermaligen Stande uuseres psychiatrischen Wissens,
more » ... atrischen Wissens, einmal zu Unterrichtszwecken nicht entrathen kSnnea~ auszufiillen. Indem unser Kranker nebeu und nach einander eine Reihe yon Erscheinungen beobachten liess~ welche nicht nut den verschiedensten Formen der Geisteskrankheiten angeh6ren~ sondern in das Gebiet ebensowohl der Neurosen als der substantiellen Gehirnerkra~kung hiniiberffihren~ bekommen wir eine gute Illustration zu dem nicht geuug zu beherzigetiden Satze der modernen Psychiatrie yon der inneren Zusammengehbrigkeit jener Erkrankungsgebiete. 57ach dieser Auffassung sind Geisteskrankheiten~ gleich dell allgemcinen Sensibilitats-und Motilitatsstiirungen, "Symptome analoger und gradweise verschiedeuer, durch Individualit~t, den allgemeinen Erregungszustand des ~ervensystems~ durch die Zeit~ inuerhalb welcher die Schi~dlichkeit zur Entwickelung gelangt~ und ahnliche Einfiiisse in ihren Aeusserungsweisen modificirter (~ehirnerkrankungeu. *) Der erste Theil dcr ~Iittheilung ist eiu, in der GSttinger psychiatrischen Klinik im Sommersemester (1867) gehaltener u *) Die allgemeino progressive Gehirnl~ihmung, eine ehronlsche Meningitis. Berlin 1868, pag. 40. Aneurysmatische Entartung der Gehirnrinde. 281 ner grSsseren Arterien sowohl, als zahlreicher kleinerer Aeste. Diese Erfahrnngen, welche sich dnrch ~thnliche*) aus der neueren Litteratur nicht unbetriichtlich vermehrten, n6thigten zu einer wesenflichen Modification der Theorie, deren weitere Begriindung uns bier zu welt fiihren wiirde. Erwithnt sei nur, dass diese Erfahrungen in Yerbindung mit den, bier oft demonstrirten Circulations-Verhaltnissen der Gemiithskrankeu fast dazu nSthigen, die Erregung krankhafter (~emfithszust~ind% der Melancholie, der Manie mit StSrungen des Drucks, die meist wiedcr yon Storungen der Circulation innerhalb der Sch~delhShle abhangen, in einen gewissen Zusammenhang zu bringen. Fiir die klinische Psychiatric sind jene Erfahrungen aber haupt-s~chlich desshalb so werthvoll, well sie uns mit einer Reihe oft scheinbar unbedeutender Erseheinungen bekannt machen, bei deren Vorhandenseia wir hinter dem sog. Gemtithsleiden eine sehr wesentliche Gehirnerkrankung, mindestens mit hoher Wahrscheinlichkeit diagnosticiren dtirfen, und das is~ es haupts~ich]ich, was uns die Untersuchung des gegenw/irtigen Falles so lehrreich machen muss. Der Kranke, am 9. Juli 1867 der Anstalt zugeffihrt~ sieht im 27. Lebensjahre, ist Zimmermann~ verheirathet und u dreier gesunder Kinder. Bei seiner mittleren Gr6sse fallt die betr~tchtliche Schulter-breit% der untersetzt% robuste, fast athletische Wuchs urn so mehr auf. Die im Sitzen gebeugte Haltung, der auf die Brust gesenkte Kopf, die den Knieen aufgestiitzten Arme machen den Eindruck der Erschlaffung und Uebermfidung. Er bewegt sich kaum auf seinem Sitze, auf dem er bisher wrihrend der ganzen Untersuchung verharrte, scheinbar in sich versunken und vSllig theilnahmlos fur Alles um ihn Vorgehende. Aber der Ausdruck der Gesichtszfige entspricht einer derartigen Dcutung durchaus nicht. Dieselben sind schmerzlich verzogen, die Stirn zeigt sowohl Quer-als Ltngsfalten~ die ~asenfiiigel sind herauf-~ die Mundwinkel herabgezogen, als sollten sogleich Thri~ncn erfolgen. Unter den halb herabgezogenen oberen Augenlidern ver~ndern die Augen oft und plStzlich ihre Richtung~ nach jeder Bewegung, jedem Gerausche in der Umgegend angstlich blickend. Yeranlassen wit ihn aufzustehen und umherzugehen, so sucht er die Eeken des Zimmers auf und hMt sich, wahrend er sich welter bewegt, mit dem Rficken der Wand zu gerichtet, beide H:,tnde vor sich hin haltend, als ob er sich stets zur Abwehr eines plStzlichen Angr[ffes bereit halten mtisse. *) S. Bericht fiber die 40. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerztc zu tlannover pag. 341.
doi:10.1007/bf02089715 fatcat:o7ptfwyvrzay3czkwl67uhu3ju