Ueber Immunität und Heilung4)

1892 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in Aachen. Vor nun 10 und 9 Jahren gab ich Ihnen in zwei Vortragen über immunität und Schutzimpfung (die zusammengefasst dann in der Wiener medicinischen Presse Aufnahme fanden) den damaligeii Standpunkt der Immunitätsfrage. Seitdem sind auf diesem damals fast noch völlig verschlossenen Gebiete dank den internationalen, nach gemeinsamem Ziele strebenden bacteriellen Forschungen so bedeutsame Aufschlüsse zu Tage gefördert worden, dass es Licht zu werden beginnt in den bis dahin dunkeln
more » ... n dunkeln Immunitätsvorgängen, und die auf Grund wissenschaftlicher Thierimpfuntersuchungen vorgenommenen Heilversuche an erkrankten Menschen lassen eine vielleicht nicht ferne heilbringende Saat ratione1ler unfehlbarer Mittel gegen die schlimmsten menschlíchen Infectionskrankheiteii mehr als ahnen. Da bis heute bereits derart gewonnene Mittel erfolgreich beim Menschen versucht sind, so kann man wohl von dem Beginne einer neuen Aera auf dem Gebiete der mit der Immunität innigst zusammenhängend en bacteriellen Infectionskrankh citen sprechen. Demnach will ich es versuchen, Ihnen den heute gewonnenen Standpunkt der Immunitätsfrage wiederzugeben. Unter Immunität verstehen wir im medicinisehen Sinne den Zustand des lebenden Organismus, gegen die Entwickelung von ansteckenden Krankheiten gesichert zu sein, d. h. also, wenn deren hacterielle Erreger in den gesunden Organismus einwandern, dass dieser die Fähigkeit besitzt, deren Entwickelung nicht aufkommen zu lassen, oder aber, wenn sie bereits zur Entwickelung gekommen sind, deren weitere nachtheilige Folgen zu unterdrücken. Die letztere Bedingung wurde nichts mehr und nichts weniger bedeuten, als die ausgebrochene Krankheit zur Heilung zu bringen. Besässen wir Mittel, einen derartigen Immunitätszustaud hervorzurufen, so wäre dann auch mit demselben die Heilung sichergestellt. Was wissen wir nun heute über Immunität, über immunisirende Mittel, was über solche, welche auch gleichzeitig heilen? Man kann von einer localen und einer allgemeinen, natürlich vorhandenen Immunität sprechen. Es ist nachgewiesen, dass beim gesunden Menschen der Diphtheriebacillus, der Pneumoniediplococcus im Mundspeichei-und Nasenrachenschleim vorkommen als gewissermaassen für ihn indifferente Wesen. Es bedürfte einer heftigen Erkältungsursache, Verletzung, Erschütterung, um sie und andere zur krankmachenden Assimilirung zu veranlassen. Auch ist bekannt geworden, dass der Säugling mit der Muttermilch in den äusseren
doi:10.1055/s-0029-1199006 fatcat:ebxnjlulmvgjdaasz4cgpsjujq