Pseudoappendizitis, hervorgerufen durch Tuberkulose der Mesenteriallymphdrüsen

Fritz Hollenbach
1921 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Wie die Lungentuberkulose, so hat auch die Tuberkulose der anderth Organe, die chirurgische Tuberkulose, infolge der mangelhaften Ernährungsverhältnisse eine erschreckende Zunahme erfahren. Die Tuberkulose des Bauchfells ruft im allgemeinen so charakteristische <rankheitserscheinungen hervor, daß sie der Diagnose keine Schwierigkeiten bereitet. Beschränkt sich aber die Tuberkulose auf die mesenterialen Lymphdrüsen, so ist die Jagnosn schwierig, außer in den Fällen, in denen die großen
more » ... ie großen Drüsenpakete durch die Bauchdecken hindurch getastet werden können, ein Krankheitsbild, das man als Tabes mesaraica bezeichnet hat. Dieses aber sind ja nur Ausnahmefälle. Meistens wird man die Diagnose Mesenteriallymphdrüsentuberkulose nur vermutungsweise stellen können, da die Symptome zu wenig ausgesprochen sind. Je nach der Lage der Lymphome können die mannigfaltigsten Organerkrankuingen vorgetäuscht werden. So berichten Keppler und Erkes1), daß sie bei Lage im Oberbauch die Symptome eines Magen-Duodenalgeschwüres. hervorgerufen hätten. Wir selbst beobachteten 2 Fälle von lieus, als deren Ursache Lymphdrüsentuberkulose gefunden wurde. Bei einer Frauvoii 30 jahren war eine Dünndarmschlinge an einer isolierten verkästen Mesenterialdrüse adhärent und abgeknickt. Der zweite Fall betraf ein 3jähriges Kind, das über taubeneigroße verkäste Lyinphdrüsen im Bereich der Radix mesenterii hatte; von diesen verlief ein bindegewebiger, runder Strang nach der Zökalgegend und hatte den Dünndarm am Uebergang zum Ileum abgeschnürt. Von großer praktischer Bedeutung ist die Tuberkulose der im ileozökalen Winkel gelegenen Drüsen, da diese Affektion sowohl eine akute als auch eine chronishe Appendizitis -vortäuschen kann. Sodann ist diese Lokalisation die häufigste, was seine Erklärung dadurch findet, daß die Darmtuberkulose mit Vorliebe das Zökum und Ileum befällt. In keinem unserer Fälle wurden am zugehörigen Darm Anzeichen von frischen oder abgelaufenen entzündlithen Prozessen wahrgenommen. Dieselbe Beobachtung machte audh Schmieden2), der die Erkrankung als alimentär bezeichnet. Die Eintrittspforten können so geringfügige Läsionen der Darmschleimhaut sein, daß sie makroskopisch gar nitht wahrgenommen werden können, außerdem können die Tuberkelbazillen auch vom gesunden Darm resorbiert werden, ohne ihn selbst u affizieren, die sichtbaren Veränderungen treten vielmehr erst in den mesenterialen Lymphdrüsen auf. Koch und Voigt3) haben diese Erfahrung neuerdings im Tierexperiment bewiesen, indem sie den Versuchstieren Titberkelbazillenemulsion in den durch Laparotomie freigelegten Darm injizierten. Sie konnten die Resorption der Emulsion durch die Chylusgefäfle mit dem Auge beobachten und die Tuberkelbazillen schon l'f Stunde später im Blute nachweisen. Uebcr die Tuberkulose der niesenterialen Lymphdrüsen m ileozökalen Winkel, die unter dem Bild der Appendizitis verliefen, haben Keppler und Erkes4) Liek5) ünd Schmieden6) berichtet. Letzterer zieht zur Diagnose das Röntgenbild heran, da die verkalkten Drüsen Schattenbildungen hervorrufen. Wir haben im letzten Jahre 6 einschlägige Fälle beobachtet, 4 verliefen unter dem Bilde einer akuten, 2 unter dem einer chronischen Appendizitis. Ausnahmslos liandelte es sich um jugendliche Individuen. Die dironischen Fälle bieten bez. Anamnese und Befund absolut das Bild einer chronischen Appendizitis. Bei dem akuten Verlaufe war das Allgemeinbefinden bei einer Temperatur von 40° verhältnismäßig wenig gestört, es bestand in der Zökalgegend lebhafte Druckempfindlihkeit, jedoch keine ausgesprochene Bauchdeckenspannung, die Pulsfrequenz war nur mäßig erhöht. Daraus ergibt sich, dali die Höhe der Temperatur zu dem allgemeinen und lokalen Befunde in einem gewissen Gegensatze steht, eine Beobachtung, die man eventuell differentialdiagnostisch in Erwägung ziehen kann. Bei der Laparotomie fanden wir im ileo-zökalen Mesenterium ausgedehnte Lymphdrüsenschwellungen, die vereinzelt Walnußgröße erreichten. Neben verkalkten Drüsen wurden im akuten Stadium frische Anschwellungen gefunden. -Die Appendix war nicht nennenswert verändert, jedenfalls nicht in dem Maße, daß sie als Ursache der Krankheitserscheinungén in Frage kam. Dié Therapie bestand in Exstirpation möglichst aller erreichbaren Lymphome. Nach Inzision des Peritoneums lassen sich diese uñter Vermeidûng der Gefäße stumpf herausschälen; nach Blutstillung Peritonealnaht. Die Appendix wurde gleichfalls entfernt. In den akuten Fällen ging das Fieber post operationem bald zur Norm zurück" alle Patienten wurden beschwerdefrei. Nur ein Knabe kam 5 Wochen nach der Entlassung mit denselben Symptomen wiedei ins Krankenhaus. Nach Höhensonnenbestrahlumig, die wir auch bei
doi:10.1055/s-0028-1140407 fatcat:yllnwm2rwnbpdkc32e2u5jvjfi