Einleitung [chapter]

Johann Ev. Hafner, Hans-Michael Haußig
2020 "Mit Gott auf unserer Seite"  
With God on our Side" lautet der Titel einer der frühesten Songs des Nobelpreisträgers Bob Dylan. Er kritisiert in ironischer Form die Behauptung von Kriegsparteien, sie hätten Gott auf ihrer Seite. Auch wenn das Lied nicht explizit auf Kriege Bezug nimmt, die von den Religionsgemeinschaften initiiert wurden, eignet sich sein Titel für die vorliegende Publikation. Diese will religiöse Gewaltlegitimationen untersuchen. Seit der These Odo Marquards von der Schädlichkeit der Monomythie 1 hat sich
more » ... ie Meinung verbreitet, dass Monotheismus -vor allem der christliche und muslimische -zu Gewalt führe. Die Verehrer eines eifersüchtigen Gottes, der keine anderen Götter neben sich duldet, zögen scharfe Grenzen: zwischen Häresie und Orthodoxie, zwischen kanonischen und verbotenen Texten, zwischen Weissagung und Wahrsagerei, zwischen Liturgie und Magie. Grauzonen, Teilidentifikationen, Doppelmitgliedschaften verschwänden zugunsten von totaler Mitgliedschaft. Die Verehrer entwickelten ein Bewusstsein von Erwählung, höher zu stehen, eventuell auch von der Sendung, andere zu bekehren, und zugleich eine Allergie gegen Beleidigungen des eigenen Gottes. Er gelte ihnen als Garant ihrer Identität und bilde den Grund ihrer Nervosität. Dagegen seien nicht-monotheistische Religionen friedlicher. Ihre Götter tolerierten einander ebenso wie ihre Anhänger. Nun gibt es aber Weltreligionen, deren Toleranzideen ganz anderer Art sind. Der Hinduismus zum Beispiel ist in dogmatischer Hinsicht höchst tolerant, legt aber großen Wert auf Orthopraxis, wobei er jedoch zugleich eine Pluralität solcher Praxis akzeptiert. 2
doi:10.5771/9783956506659-9 fatcat:tn2hotx23fednpknornuzwlmjq