ZUR GESCHICHTE DER INDOGERMANISCHEN ES/OS-STÄMME IN DEN GERMANISCHEN DIALEKTEN

WOLF VON UNWERTH
1910 Beiträge zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur  
Im gotischen sind, wie bekannt, die alten neutralen esjosstämme (lat. genus generis) gewöhnlich unter bewahrung ihres stammausganges (-i# -is) in die flexion von o-stammen übergetreten, z. b. Jiatis n. 'hass'· hatizis. Die bekannteste form, in der sie im westgermanischen auftreten, ist die, dass der alte stammausgang die bedeutung eines pluralsuffixes angenommen hat, der sing, dagegen in die flexion der o-neutr. tibergetreten ist (Braune, Ahd. gramm. § 197; Behaghel, GruncLriss der germ.
more » ... ss der germ. phüologie l 2 , 763, § 188; Te Winkel ebda. s. 860; Siebs ebda. s. 1347, § 159; Sievers, Ags. gramm. § 290). Interessante reste einer weit älteren flexionsweise sind von Weyhe (Beitr. 31, 78 ff.) aus angelsächsischen quellen nachgewiesen worden. Hier zeigen in ältester zeit der nom. und Aehnliche Verhältnisse müssen in ältester zeit im deutschen bestanden haben. Es sind hier die ahd. formen dat. Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XXXVI. J_ Brought to you by | Freie Universität Berlin Authenticated Download Date | 6/25/15 12:15 AM ·' l 2 VON UNWERTH Der plural dieser Wörter zeigt die suffixform -ir. Für den nom. acc. sing, bietet die form lammi in den malberg. glossen der Lex Salica die genaue entsprechung zu ags. lemb (Kluge, Grundriss der germ. phil. l 2 , 423, § 151). Dieser nachweis einer noch lebendigen alten flexion der es/os-stämme im altwestgermanischen ist von hoher Wichtigkeit. Zunächst beweisen paradigmen wie ccelf-calfur, dag -dogor, hre& -hrodor Jiroöra, dass nom. und acc.-f ormen auf -iz in das flexionssystem der neutralen es/os-stämme hineingehören, dass also der Übergang derartiger stamme in masc* fern, neutr. i-stämme tatsächlich seinen grund in der lautgesetzlichen entwicklung gewisser casusformen der es/ös-neutra hat. Es ist daher nicht notwendig, zur erklärung dieses Überganges eine gruppe indogermanischer neutra mit der suffixform -is auch für das germanische vorauszusetzen. Derartige neutra sind 1 in keinem sprachzweig historisch zu belegen' (Brugmann, Grundriss der vergl. gramm. 2?, 533, § 407). Bei den arischen formen (z. b. altind. jyotis* n. 'licht') kann das -is einem idg. -9s entsprechen; die aus dem lateinischen und griechischen angeführten formen sind masc. oder fern, ( , cinis, pulvis). Eine wortgruppe, deren ansetzung derartig hypothetisch ist, kann nicht dazu geeignet sein, dass man sie zur erklärung des germanischen Übergangs von esfos-zu i -stammen heranzieht, wie dies Brugmann (a. a. o. § 399, s. 523) tut. Vielmehr muss die entstehung der formen mit auslautendem -iz innerhalb des eignen flexionssystems der es/ös-neutra zunächst einfach als tatsache angesehen werden. Von Wörtern, die von hier aus zu ^-stammen geworden sind, seien genannt: 1) Kurzsilbige alter esjosflexion zeigen äs. dal n., fries. del n., ags. dcel n.. .Das genus von got. dal ist unsicher. Weitere vielleicht hergehörige beispiele bietet Sievers, Ags. gramm. § 288, anm. l und § 263, anm. 4. Brought to you by | Freie Universität Berlin Authenticated Download Date | 6/25/15 12:15 AM -STÄMME IN DEN A T/TG E RM. DIALEKTEN. 8 2) Kurzsilbige masc.: ags. bere m. 'gerste', afries. ber-: zu got. *baris in barizeins, aisl. barr n., norw. bar n. (s. unten). Ags. ege m. 'schreck 1 : zu got. agis n., griech. <5?£oc. Weiterbildung des sufftxes zeigen: ahd. egiso m., äs. e#wo m., ags. egesa, egsa m. Ags. hete m. 'hass', äs. lieti m. : zu got. hatis n., aisl. Äatfr n. Uebergang in neutralen o-s tarn m zeigt aschw. liat, in masc. altind. sdiias-n. 'gewalt, sieg'. 3) Kurzsübiges fern.: ahd. stedi f. 'ufer, landungsplatz' (instr. sing, stediu, Franck a. a. o. § 143); äs. stath m.; afries. sied m.; ags. sta$ m. n.; aisl. st$Ö f.; got. stada dat. sing. : mit durchfuhrung der r-form des Suffixes ahd. sing, stedir (Schatz a. a. o. § 98). Uebergang in masc. o-stamm zeigt siad 'ufer' (aber dat. plur. stedin neben stadun, Schatz § 98 und 102). Langsilbige alte es/os-stämme, deren germanische formen durch umlaut des wurzelvocals auf eine suffixform -iz zurückweisen, sind folgende: Langsilbige neutr.: ags. Jidel n. 'heil' : zu ags. hdlor und Jidls f. Uebergang in neutr. o-stamm zeigt ahd. Jieil, mndl. heil] in masc. o-oder fern, -stamm mnd. heil m., mndl. heil f. Ags. hrcew n. 'leiche' (plur. hrcew) neben hrdw m. n. : zu ahd. plur. reuuir (Braune a. a. o. § 204, anm. 4). Neutraler 0-stamm erscheint in: ahd. hreo, äs. hreo, aisl. hrde ( < oeiw ohne folgenden vocal, vgl. Axel Kock, Svensk Ljudhistoria l § 341). Hierher gehört auch ags. Icen f. 'Verleihung, geborgtes,
doi:10.1515/bgsl.1910.1910.36.1 fatcat:wzyz7q4dnjaqzl5ndyejalky6e