Behelfsmäßige orthopädische Versorgung

Ernst Duschak
1919 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Leiter der Prothesenabteilung in Wieselburg a. E. (Oesterreich). Im Folgenden sollen einige Erfahrungen niedergelegt werden, die bei der Versorgung einer großen Zahl von Kriegsverletzten mit sehr geringen Mitteln und unter den bescheidensten Voraussetzungen gewonnen wurden. Gerade das Rückströmen zahiloser, noch hehandlungsbedürftiger Beschädigter in die Heimat, das sich gegenwärtig vor unseren Augen abspielt, rechtfertigt diese Mitteilung, zumal es ja vornehmlich heute gilt, bei einer etwaigen
more » ... bei einer etwaigen Insuffizienz der vorhandenen großen Anstalten, der Materialien und Arbeitskräfte wenigstens zweckmäßige Provisorien zu schaffen. Unter ähnlichen Voraussetzungen arbeitete seit mehr als zwei Jahren die hiesige Prothesenwerkstätte und die medikomechanische Anstalt, die von der Militärverwaltung zunächst für Kriegsgefangene bestimmt waren. Als Prinzipien der Leistungen galten : 1 . möglichste Zweckmäßigkeit aller Erzeugnisse, 2. einfache und schnelle Herstellbarkeit, 3. größte Sparsamkeit mit Edelmaterial (Leder. Stahl usw.), dafür entsprechende Surrogate, 4. möglichste Billigkeit, 5. Ausschaltung rein kosmetischer Produkte, bei sonst erhaltener Gefälligkeit der Form. Von den verschiedenen Erzeugnissen seien zunächst die B e j np r o t h e s e n genannt. Solange noch Leder im Ueberfluß vorhanden war, erwies sich die Lederimmediatprothese im Sinne S p i t z y s als die zweckmäßigste Form. Ueber ihre Vorzüge, die auch von den Kunstbeinen nicht überboten wurden, braucht weiter kein Wort mehr gesagt zu werden. Als aber die Ledernot Sparsamkeit aulnötigte, zeigte sich, daß die gewöhnliche Gipsverbandprothese, wenn sie nur sorgfältig und genau ausgeführt war, einen tadellosen Ersatz bot. Wenn die Gipshülse nicht zu schwer, die (normalisierten) Eisenteile von guter Qualität und die Innenfütterung widerstandsfähig und nicht zu hygroskopisch war, hatten die Amputierten gar keine weitergehenden Wünsche hinsichtlich der Gebrauchsfähigkeit und auch die Lebensdauer dieser billigen Verbandprothesen erwies sich als zufriedenstellend. A r m p r o t h e s e n haben wir nur ausnahmsweise und in besonders berücksichtigenswerten Fällen erzeugt. Denn es ist eine bekannte, nur zu wenig eingestandene Tatsache, daß ein minder intelligenter Armamputierter auch mit der besten Armprothese nicht viel anzufangen weiß und sie schon aus Bequemlichkeit in die Rumpelkammer wirft, sobald er sich nicht mehr beaufsiehtigt fühlt. Schienenhülsenapparate ließen sich sehr gut und dauerhaft in Gips improvisieren. Ratsam war möglichste Zartheit der Gips-oder Stärketeile, daher Arbeiten mit Gipslongiietten und möglichstes Ausschneiden der unnötigen Partien. Ferner achteten wir stets auf leichte Abnehmbarkeit (durch Schnürbänder) sowie guten Rostshutz der Eisengelenke und wenig hygroskopische Polsterung.
doi:10.1055/s-0028-1137546 fatcat:ainzabhi75bfffeuxg6dquxoda