Klaus-Dieter Tangermann – ein Nachruf

Elmar Altvater
2002 Prokla  
Es ist besonders schmerzhaft, wenn ein jüngerer Freund von uns geht. Klaus-Dieter Tangermann hat in der Mitte der 70er Jahre seine Diplomarbeit bei mir geschrieben und eine Zeitlang danach ein Dissertationsprojekt verfolgt. Damals noch über Spanien, wo er das Ende der Franco-Diktatur miterlebte. Er hat es aber Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre vorgezogen, sich beim Aufbau der TAZ zu engagieren. Das TAZ-Projekt war in jener Zeit der Aufbruch aus den "bleiernen Jahren" der
more » ... , der Berufsverbote und der Einschränkung von Bürgerrechten. Auch als er sich von einer universitären Karriere abkehrte, haben wir nie den Kontakt verloren. Das gilt auch für die Zeit seiner Solidaritätsarbeit für die Befreiungsbewegungen in Zentralamerika, für Kuba und später für die Politikberatung im Rahmen der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit in Afrika und Südamerika. Und nun ist er plötzlich und völlig unerwartet an Herzversagen gestorben. Klaus-Dieter hat niemals viel Aufhebens um sich gemacht. Er war persönlich bescheiden, und er war konsequent bis zur Verbissenheit. Er war einer der Promotoren der TAZ-Kampagne der frühen 80er Jahre "Waffen für El Salvador". Das war durchaus als Unterstützung des bewaffneten Befreiungskampfes gegen die politische und militärische Reaktion in Zentralamerika, gegen die Todesschwadronen und die CIA-gestützten Contras gemeint. Dahinter stand aber alles andere als eine falsch verstandene Guerilla-Romantik. Klaus-Dieter hat in der Solidarität niemals die Distanz aufgegeben. Er war sich immer bewusst, dass er als Europäer die Rückzugsmöglichkeit hatte, die die Kämpfer in El Salvador oder Nicaragua nicht hatten. Er wusste, dass er privilegiert war, und dieses Privileg konnte nicht durch distanzloses Eintauchen in das Leben der Menschen in Zentralamerika zum Verschwinden gebracht werden. Es blieb wie eine Klette kleben. In der kritischen Distanz lag der Nutzen, für Klaus-Dieter und die Leser der TAZ, die sich mit seinen Berichten, mit seinen harten Interviews auseinander setzen mussten, für die Interviewten, die den Interviewer nicht mit einfachen und oberflächlichen Erklärungen abspeisen und los werden konnten. So muss ein Mittler zwischen ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Lebensbedingungen, Denkweisen, politischen Handlungsmöglichkeiten arbeiten. Es fällt nichts unter den Tisch, und nichts ist so schön wie es von fern aussehen mag, wenn man näher herantritt. Trotz Globalisierung sind die Unterschiede groß, und man kann sie nicht klein und ge-
doi:10.32387/prokla.v32i126.710 fatcat:xcgnl3r3s5byxlkdswqiobut6q