Hat Jesus die Kirche eigentlich gewollt?

Otto Kuss
2014
Das Neue Testament ist die Zusammenstellung aller wichtigen Nachrichten über Jesus von Nazareth, welche die gläubigen Jesusgemeinden des ersten und zweiten Jahrhunderts formuliert, gesammelt, redigiert und als maßgebend, als »offenbarungsträchtig«, als wirklich Gottes inkommensurables Wort an die Menschen weitergebend aufbewahrt und überliefert haben. Was es sonst noch an Nachrichten über Jesus gibt -profane und volkstümlich = dichterisch = ausmalende Quellen -, ist demgegenüber und darüber
more » ... ber und darüber hinaus nicht von Bedeutung. Dieses Neue Testament, aus verschiedenen Schriften sehr verschiedener Art und Herkunft bestehend, ist davon überzeugt, daß »die Gemeinde«, in zahlreichen Einzelgemeinden sichtbar und erfahrbar werdend, von denen es in Ursprung und Erhaltung getragen wird, -daß diese Gemeinde also auf Jesus von Nazareth zurückzuführen ist, daß sie in Jesus von Nazareth Wurzel und lebendige, unmittelbar wirksame Kraft besitzt. Die ältesten Stücke der schriftlichen Fixierung des Neuen Testamentes, die mit unbestreitbarer Sicherheit originalen Paulusbriefe -sieben von den vierzehn unter dem Namen des Paulus im Kanon stehenden werden auch von einer streng kritischen Forschung als unmittelbar von Paulus stammend angenommen -, diese ältesten Stücke des Neuen Testamentes zweifeln nicht daran, daß der in einer neuen, der Auferstehung folgenden Daseinsform gegenwärtige Jesus Christus die wirkliche Lebenskraft der Gemeinde, der Gemeinden ist. Freilich -an dem »historischen«, dem »vorösterlichen« Jesus sind sie nicht sehr interessiert; es ist das Ereignis der Auferstehung, auf das sie alles beziehen. Die Gemeinde ist das -in der erfahrbaren, auf mannigfache Weise erfahrbaren -Tatsache des wirkenden Geistes sich kundtuende Wunder Gottes, welches die wesentliche sichtbare Frucht des Urwunders der Auferstehung des Christus Jesus ist. Von einer »Gründung«, »Stiftung« der Gemeinde oder -um nun den Begriff einzuführen, der freilich durch eine unübersehbare Fülle von Assoziationen belastet zu sein scheint -der Kirche -, von einer Gründung der Kirche durch einen »Rechtsakt« des »vorösterlichen« Jesus -etwa bei Caesarea Philippi -ist in den unmittelbar paulinischen Briefen nirgendwo die Rede: Paulus erfährt Jesus als den in Pneumaexistenz wunderbar Gegenwärtigen, und das gilt auch für seine Gemeinden, vor denen er freilich bei Gelegenheit -im Galaterbrief jedenfallssein friedliches Einvernehmen mit den Geltenden, mit denen, die vor ihm Apostel waren, betont. Die Frage: »Hat Jesus die Kirche eigentlich gewollt?« wäre in einem solchen Bereich jedoch letzten Endes ganz ohne Sinn; sie hätte ebensowenig Verstand wie die Frage, ob das Fundament das Haus »eigentlich« trägt oder ob das lebendig fließende Blut den Menschen »eigentlich« zu einem lebendigen Menschen macht. Bei Paulus stoßen wir also unmittelbar auf das Faktum »Gemeinde«, und zwar
doi:10.5282/mthz/1748 fatcat:qmn427a245b3zpmk3d3u7pte74