Zur Prognose der Leukämie1)

Felix Klewitz, Erna Schuster
1922 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Der Endausgang der Leukämie ist bekanntlich stets ein tödlicher; aber die lKrankheitsdauer der einzelnen Fälle ist sehr verschieden lang. Immerhin lassen sich an größerem Material Durchschnittswerte errechnen. In der Literatur existieren hierüber in der Tat einige Angaben. Eine Nachprüfung schien uns trotzdem wünschenswert, und zwar aus folgendem (irunde: Iii der Röntgentiefentherapie besitzeii wir bekanntlich ein Mittel, das in seiner Wirkung bei Leukämien vn keinem andern übertroffen oder
more » ... nur erreicht wird. Nun kann es zwar schon jetzt als sicher gelten, dali trotz der ausgezeichneten Wirkung der Röntgenstrahlen eine Heilung der Leukämie durch sie nicht vorkommt, aber es wäre immerhin denkbar, daß wenigstens die Lebensdauer der Kranken seit Einführung der Bestrahlungstherapie nachweislich verlängert wird. Hierüber fehlen, soweit wir die Literatur überblicken, zahlenmäßige Angaben. Unser Material an Leukmiekranken ist immerhin so zahlreich, daß es die Errechnung von Durchschnittswerten erlaubt, die trotz der Fehlerquellen, die bei solchen Berechnungen unvermeidbar sind, allgemeinere Gültigkeit beanspruchen dürften. Bei unseren Berechnungen wurden die Leukämicfälle der letzten 12 Jahre -von 1910 bis 1922 -verwertet; ein Teil dieser Fälle mußte allerdings unbenutzt gelassen werden, da verwertbare Daten über Verlauf und Ausgang der Krankheit nicht zu erhalten waren. Immerhin blieben 53 Fälle übrig, und zwar 23 lyrnphatische und 30 myeloische Leukämien, über deren Schicksal wir hinreichend genaue Nachrichten erhalten konnten. Wir gingen so vor, daß wir zunächst feststellten, welche der Patienten des genannten Zeitraums noch am Leben waren; weiterhin versuchten wir festzustellen, ob Beziehungen bestehen zwischen Lebensdauer und Zeitpunkt des Behandlungsbeginns, etwa derart, daß bei frühzeitig zur Bestrahlung gekommenen Patienten die Aussichten auf längere Lebensdauer günstiger waren als bei solchen, die erst längere Zeit nach Auftreten der ersten Krankheitserscheinungen in Behandlung kamen. Gleichzeitig ließ sich dabei klarstellen, ob bei Patienten, die sich regelmäßig von Zeit zu Zeit in der Klinik vorstellten und nötigenfalls einer Bestrahlung unterzogen wurden, der Krankheitsverlauf sich günstiger gestaltete wie bei solchen, die nur sehr sporadisch und auch dann nur, wenn das Befinden sich verschlechtert hatte, die Klinik aufsuchten. Schließlich versuchten wir eventuelle Beziehungen zwischen sozialer Lage und Krankheitsverlauf klarzustellen. Ueber die Dauer der wiedererlangten Arbeitsfähigkeit ließen sich verwertbare Daten leider nicht erbringen. 1. .Lyniphatische Leukämien. Um Vergleichswerte zu erbaUen, mußten wir die ältere Literatur aus der Zeit, in der die Strahlentherapie noch nicht gehandhabt wurde, zu Rate ziehen. Die Angaben hierüber lauten ziemlich unbestimmt. Ehrlich, Lazarus, Pink us geben für die chronische lymphatische Leukämie eine Lebensdauer von wenigen Monaten bis mehreren Jahren an. M os le r berechnet die mittlere Lebensdauer auf 22-23 Monate; er unterscheidet allerdings noch nicht die lymphatische und die myeloische Leukämie. Aus der Zeit der Bestrahlungsära existieren einige Angaben, z. B. von Wetterer und von Naegeli, nach denen die Krankheit in 3-5 Jahren tödlich verläuft. Es sind aber auch Fälle bekannt geworden, die wesentlich länger am Leben blieben, so ein Patient von Klein 13 Jahre, einer von Klieneberger 7 Jahre, ferner einer von N a e g eli 8 Jahre; letzterer starb an einer interkurrenten Krankheit. --Die Zahl unserer Fälle beträgt, wie erwähnt, 23. Von diesen 23 Fällen ist nur einer am Leben. Der Krankheitsbeginn liegt etwa 4 Jáhre zurück, er ist im ganzen 2mal durchbestrahlt worden. Sein Zustand ist leidlich. Die Lebensdauer der übrigen 22 verstorbenen Patienten ist ziemlich schwankend; durchschnittlich vom Beginn der Erkrankung an gerechnet, trat der Tod nach 23 Monaten und 21 Tagen ein. Diese Zahl stimmt auffallend gut mit der Moslerschen Angabe überein. Nur 2 Patienten lebten länger als 5 Jahre, vom Auftreten der ersten Krankheitserscheinungen an gerechnet, der eine 53/4, der zweite 51/4 Jahr. Die kürzeste Lebensdauer betrug 11/2 Monate. Sucht man nun festzustellen, ob der Behandlungsbeginn von nachweislichem Ejnfluß auf den Verlauf ist" etwa derart, daß frühzeitiges Einsetzen der Bestrahlung bald nach Auftreten der ersten Krankheitssymptome eine längere Lebensdauer garantiert, so kommt man zu dem überraschenden Schluß, daß das nicht der Fall ¡st. Bei dem Patienten beispielsweise, dessen Lebensdauer 5% Jahre vom nachweisbaren Krankheitsbeginn an gerechnet, betrug, wurde mit der Bestrahlung erst 9 Monate vor seinem Tode, also 5Jahre nach dem