Der Turm der Marienkirche in Reutlingen

Adolf Rieth, Denkmalpflege In Baden-Württemberg – Nachrichtenblatt Der Landesdenkmalpflege
2014
Die Marienkirche in Reutlingen ist aus dem an sich recht widerstandsfähigen Stubensandstein erbaut, der in vielen Aufschlüssen des nahen Neckartals gebrochen werden kann. Auch das feine Stabwerk im Ostgiebel des Chores, das Maß werk der Fenster, die gesamten Umgangbrüstungen, Fialen und Kreuzblumen sind aus diesem Material gehauen. Dieser sehr ruß und säureempfindliche, grobe Sandstein wird leider durch die seit über einem halben Jahrhundert immer stärker einwirkenden Abgase der Industrie,
more » ... ders in seinen fei nen tonigen Beimischungen, stärker und stärker angegriffen. Schwere Schäden hat auch der Stadtbrand von 1726 am Stein verursacht, Schäden, die bei der "Renovierung" der Kirche 1893-1901 nicht völlig beseitigt werden konnten. Wohl wurde damals am Turm vieles erneuert, aber schon in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg zeigten sich, selbst am "Ersetzten", neue Schäden, und schließlich mußten die beiden Umgänge gesperrt werden. Wasserspeier und Fialen hingen in Draht geflechten und drohten abzustürzen. Dazu war die Turmspitze ein Anziehungspunkt der Blitze, die den Stein zermürbten, so daß ein stärkeres Erdbeben in der Nacht des 28. Mai 1943 genügte, um die beiden bekrönenden Kreuzblumen bis auf einen Rest herunterzuschütteln. Das war zugleich auch das Ende der spätgotischen Kreuzblumen von 1494, die damals Peter von Breisach als Ersatz der ältesten, schon nach knapp 150 Jahren durch Sturm und Blitzschlag zerstörten Kreuz blumen neu gestaltet hatte. (Die spätgotischen Werkstücke mögen feingliedriger gearbeitet gewesen sein als ihre Vor gänger aus dem 14. Jahrhundert.) Gleich einer vom Sturm zerzausten Baumkrone, des Wind fahnenengels beraubt, stand der Turm angeschlagen bis zum Jahre 1949 da. Hier mußte etwas geschehen, und im Jahre 1950 entschloß sich die Stadtverwaltung Reutlingen im Verein mit den kirchlichen Behörden, dem schönen Turm eine neue Be krönung zu geben. Die Bauleitung lag beim Städtischen Hoch bauamt Reutlingen, mit dem wir seit Jahren gut zusammen arbeiten. Die gotischen Kreuzblumen, die untere 1,70 m, die obere 1,05 m im Viereck, waren je aus einem Stück Sandstein gear beitet. Ihr Gewicht betrug 20 bzw. 12 Zentner. Um Werk stücke von diesem Gewicht und von dieser Größe auf die Turmspitze zu schaffen, hätte es eines großen Gerüsts in der Höhe des ganzen Turmes (72 m) bedurft. Ein so großes Ge rüst konnte man um jene Zeit (1950) noch nicht aus schlanken Stahlrohren, sondern nur aus schwereren Holzbalken kon struieren, was aber für den ganzen Turm auf große finan zielle Schwierigkeiten gestoßen wäre. Da die Gemeinde aber nicht weiter zuwarten wollte, entschloß man sich, die Turm spitze vom obersten Profilkranz ab in Eisenbeton auszufüh ren. Für dieses Unterfangen genügte ein wesentlich kleineres Holzgerüst, das auf dem obersten Umgang aufsaß. Zunächst wurde die Turmspitze im Inneren mit Beton ge sichert, d. h. mit einer Betonschale vom oberen Kranz bis zur Spitze ausgekleidet, in der die Kreuzblumen selbst wieder verankert wurden. Inzwischen hatten die tüchtigen Reutlinger Bildhauer Richard Raach und Eduard RaachDöttinger auf Grund von Resten der alten Kreuzblumen Tonmodelle ange fertigt, nach denen dann Negativstückformen in Gips gegos sen werden konnten. (Allein die Form zur großen Kreuz blume bestand aus 22 Einzelteilen.) Diese Formen wurden auf der Gerüstplattform über dem ebenfalls in Beton gearbei teten Schaft zusammengebaut und zuerst die untere, dann die obere Form "ausgestampft", nachdem in die Hohlform das entsprechende Eisengerüst eingefügt worden war, eine sehr heikle Arbeit, die äußerste Sorgfalt und Umsicht erfor derte, da dichte, kompakte Güsse erzielt werden mußten. Am 15. Juli 1950 war die Arbeit in Wind und Wetter an der Turm spitze glücklich und ohne Unfall beendet, nachdem auch der wiederhergestellte Turmengel von 1343 an seinen alten Platz verbracht worden war. Die neuen Kreuzblumen wirken, von der Stadt aus gesehen, sehr gut, wenngleich sie vorläufig noch etwas heller im Farbton als der übrige vom Rauch des Stadt brandes geschwärzte Turm sind. Gegenüber den alten stei nernen Kreuzblumen erscheinen sie, vor allem aus der Nähe, etwas weicher und schwerer in den Formen, weil sie zum Einbau der Eisen kräftiger angelegt werden mußten. Mit dieser Arbeit war die Instandsetzung des Turmhelms, dessen Mauerwerk zahlreiche Risse zeigte, noch lange nicht abgeschlossen. Vor allem mußten die beiden Umgänge -
doi:10.11588/nbdpfbw.1958.2.15180 fatcat:tzdxfogxtretfir76on326fcz4