Ueber biologische Mehrleistung des Organismus bei der künstlichen Ernährung von Säuglingen gegenüber der Ernährung mit Muttermilch1)

A. Wassermann
1903 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Sie wissen alle, dass im Laufe der letzten Jahre besünders ein Gebiet der Biologie bearbeitet wurde, welches die Reaktionen im Verlaufe der Einverleibung von fremdem Eiweiss in den lebenden Organismus zum Gegenstande hat. Ich erinnere Sie in dieser Hinsicht nur an die Namen von Bordet, Ehrlich, den leider so früh verstorbenen Buchner, Metchnikoff und deren Schüler und Mitarbeiter. Diese Arbeiten, welche anfangs nur ein rein wissenschaftliches Interesse zu beanspruchen schienen, haben, wie ich
more » ... n, haben, wie ich dies an anderer Stelle bereits ausgeführt, uns heute schon eine Reihe praktisch recht wichtiger Thatsachen kennen gelehrt, und ich selbst hatte vor etwa Jahresfrist an dieser Stelle Gelegenheit, ein in die Praxis eingreifendes Versuchsergebniss aus diesem Gebiete zu demonstriren. Ich zeigte Ihnen damals in Gemeinschaft mit meinem Mitarbeiter Schütze die spezifische Verschiedenheit des Eiweiss in der Milch von Thieren und des Menschen mittels der T sis to wi tse h -B o rd e t 'sehen Praecipitine. Um kurz zu rekapituliren, besteht das Verfahren darin, dass wir einem Kaninchen subkutan mehrmals Injektionen von Kuhmilch, einem anderen ebenso viele Injektionen von Frauenmilch geben. Entziehen wir nun nach einiger Zeit den beiden so vorbehandelten Thieren ihr Blut und prüfen das Serum, indem wir mit demselben Kuhmilch, resp. Frauenmilch zusammenmischen, so finden wir, dass das Serum des ersten Kaninchens, dem wir die Kuhmilch injizirt haben, nur wieder die Eiweisskörper dieser Milch, andererseits wieder das zweite Kaninchen, dem wir Frauenmileh injizirt haben, nur wieder die Eiweisskörper dieser Milch zum Ausfällen, zum Praezipitiren bringt, nicht aber vice versa. Diese Versuche sind seither vielfach wiederholtworden, besonders haben sich Escherich und seine Schule sehr für dieses Gebiet interessirt -so nenne ich Ihnen in dieser Beziehung Morro -, und es wurde dabei stets der spezifische Unterschied zwischen Menschen-und Thiermilch gefunden. Diese gleiche Methode wurde dann auch späterhin für die Differenzirung der Eiweissarten des Menschen und verschiedener Thiere zu anderen praktischen Zwecken verwendet, und es ergab sich dabei stets das Resultat, dass eine Thierspezies, die von einer anderen im System biologisch entfernt steht, ihr bestimmtes von der anderen spezifisch verschiedenes Körpereiweiss besitzt. Wir müssen also auf Grund dieser von mir biologisch genannten Differenzirungsmethode mittels des lebenden Organismus, die ungleich schärfer arbeitet als jede chemische Methode, die Streitfrage, ob die Eiweisskörper der Frauen-und der Kuhmileh verschieden oder gleich sind, als im ersteren Sinne entschieden betrachten. Ich drückte mich damals dahin aus, dass die Frauenmilch für den Menschen homologes, jede andere dagegen heterologes Eiweiss enthält. Demnach haben wir physiologisch und teleologisch die Brusternährung als unmittelbare Fortsetzung der placentaren Ernährung aufzufassen, wie dies Escherich sehr treffend und richtig hervorhebt. Die Natur macht in der intrawerden der Haut besonders an dieser Stelle beobachtete Ueberempfindlichkeit der Haut (s. o.) ist verschwunden. Eine Derbheit der Haut findet sich vornehmlich noch am Nacken, an den Oberschenkeln und Armen. Die übrige Haut ist ziemlich weich, und jedenfalls ist die Haut überall auf der Unterlage versehieblich. Eine Schrumpfung ist nirgends eingetreten. Bis jetzt ist seit der Entlassung des Knaben aus der Klinik keinesfalls eine Verschlechterung des Krankheitsprozesses bemerkbar. ') Vortrag, gehalten im Verein für innere MecIiin am 13. Oktober 1902. uterinen und ersten intravitalen Ernährung des Kindes keinen unvermittelten Sprung, sondern sie schaltet das Kind mittels der Brustnahrung auch nach der Geburt noch in den gleichen homologen Eiweissumsatz der Mutter ein, wie sie dies während des intrauterinen Lebens gethan hat. Ich habe nun die Versuche, über den Unterschied zwischen Brust-und künstlicher Nahrung des Säuglings auf diesem Wege weitere Anhaltspunkte zu gewinnen, fortgesetzt und möchte Ihnen heute ganz kurz darüber berichten. Dass in der