Apotheker und Arzt

1911 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Nervenarzt in Ltibeck. "Wenn wir Apotheker von der Rezeptur leben sollten, müßten wir heute alle verhungern." So hörte ich nicht nur vereinzelt die Apotheker klagen, die, wenn sie im Beruf ergraute Männer waren. mit wehmütigem Ausdruck der früheren, besseren Zeiten gedachten, in denen die Aerzt.e die Apotheker durch reichliches Ordinieren von komplizierten, kunstvoll zusammengefaßten Rezepten leben ließen. Die alten Herren Apotheker mögen es selbst am schmerzlichsten empfinden, daß ihre
more » ... n, daß ihre ehemaligen, geheimnisvoll überschatteten Arbeitsstätten jetzt mehr vielseitigen Kaufläden als wissenschaftlichen Laboratorien gleichen. Die deutsche Apotheke hat es wahrlich schwer, unter den veränderten, der Menschheit aber zum Segen dienenden Verhältnissen sich ihr Anund Aussehen zu bewahren. Der Opfer der Resignation gibt es gar zu viele, und bei diesen vielen kauft man Schwämme, Zahnbürsten, Parfilms, Seifen, Bonbons, Schokoladen etc. so gut wie Farbstoffe, Lutscher, Patentsohlen, Feuerwerkskörper etc. Zum Vertrieb solcher Sachen ist der akademisch gebildete Mann hier und dort einfach gezwungen, wenn er leben will. Die dura necessitas treibt ihn zu manchem Schritt, den er selbst kaum billigen kann und der von anderer Seite unter Umständen bekämpft werden muß. Anlaß zu einem Hinweis auf einen fraglos bedenklichen Schaden gibt mir der in No. 5 dieser Wochenschrift von Prof. Erich Harnack erstattete Uebersichtsbericht über die fünfte Ausgabe des Deutschen Arzneibuches, in der der Verfasser besonders die veränderte Nomenklatur vieler Präparate zur Sprache bringt, sowie den von der Pharmakopökommission neuerdings eingenommenen Standpunkt erwähnt, neben den rein chemischen Bezeichnungen der Substanzen auch die gebräuchlichen geschützten Handelsnamen aufzunehmen. Dieses Vorgehen der Pharmakopökommission hat ein nicht gewoiltes Resultat gezeitigt und eine bereits heute unverkennbare Unsicherheit in die Apothekenbetriebe hineingetragen. Obwohl im Vorwort zu dem neuen Arzneibuch die Rechte der Fabrikanten ausdrücklich gewahrt werden, glauben sich nichtsdestoweniger zahlreiche Apotheker auf Grund der einfachen Nebeneinanderreihung, aber doch nur schein-DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 1565 baren Gleichstellung der wissenschaftlichen Bezeichnungen und der eingetragenen Phantasienamen berechtigt, an Stelle der mit letzteren bezeichneten Originaipräparate, auch wenn diese vom Arzte vorgeschrieben sind, irgendwelche Ersataprodukte zu dispensieren. Charakteristisch für eine so bedenkliche Auslegung ist z. B. ein Rundschreiben, das eiñ Apothekerverein im Norden Deutschlands seinen Mitgliedern vor kurzem zugehen ließ. Während er auf der einen Seite seine Mitglieder in ihrem eigensten Interesse dringend ersucht, wortgeschiitzte Präparate ni ch t me hr (s i e !) durch Ersatzpräparate zu ersetzen", legt er ihnen anderseits nahe, "fa]ls ein Arzt Aspirintabletten A. V., eine Röhre Urotropintabletten A. V. oder Pertussin A. V. etc. etc. verschreibt", dann ohne Säumen und Bedenken "Acidum acetylo-salicylicum-Tabletten resp. Hexamethylentetramin-Tabletten oder Sir. Thymi sacch. etc. etc. abzugeben und zu berechnen", ,denn in einem solchen Falle unterliegt es keinem Zweifel, daß der Arzt die Originalprodukte nicht haben will". Mit dieser Erklärung in ihrer Verallgemeinerung ist man entschieden zu weit gegangen ; eine Entschuldigung für sie darf man lediglich in dem immerhin bedauernswerten Umstande finden, daß die chenischen Kenntnisse der Aerzte meist nicht nennenswert sind und nach der Art. der Ausbildung nicht sein köimen, ein Um stand, der manche Gefahren in sich birgt. Der Arzt, der ein eingetragenes Wortzeichen unter Hinzufügung von A. V. verschreibt, ist sich garnicht bewußt, daß es auf der ganzen Welt z. B. kein Urotropin A. V. oder Aspirin A. V. etc. gibt. Selbst wenn die Aerzte die