Zur Heißlufttherapie in der Gynäkologie

1915 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in Giel3en. Wer die Entwicklung der Therapie der chronischen Unterleibsaffektionen in der Literatur zu verfolgen Gelegenheit hatte; wird die Beobachtung ge1nacht haben, daß man im Gegensatz zu dem aktiven Standpunkt, der vor etwa 20 Jahren noch Geltung hatte, neuerdings der mehr konservativen Richtung huldigt. Insbesondere trifft dies für die chronischen Erkrankungen der Adnexe zu. Denn ungeachtet der außerùrdentlichen Erfolge der operativen Therapie bei gynäkologi. schen Erkrankungen bleiben
more » ... rankungen bleiben doch eine ganze Reihe von Affektionen übrig, bei denen eine operative Therapie nur bedingt in Frage kommt. Hier tritt die palliativ-symptomatische Behandlung in ihr Recht. Immerhin hat auch diese ihre Grenzen. Wiihrend man bis vcr wenigen Jahren -abgesehen von den hydrotherapeutischen Ma ßnahmen -bezüglich der konservativen Behandlung in der Anwendung der Mittel noch recht beschränkt, mitunter zu einer, nicht immer unschädlichen, Polypragmasie gezwungen war (es sei hier an örtliche Maßnahmen, wie Skarifikationen. Suktionen, Aetzungen, Tampons und ähnliches erinnert), haben wir neuerdings in den phyika lisch en Hei 1 me thoden ein hervorragendes Heilmittel gewonnen, speziell in der Heißlufttherapie. War diese Heilmethode in der allgemeinen Medizin. insbesondere in der Chirurgie, schon recht lange in Anwendung gekommen, so ist sie in der Gynäkologie, wie aus der Literatur der letzten Jahre deutlich nachzuweisen ist, erst neuerdings eingeführt worden, obwohl bereits 1901 Polano ihre Anwendung eindringlich empfohlen hatte. Gerade die ausgezeichneten Erfolge, welche wir augenblicklich in der Nachbehandlung Verwundeter mit der Heißlufttherapie erzielt haben, sollten uns ermuntern, dies zweifellos wirksame }{eilungsprinzip, welches seither in der Gynäkologie mit Unrecht so stiefmütterlich behandelt wurde und auffallenderweise auch in den Lehrbüchern der Gynäkelogic nur kurz oder garnicht erwähnt wird, auch in der Gynäkohogie auszunutzen. Bei den noch recht spärlichen Mitteilungen in der Literatur möchte ich auf Grund der günstigen Erfahrungen, die ich seit etwa zehn Jahren an der Hand von über 400 Fällen mit dei Hei ßlufttherapie gemacht habe, jm Folgenden versuchen, die Gesichtspunkte bezüglich der In d i kations s te il ung der Heißlufttherapie etwas zu beleuchten und hiermit dic Aufmerksamkeit auch des Praktikers auf ein Heilverfahren zu lenken, welches, auf den wissenschaftlichen Untersuchungen Biers basiereild, sich hei einer ganzeii Reihe von gynäkologisehen Erkrankungen als glänzend erwiesen hat. Zugleich möchte ich mit meinen Ausführungen kurz die Frage der Indik at lonas t el! ung zur Therapie bei gynäkologischen Fällen streifen, die für den Praktiker, welcher recht oft gerade die crux der Gynäkologie, die chronischen Unterleibserkrankungen, zu behandeln hat, von besonderem Interesse ist. Wenn wir nach Bier in der }feißlufttherapie ein Mittel besitzen, welches eine Hyperämic, d. h. eine starke aktive Hyperämie mit Vergrößerung des arteriellen Blutstromes hervorruft, als deren Folge eine reichlichere Durchspülung der Gewebe zu erwarten ist, so geht aus diesen Erwägungen schon hervor, daß für die Anwendung ganz exakte Indikationen aufgestellt werden und diejenigen Fälle, für welche das Verfahren sich nicht eignet, sogar gefährlich wird, von vornherein ausgeschieden werden müssen. Es erscheint mir daher zweckmäßig, die Kont.raindikation vorher festzulegen, ehe ich die Indikationsstellung skizziere. Denn die richtige Auswahl der Fälle ist gerade für die Heißluftbehandlung von besonderer Bedeutung. Da es zu einer reichhicheren Durchblutung der Gewebe kommt, möchte ich vor allem davor warnen, bei Affektionen, die zu Blutungen neigen, die Heizung anzuwenden. Gerade bei solchen Fällen, bei denen man nach der Anwendung der Heizung später eine Operation anschließen muß, kann man sich von der starken Iiyperämie und der Gefahr der Blutung überzeugen. Also nicht z. B. bei Myomen, Endometritiden sowie zervikalen Affektionen (blutendes Ectropiuni, Erosion) mit Neigung zu Blutungen, ganz allgemein ausgedrückt audi nicht kurze Zeit vor Operationen. Ebenso dürfen alle frischen Tubeiierkrankungen, bei denen Verdacht auf Tubenschwangerschaft, auch auf abgelaufene (also Tubenabort und seine Folgezustände), ebenso auf Hämatombildung oder Haematocele vorhanden, niemals zur Heizungatherapie herangezogen werden. Ich möchte dies ausdrücklich erwähnen, da ich einen Fall zu operieren hatte, wo wegen Schmerzen von einem Arzte die Heißlufttherapie bei offenbar nicht erkanntem Tubenabort 946 DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOOHENSCJHRIFT. Nr. 32 Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1191298 fatcat:eb7j7jht55ecllinfzoroj2hgu