Stellungnahmen zum Münchener Abkommen in der deutschen Presse

Otto Kimminich
2016
Aus verschiedenen Anlässen ist das Münchener Abkommen vom 29. September 1938 in den letzten zwei Jahren erneut in den Blickpunkt der deutschen Öffentlichkeit geraten. Jahrestage, Äußerungen von Politikern, Vorspiele zu diplomatischen Fühlern, Forderungen der Regierung der CSSR und manch andere Ereignisse boten Anlaß, sich wieder mit dem Abkommen zu beschäftigen. In einem Land mit einer freien Presse, wie es die Bundesrepublik Deutschland ist, spiegelt sich eine solche Erregung der Gemüter
more » ... g der Gemüter unweigerlich in der Tagespresse wider und findet ihren Niederschlag nicht zuletzt in zahlreichen Leserzuschriften. Bei den zum Teil skandalähnlich aufgemachten "Anlässen" zum Münchener Abkommen war es nicht anders, und sicher ergab sich auch dabei, dem Gesetz der großen Zahl entsprechend, ungefähr dieselbe Verteilung von klugen und weniger klugen Äußerungen wie bei allen anderen Ereignissen dieser Art. Ein Meinungsforscher könnte vielleicht sämtliche Stellungnahmen in Kategorien einteilen und daraus mehr oder weniger gewichtige Schlüsse auf die öffentliche Meinung in dieser Frage ziehen. Hier aber soll das Interesse auf einen anderen Aspekt dieser Diskussion gelenkt werden: Unter den Veröffentlichungen in der Tagespresse -Leserzuschriften, Interviews, Marginalien, Gutachten und kleineren Abhandlungen -findet sich eine erstaunlich große Zahl von Stellungnahmen kompetenter Fachleute. Wissenssoziologisch mag es sehr interessant sein, warum sich eine solche Fachdiskussion von Wissenschaftlern auf die Ebene der Tagespresse verlagert; man mag sich fragen, ob dies mit dem Gegenstand der Diskussion, mit dem politischen Klima in der Bundesrepublik oder mit einem neuen akademischen Stil zusammenhängt. Aber auch diese Fragen sollen hier unerörtert bleiben. Vielmehr soll versucht werden, aus den wichtigsten dieser Stellungnahmen den gegenwärtigen Diskussionsstand herauszukristallisieren. Zu Beginn des Jahres 1965 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.1.1965, S. 6) eine Leserzuschrift von Prof. Dr. Karl Alfred Hall, Marburg/Lahn. Der Autor vertrat darin die Auffassung, daß im Sudetenproblem zwei "Lebensinteressen" miteinander in Widerstreit stünden: das Selbstbestimmungsrecht einer Volksgruppe und das Interesse an der Unteilbarkeit des Staatsgebiets. Er möchte dem ersteren den Vorzug geben und erwähnt drei Wege zu seiner Verwirklichung: Teilung des Staatsgebietes, Abschneiden von Gebietszipfeln und einschränkende Auslegung des geographischen Begriffes. Allen drei Wegen billigt er eine Erfolgschance zur Lö-
doi:10.18447/boz-1966-2417 fatcat:m273btdvrzhs7ffvfi2azh6o2a