Ueber die Beziehung der Respiration zur Muskelthätigkeit und die Bedeutung der Respiration überhaupt

Moritz Traube
1861 Virchows Archiv  
Dr. phil. in Ratibor. |Lrr Voit hat in seiner Abhandlung "ilber den Einfluss des Koehsalzes, Kaffee's und der ~Iuskelbewegung auf den Stoffweel~sel" (Mtinchen 1860) dureh gediegenen Versueh erwiesen, dass Mus-kelth~itigkeit die Harnstoffbildung nieht vermehre. Er gesteht, dutch diese Thatsaehe, die den bisherigen Ansehauungen vom Stoffweehsel geradezu widerspraeh, anf'~inglieh tiberraseht gewesen zu sein; anstart aber einfaeh daraus zu sehliessen, dass die Muskelthiitigkeit ilberhaupt nieht an
more » ... en Umsatz stiekstoffl~altiger Kiirper gekntlpft sei, brachte er sofort der Liebig'sehen Hypothese die fundamentalsten Thatsaehen der Physiologie und Physik zum Opfer. Er glaubte, erwiesen zu haben, dass Arbeit tiberhaupt keine Vermehrting des Stoffwechsels zur Folge babe, und stellte damit die iilteste aller physiologisehen Erfahrungen in Frage, "dass man um so mehr essen miisse, je mehr man arbeitet." Eine so gewaltige, in ihren Folgen unbereehenbare Entdeckung musste eine sorgliche Wahrung der Priorittit als heilige Pflieht erscheinen lassen, und man kann es wahrlich dem Autor night verargen, wenn er (S. 210) im Voraus iingstlieh naehzuweisen be-mUht ist, class in frtiheren gelegentliehen Aeusserungen anderer Physiologen noch niehts yon seinen neuen ldeen enthalten sei. Herr Voit darf aber unbektimmert sein; er darf zuversichtlich hoffen, im ungestiJrten, ja ungetheilten Besitze seiner neuen Ideen zu bleiben. lch werde darlhun, dass wir zu so gewagten Erkl~irungen noeh nicht gezwungen sind, muss jedoch yon vorn herein bemerken, dass meiae hbhandlung durehaus nicht dutch die des Herra Voit hervorgerufen wurde. Ich babe ihre wesentliehsten Punkte bereits vor ungef/lhr einem Jahre Hevrn Professor Dr. Heidenhaio und meinen Bruder, Herro Pj.ofessor Dr. Traube, mitgetheilt, musste abet aus Mangel an Zeit ihre Veriiffentliehung versehiebeo, well ieh vorher als Experimentum crucis fiiz. die neue Ansehauung den experimentellen Beweis fiihren wollte, dass Muskelaktion, den bisherigen Ansiehten entgegen, keine wesentiiche Vermehrung des Haenstoffs nach sieh ziehen dUrfe. Mangel an Zeit hinderte reich an der Anstellung dieser Versuehe, als mir dann endlich die Ahhandlung des Herro Volt zu Gesichte kam, die meine Voraussetzuog bestlitigte, meine Versuehe setbst abee Uberfliissig machte, Ieh erw,~ihne diesen an sieh unwesenflichen Umstand nut deshath, well es mir ein enlseheidender Beweis ffir die Wahrheit einer Theorie zu sein seheint, wenn sie eine Thatsaehe a priori eesehliessen konnte, die naeh den biaherigen Theorieo unmtigtieh erschien. I. Bedenken gegen die Liebig,sche Eintheilung der 51ahrun gsmittel. Naeh Liebig ~) sind die Eiweisskllvper, die ihrer Zusammensetzung naeh allein Zur Bildung yon Muskelsubstanz dienen kiinnen, auch nut allaio be~higt, dutch ihre Zersetzung Muskelkraft zu entwickeln. Sic sind unter aUeo Nahrungsstoffen aussehliesslich "die K r aft e r z e u ger", w~ihrend die stickstofffreien Nahrungsmittel durch ihre langsame Verbrrennung im Organismus blos zur W~rmeerzeugung dieaen kiinnen. Es werden hiernach die I~ahruogsmittel in "stickstoffhattige, p I as t iseh e uo4 stiek~tofffreie, R e spi r a t i on smittel eingetheilt. Zwar mUssen die plastisehen Nahrungsstoffe mitunter aueh als RespirationsmitteI dieuea, ja bei den Fleisebfressern ganz derea Stelle vertreten, abet nach Liebig erst dann, wenn sic zuvor zur ") Ann. d. Chem. u. Pharm, Bd, 79, S. 21,5u. 360. 26 ~ 388 Bildung -con Gewebstheilen gedient haben und durch Bewegunff in andere Stoffe zerlegt worden sind. Ja, tier fleischessende Indianer ~) soil, ~ihnlieh wie der Tiger, tier LiJwe, die Hy~ine in den Kasten unserer Menagerien, durch Bewegung den Umsatz seiner Oebilde bescbleunigen, lediglich um Stoff zum Athmen zu schaffen. Ob diese letzteren Angaben fiber die Fleisehfresser aus ge-nauen Beobachtungen gezogen sind, muss dahin gestellt bleiben, denn es wird Zufall gewesen sein, dass icb die Liiwen in Menage"ien meistens in majestlttiseher Ruhe hingelagert land. Merkwilrdig ist es abet' jedenfalls, dass die Pathologie keinen Fall yon Erstickung naeh anhaltendem Fleischgenuss mittheilt, wenn der Fleischesser zufiillig vergass~, sieh ausder stiekstoffhaltigen Nabrung dutch Bewegung Stoff zur Respiration zu schaffen. Folgereeht miisste man ferner naeh Liebig schliessen, class diejenigen Thiere, die die gri~sste Arbeit leisten, aueh die griisste Menge stiekstoffhaltiger Substanzen Zersetzen, nnd sich dadurch soviel Material zum Athmen sehaffen m~issten, dass jeder Genuss yon stickstofffreien Kiirpern ganz fiberfli.|ssig fib. sie wiire. Me,.kwiirdiger Weise sind abet' gerade die eigentlicben Arbeilsthiere ausschliesslieh Pflanzenfresser, wie die Pferde, Kameele, Esel, Elepbanten, Rennthiere u. s, w., deren Nahrung fiberwiegend aus stiekstofffreien Substanzen besteht. Die Bienen, diese dutch ihren Fleiss sprichwiirtlich gewordenen Thiere, k~innen sogar litngere Zeit hindurch obne Naebtheil for ihre Gesundheit mit blossem Zucker gefilttert werden. Ebenso auffallend muss es nach tier Liebig'schen Hypothese erseheinen, dass gerade die Sildliinder vorzugsweise Pflanzenkost lieben und zwar solehe, die, wie der Reis, iiusserst wenig Stiekstoff enthillt. Man sollte meinen, dass sie in ihrem beissen Klima gerade solehe Nahrungsstoffe, die blos W~rme erzeugen, vermeiden, und sich nut naeh krafterzeugenden Stoffen umsehen mtissten, die ausserdem auch noeh fiir das Bischert Wiirme reichlieh sorgen wfirden, deren sie allenfalls bedfirfen. *) Liebig, Thierchemie. 3te Auflage. S. 112.
doi:10.1007/bf01938254 fatcat:ykyrrfscs5edhbz6cgjqzmgaee