Zur Charakteristik der gegenwärtigen Therapie

Adolf Strümpell
1922 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
ersten Jahrzehnten und um die Mitte des vorigen Jahrhunderts mußte notwendigerweise zu einer Resignation in den therapeutischen Bestrebungen und Hoffnungen der Aerzte, ja vielfach zu einem vollständigen therapeutischen Nihilismus führen. Denn mit dem genaueren Bekanntwerden der schweren Verinderungen und oft ausgedehnten Zerstörungen, welche die Krankheiten im Inneren des Körpers hervôrrufen, schien fast jede Aussicht schwinden zu müssen, die so veränderten Organe des Körpers durch äußere
more » ... durch äußere Mittel und Einflüsse wkder in ihren normalen Zustand zurückzuführen. Gerade die wissenschaftlich tiichtigsten und unterrichtetsten Aerzte waren mn der Regel die größten therapeutischen Skeptiker. Ihnen erschien die "D j a g n o s e" als der wesentlichste Teil der ärztlichen Tätigkeit, und mit dem Ruhm des ausgezeichneten Diagnostikers verbatid sich nur selten der Ruhm eines erfolgreichen Therapeuten. Ausgedehntes therapeutisches Handeln wurde meist als Ausfluß einer unwissenschaftlichen und unkritischen Empine betrachtet; Nur einer kleinen Zahl von Heilmitteln -Quecksilber, Jod, Digitalis) Chinin und einigen andern -blieb die allgemeine ärztliche Anerkennung einertatsächlichen, wenn auch immerhin beschränkten Wirksamkeit erhalten. Kein Wunder, daß diese Zeit des ärztlichen Skeptizismus der Entstehung und Ausbreitung anderer, außerhalb der wissenschaftlichen Medizin angewandter Behandlungsmethoden besonders günstig War. In den letzten Jahrzehnten hat sich nun in den allgemeinen therapeutischen Anschauungen der Aerzte ein höchst auffallender Umschwung vollzogen. Wir befinden tins jetzt wieder in einer Zeit der therapeutischen Hochflut. Das therapeutische Handeln des Arztes Ist gegen früher viel umfangreicher und vielgestaltiger geworden. Fast jeder Tag bringt uns neue Heilmittel und Heilmethoden, die eindringlich empfohlen und von zahlreichen Aerzten eifrig angewandt und nachgeprüft werdet. An vielen Orten sind Fbriken entstanden, die fast nur die Erfindung und Herstellung neuer Arzneipräparate zur Aufgabe haben. Eine gänze Anzahl wissenschaftlich medizinischer Zeitschriften ist fast ausschließlkh dem weiteren Aus. bau deiS Therapie und der Verbreitung der neu empfohlenen Heilmethoden gewidmet. S Der ältere Arzt, der diesen ganzen Umschwung allmählich selbst miterlebt hat und nicht wie die jetzige medizinische Jugend von vornherein in den breiten therapeutischen Strom hineingesetzt ist und mit ihm weiter schwímnt, vielmehr, wenn er auch 'oft genug mitfahren muß, doch immerhin von Zeit zu Zeit, am Ufer stehend, einen prüfendkritischen Brick auf die zahlreichen vorüberziehenden therapeutischen Schifflein zu werfen imstande ist, wird sich oft die Frage vorlegen, weithe wirksamen treibenden Umstände diesen erneuten Umschwung und Aufschwung der Therapie bewirkt haben. Fr wird sich auch fragen, welches die wirklich unbestreitbaren und dauernden Erfolge der neueren therapeutischen Bestrebungen sind, ob aber alles Neue auch wirklich gut ist und ob sich nicht, wie bei jeder machtvoll vorwärts treibenden geistigen Richtung, auch gewisse Einseitigkeiten, Uebertreibungen und Auswüchse geltend machen, die zur Besonnenheit und Vorsicht mahnen müssen. Ueberlege ich mir, welche Antriebe die therapeutischen Bestre ungen, soweit ich ihre Entwicklung in den letzten 45 Jahren selbst mit verfolgen konnte, am meisten gefördert haben, so möchte ich Folgendes hervorheben. Der allgemeine Aufschwung dei Iherapie ging, vie mu scheint, etwa in den siebziger Jahren des vorigen. jahrhundert voi der Chirurgie aus, die im Zusammenhang mit den Anfatwen der Bakteriologie durch die Einführung der "antiseptischen Wundbehandlung" eine seht erhebliche Erweiterung ihies Wirkungsgebietes erfuhr und darin stets wachsende Erfolge erzielteS -Fast schien es eine Zeit lang, als ob alle Fortschritte der Therapie ñur auf chirurgischem Wege erreicht werden könnten. Nur da, wo man mit dem Messer dem Krankheitsherde unmittelbar zu Leibe gehen konnte, schien eine wirklich dauernde aktive \Beseitigung des Krankheitsprozesses möglich. Allein die Erfolge der Schwesterdiszipliii staclielten doch die Innere Medizin an, ebenfalls in den Kämpf gegen die Infektionserreger Antonstrafle 15 einzutreten. -Da sich aber hier ein unmittelbarer Angriffspunkt noch nicht finden ließ, so wandten sich die therapeutischen Bestrebungen zunächst einem fast allen lnfektionskÑnkheiten gemeinsamen Symptom -deni F j e b e i -zu, dessen ausschlaggebende