Menschenwürde in Rom

Jan-Wilhelm Beck
2020
Die Würde des Menschen gilt heute als unantastbar. Unser Grundgesetz garantiert, den Verfassungen anderer Staaten vergleichbar, die Freiheit von Leib und Leben 1 -keineswegs eine Selbstverständlichkeit, wie die Geschichte lehrt, sondern Beleg für eine glückliche Gegenwart. Hervorzuheben ist die Freiheit auch und vor allem von Meinung und Gedanken, deren Verlust Tacitus für eine lange Zeit seines Lebens so schmerzlich beklagt. 2 Für den heutigen Wissenschaftler gilt die Freiheit von Forschung
more » ... it von Forschung und Lehre. Für den Klassischen Philologen aber, der sich mit seiner Materie identifiziert und die Antike mit all ihrer Philosophie und Demokratie zum ethischen, zum klassischen Vorbild für Bildung und Humanität erhebt, muss eine Stellungnahme zu Menschenrechten und Menschenwürde vermessen erscheinen. Die heute geschätzte Literatur der römischen Zeit stammt fast ausschließlich von Autoren aus der Oberschicht, die die nötige Unbekümmertheit hinsichtlich der Belastungen des alltäglichen Lebens ebenso wie ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit durch sie bedienende und versorgende, für sie wirtschaftende Sklaven erhielt. Es sind Autoren, bei denen zu politischen Parolen geformte Sätze über die Freiheit als höchstes Gut stehen. 3 Die damalige Kultur dagegen war durch und durch geprägt von einer auf der Arbeit von Unfreien, eben Sklaven, beru-Dem Beitrag liegt ein für einen Regensburger Kongress zum Thema 'Mensch und Menschenwürde' 2012 konzipierter Vortrag zugrunde, den ich seitdem auch an mehreren anderen Universitäten, so u.a. in Kiel (2012) und Bonn (2013) gehalten habe. Das Manuskript wurde 2013 abgeschlossen und beim Herausgeber für den geplanten Regensburger Sammelband eingereicht. Nach jahrelangen Aufschüben und Ausflüchten habe ich jedoch Zweifel an der Realisation dieser Publikation und bin dem GFA und seinen Herausgebern für die alternative Möglichkeit sehr dankbar. 1 So gleich GG Art. 1 (1) "Die Würde [...] ist [...]. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt". Zur glücklichen Gegenwart vgl. die Argumentation Sen. epist. 47,12 bona aetas est ... 2 Tac. Agr. 2,3f. adempto ... etiam loquendi audiendique commercio. ... per quindecim annos, grande mortalis aevi spatium ... 3 So z.B. Manlius oder Cato bei Sallust, Catil. 33,4 libertatem, quam nemo bonus nisi cum anima simul amittit und 52,6 libertas et anima nostra. In den Reden des Memmius und Lepidus, Iug. 31 und hist. 1,55, ist der zentrale Gedanke die Gegenüberstellung von libertas und servitium; in ersterer ist libertas bzw. liberi sechsmal, in letzterer siebenmal verwendet. Vgl. andererseits im Brief des Mithridates 4,69,18 pauci libertatem, pars magna iustos dominos volunt.
doi:10.14628/gfa_022_2019_a10 fatcat:ant2uz24tbfufj4r6hiyv63smq