II. Ein seltener Fall von Belladonnavergiftung bei einem Kinde

R. Gassul
1921 Ophthalmologica  
Mifc zwei Abbildungen.) Der folgende Fall dürfte wegen der ungewöhnlichen Verände-Txmgen am Auge eines Kindes für den Oph †halmologen von beson-derem Interesse sein. Es handelt sieh urn einen 6 Jahre alten Knaben Rudi L., der wegen schläf-ïigen Aussehens, zunehmender Müdigkeit, Appetitlosigkeit, einer gewissen abwechselnden Unruhe und vor allem wegen auffallender Sehstörungen in die Sprechstunde gebracht wurde. Dem Lehrer in der Schule fielen an dem Knaben die groß und in wirrem Durcheínander
more » ... er and unter der Zeile geschriebe¤en Buchstaben auf. Aus diesen und anderen Symptomen (Schluckbeschwerden, Augenmuskel-îähmung) schlossen die Kollegen, an die sich die Angehörigen des Kindes zuerst wandten, auf eine Encephalitis lethargica. Die von mir vorgenommene genaue klinische Beobachtung klärte den Fall als eine chronische Vergiftung durch Mißbrauch von homöopathischer Bella-donnalösung auf1). Hier sollen uns die gémeinsam mit Herrn Prof. P. Carsten (aus der Berliner Kinäeraugeniieüanstalt) erhobenen Augenbefunde -vom Tage der ersten Untersuchung bis auf die vollständige Heilung -interessieren. Am 23. VIII. 20 ergab die erste Augenuntersuchung folgenden Befund: Tiefe Ptosis beider Lider, sehr starlet doppeïseitige Mydriasis (besonders links) (Abb. 1 u. 2), sehr träge, fast erloschene Pupillenreaktion, fehlende Akkom-modation. Parese des UnTcen Abduzens. Bei der Sehprϋfung 3 D Hypermetropie. Sehschärfe r. A. -f-3 D = 5/10, 1. A. + 3 D = 5iZ0; kei Korrektion mit -f-7 D konnte der Knabe die kleinste Schrif t lesen. Es bestand also außerdem eine interne Ophthalmoplegie (inkomplette Sphinkter-und komplette Akkommodationslähmung). Augen-hintergrund frei. Unter der entsprechenden Behandlung (Magen-und Darmentleerung, Morphium, Pilokarpin, Diät usw.) gingen die anceren Vergiftungserseheinungen schnell zurück, während der Augenbefund fast unverändert blieb. So waren am 1. IX. 20 die Ptosis und die Mydriasis unverändert, die Pu· pillen noch reahtionslos, die äußeren Muskeln frei. Vis.: r. A. u. 1. A. + 3 D = 5/7; mit + 7 D Lesen der kleinsten Schrift. Die Ophthalmoplegie bestand ■demnach fort. x) Die Angehörigen haben aus begreiflichen Gründen bei der ersten Untersuchung dieses nicht mitteilen wollen. Erst im Laufe der Beobachtung, als ver-schiedene Symptome gegen die Enzephalitis sprachen, kam der Verdacht einer Atropinvergiftung auf, die durch dieses Geständnis der Eltern bestätigt wurde.
doi:10.1159/000294756 fatcat:ni5wqghd4zaahbw2kpfx3ip3y4