Johan Oskar (Oskar Andrejewitsch) Backlund

1916 Astronomical Notes - Astronomische Nachrichten  
Unter dem Zwange der Verhaltnisse fehlt zur Zeit die Moglichkeit, die Grof3e des Verlustes fur den engeren Wirkungskreis, aus dem der Verblichene herausgeribsen ist, und fur die weiteren Kreise der Wissenschaft durch einen seiner vertrauteren Mitarbeiter wurdigen zu lassen und den Dank, den die Astronomie dem groDen Toten schuldet, in angemessener Weise in diesen Blattern zum Ausdruck zu bringen. In der Hoffnung, diese Schuld spater noch abtragen zu konnen, glaubt der Herausgeber sich zur Zeit
more » ... eber sich zur Zeit beschranken zu diirfen auf die teilweise gekiirzte Wiedergabe eines in der Nummer vom I . September 19 16 der Zeitung Dagens Nyheter erschienenen, C.-G. unterzeichneten Artikels in freier Ubersetzung. ),Nach telegraphischer Mitteilung an eine Privatperson ist der Direktor der Pulkowaer Sternwarte, Geh. Oberregierungsrat Dr. Oskar dndrqezdsch Backlund, Exzellenz, ein Schwede von Geburt, in Pulkowa unvermutet am Dienstag den 29. August morgens gestorben. Bahlund nahm in der Wissenschaft seines groDen Adoptivlandes und in der Kaiserlich Russischen Akademie der Wissenschaften eine fiihrende Stellung ein. Sein gewandtes Wesen und sein ritterlicher Charakter machten ihn zu einem glucklichen Vertreter dieses machtigen Reiches bei allen internationalen Vereinigungen in Astronomie, Geodasie, Sonnenforschung usw. Er war Mitglied der Kaiserlich Russischen Akademie der Wissenschaften, der zweiten Klasse der schwedischen Akademie der Wissenschaften, mehrerer auslandischer Akademien und Gesellschaften, Delegierter fur RuDland bei der permanenten Kommission fur internationale Erdmessung, Vorstandsmitglied der internationalen Astronomischen Gesellschaft, der Kommission fur internationale Sonnenforschung, von seismologischen Kommissionen und vieler anderer Vereinigungen und Verbande, die sich der Pflege der Arbeiten der zivilisierten Welt widmeten, bis alle diese Zusammenschliisse durch die Ereignisse unserer Tage zum Stillstand kamen. Backlunds rein astronomische Arbeiten reichten vielleicht nicht bis zu den allerhochsten Zinnen des Tiefsinnigsten, das der menschliche Geist ausdenkt, sie sind aber nichtsdestoweniger von sehr bedeutender Art. Anfangs Autodidakt, spater Schiiler Gvldkns, dessen Theorie fur die Bewegungen des Planetensystems er sich zu eigen machte, widmete er die meisten seiner theoretischen Arbeiten der Entwickelung der Gedanken seines Lehrers und kam dadurch in manche Auseinandersetzung mit den Fahnentragern der neuen Ara in der Mechanik des Himmels, die von Poincari begrundet wurde. Eine besonders langwierige und ergebnisreiche Arbeit widmete Backlund durch Jahre hindurch, mit reichlicher Unterstutzung durch Bmanuel Nobel, der Theorie des Enckeschen Kometen und trug durch dieselbe wesentlich bei zur Losung des schwierigen Problems der Bewegung dieses Gestirnes unter den1 EinfluD eines widerstehenden Mittels. Diese Untersuchung fuhrte ihn auch zu einer neuen Bestimmung der Masse des Planeten Merkur, die nur desjenigen Wertes ergab, den man fruher fur diesen Planeten angenommen hatte. Auch die Theorie der Kleinen Planeten beschattigte ihn viel. Als Backlzlnd 1895 Nachfolger Brediclzins als Direktor in Pulkowa wurde und die ganze groDartige Sternwarte unter seine Leitung kam, erkannte er mit seinem weitschauenden Blicke bald, daf3 sich das triibe und rauhe Klima Pulkowas wenig fiir astronomische Beobachtungen eignete. Seinem groDen Einflusse und seiner Geschicklichkeit gelang es ohne. grof3ere Schwierigkeit, die Mittel fur eine neue Sternwarte, eine Filiale yon Pulkowa, zu erwirken, die ihren Platz unter einem sudlicheren Breitengrade, in Odessa, fand, wo 300 der Tage des Jahres gute Beobachtungstage mit klarem Himmel sind. Dieser neuen Sternwarte folgte noch eine andere in Feodosia in der Krim nach. In den letzten Jahren erst erhielt Backlund vom russischen Kultusminister eine halbe Million Rubel bewilligt zur Ausrustung dieser Sternwarte mit astrophysikalischen Instrumenten. Bei der schwedisch-russischen Gradmessung lag Backlund die Leitung des russischen Anteils ob, neben A. B. Nordmskidd und 3Zz'crin von schwcdischer Seite; er besuchte zu diesem Zwecke Spitzbergen und er war die Seele bei der Nutzbarmachung der Ergebnisse fur RuDland. Backlund war einer der vielen Schweden, die durch die engen Verhaltnisse in ihrer eigenen Heimat gezwungen wurden, sich ein groDeres Arbeitsfeld in fremdem Lande zu suchen, wo ihre Tatkraft und ihr FleiD sich geltend machen konnten. Am 28. April 1846 in einem einfachen Hause im Kirchspiel von L%nghem im Wermeland geboren, sollte er sich nach dem Berichte naherer Freunde der Landwirtschaft widmen. Durch fleiniges Arbeiten erreichte er es aber doch, mit zwanzig Jahren die Universitat Upsala beziehen zu konnen, um Mathematik und Astronomie zu studieren. Von Upsala kam er 1873 als Assistent an die Sternwarte in Stockholm zu GyldPn, wo er seine Inauguraldissertation uber den Planeten Iphigenia ausarbeitete. 187 5 wurde er Dozent in Upsala, von wo er 1876 als Observator nach Dorpat ubersiedelte. 1879 zog 0. Strum ihn als A4djunktastronom nach Pulkowa und I 883 erfolgte seine Wahl zum Mitgliede der Akademie der Wissenschaften in Petersburg. 1887-1895 lebte er als Akademiker in Petersburg, um dann als Direktor nach Pulkowa zuruckzukehren. In dieser Stellung wirkte er mit unermiidlicher Tatkraft und mit einem seltenen Vermogen, die verschiedenen Elemente, die seiner Leitung unterstanden, fur ein gemeinsames Ziel zu vereinigen. Freundlich, ja kameradschaftlich trat er seinen Mitarbeitern, auch den niedrigsten entgegen. GroD von Wuchs, schmachtig, lebhaft, einfach, jugendlich, ein guter schwedischer Typus, wird er bei allen, Er fand es in Dorpat und spater in Petersburg und Pulkowa. Die ersten Schritte seines Lebensweges waren aufierlich keineswegs glanzend. die in seinem Hause verkehrten, in freundlicher Erinnerung fortleben. K.
doi:10.1002/asna.19162031409 fatcat:vs4yuoh4gjhndehjeism6ngtpy