Krankheitsbeginn, angefangen; ein anderer Patient, dessen Lebensdauer 4 'Jahre, 8 Monate betrug, wurde erst in den letzten 3/4 Jahren seines Lebens bestrahlt. Es ließen sich noch ähnliche Beispiele anführen, aus denen 'hervorgeht, daß frühzeitig einsetzende Bestrahlung auch' nicht mit Wahrscheinlichkeit eine günstigere Prognose quoad Lebensdauer erhoffen läßt. Ebensowenig läßt sich feststellen, daß bei regelmäßig in bestimmten Zeitabständen durchgeführten Bestrah-1 Nach einem Vortrag im Verein für wissenschaftliche Heilkunde in Königsberg. Eine ausftlhriiche Veröffentlichung findet sich in der Dissertation von E. Schuster, Königsberg 1922; hier auch L.iteraturangaben. lungen die Lebensdauer gesetzmäßig länger ist wie bei selteneren unregelmäßig ausgeführten. Die durchschnittliche Lebensdauer nach Einsetzen der klinischen Behandlung betrug 13 Monate. Nebenbei sei bemerkt, daß die Höhe der Leukozytenzahl keine Anhaltspunkte über den mutmaßlichen Verlauf der Krankheit gibt; Patienten mit hohen Leukozytenwerten bei der Aufnahme lebten unter Umständen noch recht lange, solche mit niedrigeren Werten ' gingen bisweilen schnell zugrunde. Die soziale Lage der Kranken scheint, soweit dies aus unseren Feststellungen zu ersehen ist, auf den Verlauf der Krankheit von keinem nachweisbaren Einfluß; wenigstens war dieser bei den Kränken der Privatstation nicht anders wie bei den Saalpatienten. Nebenbei sei bemerkt, daß auch die Kriegsernährung auf den Verlauf keinen erkennbaren Einfluß ausgeübt hat. Allerdings stammt die überwiegende Mehrzahl unserer Kranken vcsm Lande, wo die Ernährung auch während der Kriegszeit keine allzu schlechte war. 2. Myeloisciie Leukämie. Aeltere Angaben über die durchschnittliche Lebensdauer an -myeloischer Leukämie Erkrankter sind gleichfalls spärlich und ziemlich ungenau. Nach E l-i r I i c h , Lazarus, P i n e u s dauert die Krankheit mindestens 6 Monate, meistens aber länger als I Jahr. Spätere Angaben lauten auf 2-4 Jahre (z. B. von M o r a w i t z). Auch hier ist gelegentlich eine erheblich läncere Krankheitsdauer beobachtet worden. -Die Zahl unserer Fälle beträgt 30. Von diesen 30 Kranken leben zur Zeit noch 4. Die durchschnittliche Lèbensdauer der verstorbenen Kranken betrug 31 Monate und 20 Tage vom mutmaßlichen Beginn der Krankheit an gerechnet. Die Schwankungen hinsichtlich der Lebensdauer bei den einzelnen Fällen sind vielleicht nicht so erheblich wie bei der lymphatischen Leukämie. Die kürzeste Lebensdauer betrug 5 Monate ' (bei 2 Fällen), die längste 4 Jahre und 4 Monate. Nur 5 Kranke lebten länger als 4 Jahre. Auch bei der myeloischen Leukämie ließ sich nicht erweisen, daß früher Behandlungsbeginn die Aussichten auf längere Lebensdauer verbessert: bei einem Kranken beispielsweise, der nie mit Röntgenstrahlen behandelt ' worden war, ließ sich eine Krankheitsdauer von 4 Jahren errechnen; eine nach dieser Zeit vorgenommene Bestrahlung vermochté das Leiden nicht aufzuhalten, obwohl die Zahl der Leuközyten von über 400000 auf 15000 sank; er starb bald nach der Aufnahme in die Klinik. Ebensowenig bot regelmäßige Kontrolle des Blutbildes mit eventueller Nachbestrahlung die Garantie für eine Verlängerung des Lebens. Im übrigen haben alle andern bei der lymphatischen Leukämie erörterten Gesichtspunkte auch bei der myeloisehen ihre Gültigkeit. Aus unseren Ausführungen geht hervor, daß die Strahlentherapie nicht imstande ist, die Le-bensdaue r der Leukämikerwesentlich zu verlängern. Bei der lymphatischen Leukämie läßt sich eine Verlängerung des Lebens überhaupt nicht errechnen, bei der myeloischen wird vielleicht der letale Ausgang durchschnittlich um einige Monate hinausgeschoben, wenn man die Moslersche Berechnung als Vergleichswert zugrunde legt. Es liegt uns selbstversändlich durchaus fern, durch unsere Ausführungen die Strablentherapie der Leukäniie in Mißkredit zu bringen; wir sind im Gegenteil überzeugt, wie 'schon eingangs betont, daß kein anderes Mittel-in seiner Wirksamkeit der Strahlenbehandlung 'auch nur annähernd gleichkommt. -Wir betonen ausdrücklich, daß ein möglichst frühzeitiger Beginn der Strahlenbehandlung und fortlaufende Kontrolle uns trotz der anscheinend gegenteiligen Ergebnisse unserer -statistischen Erhebungen immer noch die beste Garantie bieten für eine möglichst lange Erhaltung, wenn auch nicht des Lebens, so doch-der Arbeitsfähigkeit; zahlenmäßige Beweise hierfür können wir freilich nicht erbringen. Aber ma-n muß sich darüber klar sein, daß wir in der Strahlentherapie eine zwar äußerst wertvolle Behandlungsmethode besitzen, mit der sich aber doch nur symptomatische und keine Dauererfolge-erzielen lassen. -Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. 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doi:10.1055/s-0028-1165932 fatcat:cuztal6s7bcobmbhoswzrro54m