Atomisierung der Öffentlichkeit. Verlieren die Medien ihre lntegrationsfunktion?

Markus Kiefer
1998 Communicatio Socialis  
Markus Kiefer Atomisierung der Öffentlichkeit Verlieren die Medien ihre lntegrationsfunktion? Einleitung Im weltweiten Maßstab zählt die Bundesrepublik heute zur Minderheit jener Staaten, in denen die Freiheit der Medien gewährleistet ist. Diese Tatsache muß nach dem Gang der deutschen Zeitgeschichte dankbar vermerkt werden. Unsere heutige Medienwirklichkeit wirft hingegen die Frage auf, ob dieses essentielle Grundrecht und die mit diesem Rechtsgut zusammenhängenden Verpflichtungen auch
more » ... ich voll ausgeschöpft werden. In der Realität des dualen Rundfunks, des ausufernden Multimediaangebots der Computer-und Freizeitgesellschaft, der zunehmenden Lesemüdigkeit, der sinkenden Aufnahmebereitschaft vor allem gegenüber anspruchsvolleren politischen sowie kulturellen Informationsangeboten, sind nämlich Zweifel angezeigt, ob die faktisch praktizierte Freiheit der Medien nicht zu einer völligen Aufgabe ihrer öffentlichen Funktionen führt. Die liberale, rechts-und sozialstaatliche Demokratie ist, im Unterschied zu autoritären Staatsformen, stets auf einen breiten Raum von kritischer, lebendiger Öffentlichkeit bezogen. Sie ist auf diesen öffentlichen Raum aber zugleich auch angewiesen, um ihren Fortbestand auf Dauer zu sichern. Das Dilemma ist, daß die Staatsform der rechtsstaatlichen Demokratie zwar den Rückzug in den privaten Raum ermöglicht und schützt, andererseits aber möglichst viele an der Herrschaft über die Res publica beteiligen möchte. Der Entscheidung über die öffentlichen Dinge solljedoch eine möglichst umfassende Erörterung vorangehen. Als Jürgen Habermas 1961 den "Strukturwandel der Öffentlichkeit" im neuzeitlichen Europa analysierte, stand für ihn fest, daß sich "unter Bedingungen sozialstaatlicher Massendemokratie der Kommunikationszusammenhang eines Publikums nur in der Weise herstellen" lasse, "daß der förmlich kurzgeschlossene Kreislauf der ,quasi-öffentlichen' mit dem informellen Bereich der bisher nicht-öffentlichen Meinungen durch eine in organisationsinternen Öffentlichkeiten entfaltete kritische Publizität vermittelt wird" (Habermas 1990: 359). In dieser Perspektive ist politische Öffentlichkeit der Raum, in welchem gesellschaftliche Streitfragen einer möglichst rationalen Auseinandersetzung und einer anschließenden, ebenso rationalen Regelung zugeführt werden sollten. In seinem Modell einer verständigungsorientierten Kommunikation ·stellt Habermas zwei konstituierende Momente einer solchen demokratischen Öffentlichkeit heraus, nämlich zum einen die allgemeine 367
doi:10.5771/0010-3497-1998-4-367 fatcat:zvu3ckgwgffoth23shpizc5lnm