wortgeschützten Namen unter Bezugnahme auf das Arzneibuch verschreiben, ist der Apotheker gehalten, stets die Originalprodukte zu verabfolgen, wie aus dem oben erwähnten Passus in dem Vorworte des Arzneibuches unzweifelhaft hervorgeht ; wieviel mehr also, wenn der Arzt den viel weniger maßgebenden Appendix "A. V. = Apotheker-Verein" hinzufügt. Ueber die reichsgesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Warenzeichen, die die Pharmakopö ohne weiteres anerkennt und anerkennen muß, dürfen sich die Apotheker mit sophistischen Auslegungen nicht einfach hinwegsetzen ; denn kaum in einem anderen Punkte dürfte die unbedingte Klarheit so wesentlich sein, wie in der peinlich gewissenhaften Befolgung der im Interesse der Kranken als nötig erachteten Maßnahmen. Das oben zitierte Zirkular des betreffenden Apothekervereins kann man beinahe als eine Verleitung zu illegaler Handlungsweise ansehen, die zu Konflikten zwischen den beteiligten Kreisen führen wird. Die durch das neue Arzneibuch geschaffene Lage dient meines Erachtens auf die Dauer weder den Interessen des Apot.hekerstancies, noch denen der Aerzteschaft, gefährdet jedoch die von beiden Faktoren abhängenden Kranken. Gewiß soll das Bestreben der Aerzte auf billigen Arzneibezug gerichtet sein, nur darf die Sicherheit und Zuverlässigkeit der Arzneilief erung darunter in keinem Falle leiden. Es will mir aber scheinen, als ob die Unterschiebung anderer, vorerst noch genau präzisierter Waren, wie sie z. B. auf Betreiben mancher Krankenkassenvorstände für Kassenrezepte in Lübeck zurzeit teils direkt verlangt wird. der erste Schritt auf einer schielen Ebene ist, auf der es bald kein Halten mehr gibt. Wenn der Apotheker erst einmal verlernt hat, fremde Rechte zu respektieren, wenn er sich daran gewöhnt, die ärztliche Verordnung nicht mehr buchstäblich auszuführen, sondern andere Waren dafür zu dispensieren, so wird bald die Zeit kommen, wo er nichts darin finden könnte, für ein verlangtes Präparat nicht etwa eine angeblich chemisch identische, sondern irgendeine beliebige, eventuell möglichst wohifeile Substanz zu verabfolgen, von der er annimmt, daß sie ungefähr gleichen Zwecken dient oder ähnliche Wirkung hervorbringen dürfte. Der Apotheker kann nicht wissen, welch großer suggestiver Mühen es bedurft hat, einen etwa gegen Bromkalium irrtümlich voreingenommenen Patienten für Bromnatriumgebrauch zu gewinnen; er ahnt nicht, wie schwer er den Kranken mit Ueberschreitung seiner Befugnisse schadet dadurch, daß er erklärt, beide Salze unterscheiden sich in ihren Wirkungen nicht; und doch ist jedei Erfolg illusorisch gemacht. Der Arzt hat meist gute Gründe, wenn er Aspirin à 1,0 g einem allzu ängstlichen Kranken verschreibt, dem der Apotheker die weise Lehre gibt, zwei Tabletten à 0,5 tuen dasselbe". Was der Arzt beabsichtigte, hat der Apotheker, ohne es zu wollen, durchkreuzt. Durch solche scheinbar belanglose Willkür seitens der Apotheker ist oft genug jeder Erfolg in Frage gestellt, und allein schon aus diesem Grunde muß es für ihn heißen Erledigung der Ordination aufs genaueste. ohne Kommentar !" Wird der alte, gute Brauch nicht fernerhin beachtet, so werden schließlich Verhältnisse einreißen, wie man sie in Frankreich, Belgien und anderen Ländern findet, Zustände, die den Arzt gegenüber der Mehrzahl der Apotheken mit Mißtrauen erfüllen und ihn zwingen, nur Spezialitäten und Patentmedizinen zu verschreiben, weil ihm die intakte Origina1 packung wenigstens die Gewähr bietet, daß der Patient wirklich das gewünschte Medikament und nicht irgendein ungewisses Ersatzmittel erhält. Man betrachte auch mal, was für minderwertiges Zeug -meist aus schweizerischen und französiscIen Fabriken oder russischen Laboratorien" stammend -unter der Devise Identisch mit", ,synonym" etc. nicht selten als Ersatz für die erprobten und bewährten neueren Arznei-Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1130894 fatcat:jogzz5n2mvfyhghj2hlattuk6e