Die Behandlung der Ohrverletzungen

Paul Manasse
1909 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die Behandlung der Ohrverletzungen. Klinischer Vortrag. \T0n Paul Manasse in Straßburg j. E. M. H. ! Es ist ein kleines Gebiet, auf das ich Sie zu führen habe, ein Gebiet, das vielleicht in wenigen Zeilen zu erledigen wäre, wenn es nicht gerade einer Spezialdisziplin angehörte, die deni allgemeinen praktischen Arzt doch nicht so vertraut ist wie die großen klinischen Fächer, mit denen er sich täglich in großem Umfang beschäftigt. Sie werden mir deshalb gestatten, mich nicht nur auf die Therapie
more » ... ur auf die Therapie der Ohrverletzungen zu beschränken, sondern auch gelegentlich kurz auf die Pathologie dieser Erkrankungen einzugehen. Sie wissen, meine Herren, wir teilen das Gehörorgan in äußeres, mittleres und mueres Ohr ein, wir wollen deshalb zuerst über die Verletzungen des äußeren Ohres, dann Liber die des Mittelohres und zuletzt über die des Labyrinthes und des Hörnerven sprechen. Die traumatischen Erkrankungen der Ohrmuschel unterscheiden sich, mit wenigen Ausnahmen, nicht sehr von den Verletzungen der übrigen Weichteile des menschlichen Körpers; eine besondere Besprechung verlangt nur als etwas unserem Organ ganz Spezifisches das Othämatom. Es ist Ihnen bekannt, meine Herren, daß in der Literatur ein heftiger Streit besteht über die Frage, ob das Othämatom überhaupt traurnatisohen Ursprungs oder als ein Zeichen eines degenerativen Prozesses aufzufassen ist. Das letztere schloß man daraus, daß man diese Affektion vielfach bei Geisteskranken und kachektischen Individuen angetroffen hat, das erstere daraus, daß man sie sehr häufig bei Soldaten, Ringern und sonstigen Leuten fand, die Ohrtraumen ausgesetzt waren. Ich kann hier auf diese Streitfrage nicht eingehen, möchte nur bemerken, daß meiner Ansicht nach das Othämatom zweifellos fast stets traumalischen Ursprungs ist, wenn dieser natürlich auch nicht immer nach weisbar sein wird. Dies Othmatom besteht in einer subperichondralen Blutung der Ohrmuschel, gewöhnlich in ihren oberen inneren Teilen, der Erguß kann jedoch auch, wie ich das oft gesehen, serös sein; in diesem Falle ist der Name Othämatom zwar nicht angebracht, aber wir fassen diese serösen Ergiisse nun einmal mit unter diesem Namen zusammen, keinesfalls aber handelt es sich hier um Zysten, wie das auch behauptet ist. Die Behandlung kann zunächst konservativ sein, d. h. man kann versuchen, durch feuchte Verbände, Eisbiase, Druckverbände oder Massage das Transsudat zur Resorption zu. bringen; in vereinzelten Fällen wird das gelingen, jedoch lange nicht immer. Bessere Resultate haben wir schon erreicht durch die Punktion des Othämatoms; wir machen diese gewöhnlich in der Weise, daß wir eine etwa 5 oem fassende Pravazspritze nach sorgfältiger Reinigung der Haut in die Geschwulst cinstechen und von dieser Einstichwunde aus solange ansaugen, bis sich die Haut ganz fest auf den Knorpel legt, dann einen Ballen Gaze in die so entstandene Höhlung hineinpressen und einen Druckverband anlegen. Nicht selten füllt sich der Sack wieder, "QQ I I 35. JFIHRGFING. und man muß die Punktion wiederholen. Vor der Inzision hatte man früher eine große Angst. weil so häufig Infektion eintrat, doch ist das hQute wohl kaum mehr zu fürchten ; kommt man also mit den einfachen Methoden nicht zum Ziele, so macht man eine kräftige Längsinzision von oben nach unten, entleert die Flüssigkeit und behandelt die Wunde offen. Man muß hier mit besonderer Sorgfalt aseptisch vorgehen, weil eine Infektion sehr leicht zur Perichondritis, und diese infolge von Knorpelnekrose zu hochgradiger Entstellung führt. Kommt es aber doch zur Perichondritis, so muß man gewöhnlich weiterspalten, die Granulationen und den nekrotischen Knorpel ausschaben, damit die Erkrankung zirkumskript bleibt; denn je ausgedehnter die Perichondritis, desto größer ist natürlich die VerstUmmelung. Die Verletzungen des Gehörkanals. meine Herren, können nach Passow direkte und indirekte sein. Beim häutigen und knorpeligen Gehörkanal kommen als Ursachen in erster Linie Fremdkörper und Instrumente, weiter Verbrennungen, Verbrühungen und Verätzungen in Betracht. Die Behandlung ist bei oberflächlichen Defekten sehr einfach. Wir pflegen bei diesen, wenn keine entzündliche Reaktion vorhanden ist, nur trockene sterile Gaze locker in den Gehörkanal einzuführen ; tritt eine Otitis externa hinzu, lassen wir gewöhnlich entweder 10-20 °/0iges Borglyzerin zweimal täglich einträufoln oder zylindrische Salbentampons einlegen; ist die Entzündung sehr stark und schmerzhaft, lassen wir Priessnitzsche Umschläge machen. Passow empfiehlt bei starken Schmerzen Einträufelungen von lO-2O°/ igen Kokainlösungen. Eine größere Bedeutung haben die tiefergehenden Verletzungen, weil sie so leicht zu Stenosen des Gehörkanals führen. Die bei diesen Fällen aufschießenden Granulationen sind mit dem Galvano kauter, mit Chromsäure oder Argentum nitricum in Substanz oder mit dem scharfen Löffel zu beseitigen. Tritt die Stenose trotzdem ein, so kann man zunächst durch einfache Methoden versuchen, das normale Gehörgangslumen wieder herzustellen. Als solche sind zu nennen: radiäre Inzisionen oder Exzision des Diaphragmas mit nachfolgender Tamponade, Einführung von Laminariastiften oder Metailsonden von steigender Stärke. Ist durch Hyperostose des knöchernen Gehörkanals die Stenose keine rein bindegewebige mehr, so wird es gelegentlich nötig sein, einen größeren operativen Eingriff zu machen, d. h. die Ohrmuschel nach vorn zu klappen, den knöchernen Gehörkanal freizulegen und die oft ringförmigen oder zylindrischen hyperostotischen Partien mit Hammer und Meißel abzutragen. Der knöcherne Gehörkanal kann direkt durch Schüsse oder Stiche verletzt werden, indirekt durch Sturz auf den Unterkiefer oder auf den Hinterkopf, in weich letztem Falle allerdings die Gehörgangsfraktur meist nur einen Teil einer Basisfraktur darstellt. Die Behandlung soll bei diesen Verletzungen, wie das weiter unten noch ausgeführt werden wird, möglichst negativ sein, d. h. man soll keine Reinigung des Gehörgangs, vor allem keine Ausspritzungen vornehmen, um nicht die Wunde durch Eintreiben der im Gehörgang reichlich vorhandenen Mikroorganismen zu infizieren. Am besteh ist einfach Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1201935 fatcat:ftc6v6lojzek3pft6oprxi6sxu