"Dein einziges und höchstes Ziel ist gesunken" : was die Philosophie Immanuel Kants für den Dichter Heinrich von Kleist bedeutete [article]

Gerhard Lohfink, Universitaet Tuebingen
2020
Am 12. Februar 1804 starb der deutsche Philosoph Immanuel Kant. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet: Kant hat die Welt verändert. Die tiefe Skepsis gegenüber metaphysischer Wahrheit, die heute weit verbreitet ist, geht zu einem guten Teil auf Kants "Kritik der reinen Vernunft" zurück. Es kann nicht ganz falsch sein, sich in diesem Kant-Jahr nicht nur des Philosophen zu erinnern, sondern auch der Wirkung, die er auf andere hatte. Am 23. März 1801 schrieb Heinrich von Kleist einen
more » ... on Kleist einen Brief an seine Schwester Ulrike, dessen ersten Teil wir hier wiedergeben. Kleist ist nicht nur bekannt durch seine Dramen, seine Novellen und das beste Lustspiel, das je in Deutschland geschrieben wurde, den "Zerbrochenen Krug". Auch seine Briefe sind lesenswert. Die Begegnung mit der Philosophie Kants war für Kleist eine tiefe Erschütterung. Er hatte an die Ideale 'Wahrheit' und fortschreitende 'Bildung des Menschen' geglaubt. Obwohl Kant durch seine Philosophie 14 An Ulrike v. Kleist, Berlin, 23. März 1801 Mein liebes Ulrikchen, ich kann Dir jetzt nicht so weitläufig schreiben, warum ich mich entschlossen habe, Berlin sobald als möglich zu verlassen und ins Ausland zu reisen. Es scheint, als ob ich eines von den Opfern der Torheit werden würde, deren die Kantische Philosophie so viele auf dem Gewissen hat. Mich ekelt vor dieser Gesellschaft, und doch kann ich mich nicht losringen aus ihren Banden. Der Gedanke, daß wir hienieden von der Wahrheit nichts, gar nichts wissen, daß das, was wir hier Wahrheit nennen, nach dem Tode ganz anders heißt, und daß folglich das Bestreben, sich ein Eigentum zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ganz vergeblich und fruchtlos ist, dieser Gedanke hat mich in dem Heiligtum meiner Seele erschüttert. -Mein einziges und höchstes Ziel ist gesunken, ich habe keines mehr. Seitdem ekelt mich vor den Büchern, ich lege die Hände in den Schoß, und suche ein neues Ziel, dem mein Geist, frohbeschäftigt, von neuem entgegenschreiten könnte. Aber ich finde es nicht, und eine innerliche Unruhe treibt mich umher, ich laufe auf Kaffeehäuser und Tabagien, in Konzerte und Schauspiele, ich begehe, um mich zu zerstreuen und zu betäuben, Torheiten, die ich mich schäme aufzuschreiben, und doch ist der einzige Gedanke, den in diesem äußern Tumult meine Seele unaufhörlich mit glühender Angst bearbeitet, dieser: dein einziges und höchstes Ziel ist gesunken. -Ich habe mich zwingen wollen zur Arbeit, aber mich ekelt vor allem, was Wissen heißt.
doi:10.15496/publikation-45335 fatcat:e3tvf2gasjbotgnccmtx3vzgcy