Bedeutung bei der Beurteihuig akuter Krankheiten seit der Einführung der Thermometrie durch Wunderlich allgemein anerkannt war. Nach den Anschauungen -L i e b e r m e i s t e r s und seiner Schüler sollte --äber ds Fieber, d. h. die erhöhte Eigenwärme des erkrankten Körpèrs, nicht nur einden anderen Krankheitserscheinungen beigeorchietes S y m p to m , son-dem außerdem auch die hauptsächlichste Ursache der meisten bei den akuten Krankheiten auftretenden gefahrdrohenden Erscheinungen sein. Fast alle schweren Zustände von seiten des Nervensystems, des Herzens, der Respiration u. a. wurden als Folgen der erhöhten Körpertemperatur betrachtet. Damit trat nun selbstverständlich die Bekämpfung des Fiebers, die "antipyretische Therapie" als erstrebenswertes und auch erreichbares Ziel ganz in den Votdergrund des ärztlichen Handelns. Als wiiksamste Form der Fieberbekämpfung zeigte sich zunächst vor -allem die unmittelbare physikalische Abkühlung des Körpers durch das kalte Bad. Die "Kaltwa-sserb e h a n d I u n g" der akuten uieberhaften Krankheiten fand eine immer. allcemeinere Anwendung. Sie galt als einer der größten therapeutischen Fortschritte der damaligen Zeit. Ihrer Methodik, ihrer theoretischen und praktischen Ausarbeitung widnieteii vieleder besten Kliniker ihre Hauptarbeit. Einen wesentlichen neieii Antrieb erhielt aber die antipyretisehe Therapie und damit alsbald auch die Therapie überhaupt durch die Einführung der ch e ni i sch en Anti pyretika. -Bis etwa zum Jahre 1873 war das Çh i n in das einzige bekannte wirksame Antipyretikum, das freilich seine hauptsächlichste Anwendung nur bei den Malaria-Fiebern fand; Da kam die synthetische Darstellung der Satizylsäure durch H. Kolbe und die Entdeckung ihrer antipyretischen, antibakteriellen und beim Oelenluheumatismus auch hervortretenden spezifisch-therapeutischen Einwirkung . Die -Anregung, welche die gesamte Therapie durch die Einführung der Salizylsäure in den ärztlichen Arzneischatz erfuhr, kann ni. E. gar iiicht hoch genug angeschlagen werden. Die Darstellung und die Aqwendung der Salizylsäure bilden den Ausgangspunkt iiicht nur für die zahlreichen späteren analog wirkenden Derivate und verwandten Mittel (Aspirin, Antipyrin, Phenazetin u. y. a.), sondern, -wie mati wohl sagen darf, für die ganze erstaunliche Entwicklung der chemischen Arzneiinittelindustrie in den letzten Jahrzehnten. Deutschland wurde-so zum Zentrum dieser Industrie und ist es auch bis heute geblieben. Immer mehr und mehr erweiterte sich der Kreis der chemisch hergestellten neuen Arznei--mittel. An die Antipyretika schlossen sich vor .allem die Diuretika, die Herzmittel u. a. an. Gleichzeitig mit diesen Fottschritten völlzog sich aber auch die weitere Entwicklung der Bakteriologie. Zunächst durften die schon lange bekannte WirJung des Chinins auf die Malaria und die neu entdeckte, auffallend erfolgreiche Bekämpfung des Oelenkrheumatismtis durch die Salizylpräparate die Hoffnung erwecken, daß es auch bei anderen Infektionskrankheiten gelingen könnte, ähnlich "spêzifisch" wirksame chemische Heilmittel zu finden. Zahlreiche Versuche in dieser Hinsicht wurden mit allen möglichen antiseptischen und antibakteriellen Substanzen (Karbol, Sublimat, Jodoform u. a.) angestellt, aber leider ohne den gewünschten Erfolg. Da trat jener bewunderungswürdige neue Ausbau und Umbau der Bakteriologie ein, der sich vorzugsweise an die Namen von R. -Koch, Pasteur, P. Ehrlich und Behring knüpft. Nicht die Auffindung der spezifischen Infektionserreger allein, sondern -vor allem die Erforschung der Ait und Weise ihres Angriffs auf den menschlichen Körper. und ebenso auch der Abwehrmittel, die diesem den eingedrungenen Feinden gegenüber zur Verfügung stehen, wurde die umfassende Aufgabe der Bakteriolôgie. Aus den Ergebnissen dieser Forschungen, die sich freilich -zu einem immer komplizierter und unentwirrbarer erscheinenden Lehrgebäude-zusamnienschlossen, ergaben sich-nun notwendigerweise auch zahlreiche nee therapeutische Anregungen und Folgerungen. Die Bekämpfung der Lyssa pnd des Milzbrands durch Pasteur in Frankreich, die Kochsche Entdeckung des Tuberkulins und die Behringsche-Entdeckung des antitoxischen DLphtherieheilserums bej uns in Deutschland waren -die Aus gangspunkte fur die ganze neuere Serum und Vakzinetherapte, die sich nOch jetzt in -vollem Fluß befindet und deren schilefiliche -Entwicklung noch -gar nicht abzusehen ist. Der Bau der Könige der Nummer 1 Donnerstag, den 5. Januar 1922 48. Jahrgang Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0028-1132651 fatcat:oiubkyjfl5h5vc7qftg73be5zm