Dignity and protection of animals

H Meyer
2012 Pferdeheilkunde  
Zusammenfassung Derzeit wird von verschiedenen Seiten dafür plädiert, den Tieren eine Würde zuzuschreiben, die der dem Menschen eingeräumten Würde gleich oder weitgehend ähnlich ist. Es wird gefordert, den Schutz der Würde der Tiere ins deutsche Tierschutzgesetz sowie ins deutsche Grundgesetz aufzunehmen. Mit Hilfe bestimmter religiöser und philosophischer Doktrinen wird die den Tieren attribuierte Würde rechtfertigt; bei der Berufung auf andere religiöse und philosophische Lehren wird sie
more » ... ehren wird sie demgegenüber abgelehnt. Unabhängig von solchen ideologischen Auffassungen lässt sich eine Würde des Tieres -ebenso wie eine Würde des Menschen -nicht begründen. Der Begriff "Würde" ist somit ein ideologischer Begriff. Er sollte daher nicht in ein Gesetz eingehen, das in einer liberalen Gesellschaft allgemeine Geltung beansprucht. Die konsequente Respektierung einer Würde des Tieres, die der dem Menschen zugeschriebenen Würde zumindest weitgehend gleich wäre, müsste den verbreiteten Umgang des Menschen mit den Tieren beträchtlich verändern, in manchen Punkten auch revolutionieren. Die Mehrzahl der Menschen ist aber nicht bereit, Tiere vorbehaltlos zu schützen. Üblicherweise sucht der Mensch einen Kompromiss zwischen der Nutzung der Tiere einerseits und ihrem Schutz andererseits. Der Verzicht auf eine den Tieren eingeräumte Würde ändert den Tierschutz nicht, sofern man diesen konsequent als die möglichst weitgehende reale Entlastung von Schmerzen, Ängsten, Leiden und Schäden versteht. Die reale Entlastung der Tiere ist unabhängig von den zu ihr führenden menschlichen Überlegungen und Motiven. Selbst die sogenannten egoistischen Motive des Menschen können nämlich das Wohl eines vom Menschen genutzten Tieres fördern; und die sogenannten altruistischen Motive können das Wohl eines Tieres beeinträchtigen. Die psychologische Analyse offenbart: Alle das Handeln bestimmenden menschlichen Motive, also auch die sogenannten altruistischen Motive, sind Bestandteile des Antriebsgefüges eines Individuums und insofern ego-istische Beweggründe. Stichwörter: Würde des Tieres / Tierschutz / Rechtfertigung des Tierschutzes / religiöse Ideen / philosophische Ideen / menschliche Motivation / Egoismus / Altruismus Dignity and protection of animals Nowadays some authors are pleading to attribute a dignity to animals, which is the same or similar to the dignity attributed to men. It is claimed to constitute the dignity of animals in the German legislation to protect animals as well as in the German basic legislation ("Grundgesetz").The dignity attributed to animals is justified by certain religious and philosophical doctrines. But in other religious and philosophical doctrines the attribution of dignity to animals is refused. Independent to these ideological positions it is not truly possible to justify the dignity of animals, neither the dignity of men. This means: Dignity is an ideological term. It should not be used in a legislation, which demands general attention in a liberal society. The consequent attention to a dignity of animals, which is the same or quite the same as the dignity attributed to men, would have to modify the usual interaction with animals vastly; in some points such an attention would have to revolutionize this interaction. Most people are not willing to protect animals unconditionally. Usually men are looking for a compromise between using animals on the one hand and protecting them on the other hand. To attribute animals dignity does not modify the animal protection, if this is consequently understood as the real exoneration from pain, anxiety, suffering and lesions, going as far as possible. The real exoneration of the animals is independent from the human reflections and the human motives leading to it. It means: The socalled human egoistic motives are able to promote the well being of an animal used by man. And the so-called altruistic motives are able to diminish the well-being of animals. The psychological analysis makes clear: All human motivations, which are defining the behaviour, including the so-called altruistic motivation, are part of the composition of the impulses of an individual and so far they are ego-istic motivations. Vermehrt und auch eindringlich wurde in den letzten Jahren dafür plädiert, jedem Tier -ähnlich wie jedem Menscheneine "Würde" einzuräumen, die einem jeden Tier eigene "Würde" zu erkennen und sie auch zu respektieren. Die "Würde" des Tieres zu achten, solle gesetzlich eingefordert, nämlich im deutschen Tierschutzgesetz und nach Möglichkeit auch im deutschen Grundgesetz verankert werden (Ofensberger 2011). Emphatisch wurde die Bewahrung des Wohlbefindens und der Würde des Tieres als eine unverzichtbare Komponente der Achtung der Würde des Menschen dargestellt (Schmidt 2011). Für die vermehrt und eindringlich vorgetragene Forderung ist es bezeichnend: Auf verschiedenen wissenschaftlichen Tagungen wurde das Problem der "Würde" des Tieres in den letzten Jahren in Deutschland erörtert, so 2010 in der Evangelischen Akademie Tutzing und 2011 in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Die dort artikulierten Postulate orientierten sich unter anderem an den gesetzlichen Bestimmungen in der Schweiz: Im Jahre 1992 war der Begriff "Würde der Kreatur" im Zusammenhang mit Regelungen zur Gentechnik (und nach einer Volksabstimmung) in die Schweizer Bundesverfassung (Art. 120) aufgenommen worden, anschließend dann generell im Hinblick auf den Umgang mit Tieren beziehungsweise das Rechtsverhältnis von Mensch und Tier verstanden. Gemäß dieser Auffassung kodifizierte auch der Artikel 1 des Schweizer Tierschutzgesetzes die Würde des Tieres. Nach diesem bezwekkt das Gesetz, neben dem Wohlergehen des Tieres dessen Würde beziehungsweise dessen "Eigenwert" zu schützen (Friedli 2011). Erstmals war in der Schweiz die "Würde der Kreatur" im Jahre 1980 gesetzlich verankert worden, und zwar in der Verfassung des Kantons Aargau. Der Schutz und die Nutzung der Tiere Spricht man in Deutschland von "Würde" und verlangt man hier deren Respektierung, dann betrifft diese Forderung in der Regel die Einstellung und das Verhalten gegenüber einem Menschen. An die einem Tier zugeschriebene "Würde" und eine dementsprechende Achtung denkt nur eine Minderheit. Viele Menschen befremdet es sogar, einem Tier "Würde" zu unterstellen und deren Achtung zu postulieren; viele befremdet, "Würde" und darauf beruhenden Respekt nicht als ein Privileg des Menschen zu erachten. Häufig assoziiert man mit der ausdrücklichen Berufung auf die "Würde" direkt deren "Unantastbarkeit". Man tut dies gemäß der allenthalben zitierten Formulierung im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland von 1949. Dort heißt es im § 1 nämlich ebenso lapidar wie (anscheinend) unumstößlich: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Eine allen Menschen "angeborene Würde" hatte zuvor schon die Generalversammlung der Vereinten Nationen (Resolution 217 A,III) festgestellt. Gemäß der Präambel zu der am 10. Dezember 1948 formulierten "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" sind "alle Menschen ... frei und gleich an Würde und Rechten geboren". Gemeinsam mit der Anerkennung der "gleichen und unveränderlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen" bilde die Anerkennung der Würde der Menschen "die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt". Ähnlich strikt wie das deutsche Grundgesetz mit dem Begriff "unantastbar" den Schutz der "Würde" des Menschen fordert, tut es dies mit dem (seit 2002 kodifizierten) Staatsziel "Tierschutz" (Art. 20 a) nicht. Und ähnlich uneingeschränkt wie das Grundgesetz die Würde des Menschen verlangt, postuliert das deutsche Tierschutzgesetz den Schutz der Tiere nicht. Eindeutig verlangt das Tierschutzgesetz ( § 1) den Schutz der Tiere nämlich nur unter einer bestimmten Bedingung, und zwar beim Fehlen eines "vernünftigen Grundes": "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen." Das Gesetz schränkt die Schutzvorschrift also ein, obwohl es das Tier als "Mitgeschöpf" qualifiziert, die "Verantwortung" des Menschen für das derart bestimmte Lebewesen feststellt und den Schutz des Lebens und des Wohlbefindens des Tieres entsprechend dieser Verantwortung verlangt. In positiver Formulierung bedeutet der erste Satz des deutschen Tierschutzgesetzes: Sofern man mit "vernünftigem Grund" handelt, darf man Tieren Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, jedenfalls Schmerzen, Leiden oder Schäden in begrenztem Ausmaß. Den "vernünftigen Grund" definierte der Gesetzgeber -zumindest ursprünglich -vor allem negativ, nämlich als eine Absicht, die sich sowohl von der Willkür als auch von der Roheit abhebt. Dies bedeutet: Handelt man mit vernünftigem Grund, dann muss man das Tier nicht konsequent schützen. Den Hintergrund für die relativ weitgehende Einschränkung des Schutzes der Tiere bildet das Interesse des Menschen, Tiere zu nutzen. Der Schutz der Tiere soll mit deren Nutzung vereinbart, das heißt, nicht ein Gesetz erlassen werden, das die Die Würde und der Schutz des Tieres Pferdeheilkunde 28 58 Im Rahmen dieser Überlegungen wird zu zeigen sein: Das Phänomen "Würde" beziehungsweise die Annahme einer allen Menschen zukommenden "Würde" ist religiös oder durch eine profane ideologische Überzeugung begründet. Bezeichnenderweise unterstellt das Grundgesetz bereits in seiner Präambel dem "Deutschen Volk" eine "Verantwortung vor Gott und den Menschen". Im Bewusstsein dieser Verantwortung habe das deutsche Volk sich das Grundgesetz gegeben. Die Empfindungsfähigkeit der Tiere und die ethische Sensibilität des Menschen Die Analyse der religiösen Überzeugungen und Begriffe führt unter anderem zu der Erkenntnis: Der Unterstellung einer "Würde" bedarf es nicht zur Rechtfertigung des Postulats, Menschen vor Schäden, Schmerzen, Ängsten und/oder Leiden zu schützen. Gleichfalls bedarf es der Unterstellung der "Mitgeschöpflichkeit" und der "Würde" nicht, um den Schutz der Tiere vor Schmerzen, Leiden oder Schäden zu legitimieren. Ausschlaggebend für einen solchen Schutz sind das Faktum der Empfindungsfähigkeit der Tiere sowie das auf der ethischen Sensibilität des Menschen beruhende Postulat, empfindungsfähige und verletzbare Lebewesen nicht durch Schäden, Schmerzen, Ängste und/oder Leiden zu belasten. Der Verzicht auf religiöse Begriffe wie "Mitgeschöpf" und/oder "Würde" kann helfen, das Postulat des Schutzes empfindungsfähiger Lebewesen unvoreingenommen zu begreifen und als profanes ethisches Gebot zu begründen.
doi:10.21836/pem20120112 fatcat:pdmx7i7fgnc55g7jr2qvojkejm