Über klinische beziehungen zwischen epilepsie und schizophrenie (epilepsie als frühsymptom oder als kombination)

Hermann Giese
1914 Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie  
Seit den Publikationen von Bleuler, Jahrmarker u. a. aus den letzten Jahren fiber Schizophrenie ist die Frage nach den primi~ren, dieser Psychose zugrunde liegenden Symptomen stark in den Vordergrund geriickt. Von gr613ter Bedeutung ftir die Bleulersche Auffassung yon dem Wesen der prim~ren schizophrenen Assoziations-st6rungen ist die Aufstellung der "latenten Schizophrenie". Die Frage nach der Berechtigung dieser Auffassung ist aufs engste verkniipft mit der Kenntnis der Friihsymptome der
more » ... ophrenie. Es steht fest, da2 ein grol~er, von verschiedenen Autoren verschieden hoch ein-gesch~tzter Teil aller Schizophrenen jahrelang vor dem manifesten Anfang der Geisteskrankheit bereits psychisch abnorm ist. Diese psychischen Anomalien i~ui~ern sich zum Teil bereits in der Kindheit, teils als mehr oder minder erhebliche ]mbezillitat, tells als eigenartige Charakterveranlagung mit oder ohne nervSse Symptome; nicht selten finden sich intellektuelle und affektive St6rungen vergesellschaftet. Es erhebt sich die Frage: Handelt es sich bei diesen Charakteranomalien um eine geistige Artung, die fiir die spi~tere Entstehung der Schizophrenie die Disposition darstellt, tritt also mit dem manifestcn Beginn der Psychose etwas absolut Neues hinzu; oder miissen wir in diesen psychischen Eigentfimlichkeiten bereits die FIiihsymptome der Schizophrenie erblicken ? Besonders schwierig zu beantworten ist diese Frage ffir die intellektueUen Defekte solcher Individuen: man kann sich sehr wohl vorstellen, dal3 imbezille Gehirne gegen Erkrankung an Schizophrenie besonders wenig widerstandsf~hig sind; mindestens ebenso naheliegend ist aber die Annahme, dab schizophrene Assoziations-st6rungen, die ein sehr jugendliches Gehirn treffen, sekundi~r Veri~nderungen setzen kSnnen, durch welche die Erwerbung und Ausbildung hochwertigerer Vorstellungen und Begriffe in ~hnlicher Weise gest6rt 1[. Giese: Uber klinische Beziehungen zwischen Epilepsie und Schizol)hrenie. 23 wird wie bei einem yon Geburt schwachsinnigen Kinde, so dai~ als Effekt in beiden Fallen sich eine Imbezillitat ergibt, die sich mit unsern jetzigen diagnostisehen Mitteln kaum voneinander trennen laBt. I. Ansichten der Autoren fiber schizophrene Disposition und latente Sehizophrenie. B l e u 1 e r glaubt bei mehr als der HMfte der spateren Schizophrenen, unter voller Wfirdigung der Schwierigkeiten, die die Unterscheidung des schizophrenen Charakters von originaren Sonderbarkeiten maeht, eine bestimmte Charakteranomalie anamnestisch nachweisen zu kSnnen, namlich die Neigung zu Zurtickgezogenheit, verbunden mit einem hSheren oder geringeren Grad von Reizbarkeit. Er sagt geradezu: "Hat man eine gute Anamnese, so vermiitt man nur ganz ausnahmsweise vorhergehende Zeichen der Krankheit, seien es nerv6se Symptome oder Charakterveranderungen oder direkt schizophrene Erscheinungen." K raepelin gibt in der 8. Auflage seines Lehrbuchs einige Zahlen an. Es fanden sich unter seinen paranoiden Formen ("Dementia paran oides gravis") in 17% yon Jugend auf ungtinstige Charaktereigenschaften, wie Leichtsinn, Genu[~sucht, Trotz, Eigensinn, rechthaberisches, jahzorniges Wesen. Unter seinen Fallen yon "Dementia paranoides mitis" handelte es sich fast immer um Pers6nlichkeiten, die "bisweilen nach anfanglich guter Entwicklung, 6fters aber auf der Grundlage einer von vornherein ungiinstigen Veranlagung oder vernachl~ssigten Erziehung" seit Jahren in die Verbrecherlaufbahn geraten waren; in 20~ der Falle hatten die Kranken eine mittelmaBige oder schlechte Begabung in der Schule gezeigt; einzelne wurden als yon Jugend auf st6rrisch, eigensinnig, boshaft, mii~trauisch, sonderbar, nerv6s bezeichnet. "Unter den Mi~nnern fanden sich zu zwei Dritteln Landstreicher und Verbrecher, wohl ein Zeichen daftir, da] wires hier entweder mit minderwertig veranlagten Pers6nlichkeiten oder.., mit einer ganz allmi~hlichen und weir in die Vergangenheit zurfickreichenden Veri~nderung zu tun hatten, die erst nach li~ngeren Jahren ausgepriigt krankhafte Ztige
doi:10.1007/bf02874456 fatcat:ylx7vql4qvg25mcz3c6egtntt4