That auch praktisch greifbare Unterschiede in dieser Beziehung bestehen, darüber lassen die Arbeiten der erfahrensten Kinderkliniker auf diesem Gebiete, wie Heubner, Baginsky, Escherich, Menti keinen Zweifel. Aus allen diesen Arbeiten geht trotz aller Anerkennung, dass man unter Umständen mit der künstlichen Ernährung ganz ausgezeichnete Resultate erzielen kann, doch stets das als Quintessenz hervor, dass im allgemeinen und besonders in gewissen Fällen die Frauenmilch durch kein Surrogat zu ersetzen Ist. In der jüngsten Zeit hat sich besonders Heubner mit Hilfe der Rubner'schen Untersuchungsmethode eingehend mit der Energiebilanz von Säuglingen, die einerseits mit Brustmilch, andererseits mit Kuhmilch oder Surrogaten genährt wurden, beschäftigt und konnte auf diese Weise die Differenz, die dabei besteht, zahlenmässig nachweisen. Heubner konnte zeigen, dass bei ungefähr gleicher Kalorieenzufuhr dasjenige Kind, das seine Kalorieen in Form der homologen Nahrung der Fraueninilch erhielt, im ersten halben Lebensjahre eine weit grössere Wachsthumsintensität zeigt als das andere Kind. Aus diesen Versuchen geht also mit Sicherheit hervor, dass mit weit weniger Kalorieen, sobald sie in Form der homologen Frauenmilch gegeben werden, das Gleiche erreicht wird wie mit einer weit grösseren Anzahl von Kalorieen, sofern sie in der Form von künstlicher Ernährung, also heterologen Eiweissstoffen des Menschen gegeben werden. Demnach geht bei der künstlichen Ernährung eines Säuglings Arbeit für etwas anderes, von uns bisher nicht sicher Nachgewiesenes verloren und wird nicht zum Neuansatz von Körpersubstanz, also zum Wachethum verwendet. Heubner kommt zum Schlusse, dass die Mehrarbeit und daher der Mehrverbrauch von Kalorieen bei der künstlichen Ernährung auf dem Gebiete der Driisenarbeit und der Verdauungsarbeit mcl. der intermediären Spaltungen und Synthesen liegt. Diese Arbeit muss es sein, an welche die Muttermilch im Gegensatz zur künstlichen Ernährung wesentlich geringere Ansprüche stellt. Auch Escherich kommt zu dem gleichen Resultate, indem er annimmt, dass ein Hauptunterschied zwischen diesen beiden Ernährungsweisen in der Schwierigkeit der Assimilation, also im intermediären Stoffwechsel, vorhanden ist. Dass nun in der That das mit künstlicher Nahrung, also mit heterologem Eiweiss versehene Kind, gegenüber dem mit homologem Eiweiss genährten Organismus, i. e. dem Brustkinde ein Plus an Arbeit zu leisten haben muss, ist bereits nach den erwähnten Versuchen, die ich Ihnen vor Jahresfrist hier zeigte, ohne weiteres klar. Da das menschliche Organeiweiss spezifisch different von dem thierischen ist, so hat unter allen Umständen das Flaschenkind die Mehrarbeit gegenüber dem Brustkinde, das ihm verabreichte heterologe Eiweiss zwecks Körperansatzes erst in sein homologes umzuarbeiten, ein Punkt, auf den bereits ein Schüler Escherich's Hamburger vor einiger Zeit hingewiesen hat. Es ist der Unterschied, um einen Vergleich zu gebrauchen, ungefähr der, als ob ich einem Mechaniker zum Bau einer Maschine, welche aus Stahl bestehen muss, das Rohmaterial einfach in Eisen oder gleich in Stahl gebe. In ersterem Falle hat derselbe als Mehrarbeit für den Aufbau der Maschine die Umwandlung des Eisens in Stahl zu besorgen, welche Arbeit im anderen Falle, wo ich ihm das homologe Material zur Maschine bereits fertig liefere, unnöthig ist. Immerhin indessen fehlte bisher der experimentelle Beweis dafür, dass thatsächlich die Einverleibung von heterologem Eiweiss in den lebenden Organismus eine vermehrte Sekretionsarbeit für denselben gegenüber dem anderen Falle bedeutet. Ueber diesen experimentellen Nachweis wollte ich Ihnen heute berichten. Wenn wir einem Meerschweinchen heterologe Nährstoffe, z.B. normales Ziegenserum oder Zellsubstanz, Nuklefne u. s.w. in die Bauchhöhle einverleiben, so sehen wir, dass dieses Thier nun grosse Mengen von Bakterien, z.B. Typhusbazillen, die wir kurz nach dieser Injektion in die Bauchhöhle bringen, sehr rasch abzutödten und aufzulösen vermag, was ein anderes Thier, dem wir keine derartige Injektion gegeben haben, nicht vermag. Dieses Vermögen, Bakterien im Anschluss an eine derartige Injektion von hetero-16 DEUTSCHE MEDICINISOHE WOCHENSCHRIFT. No. 1 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1138214 fatcat:wun3ih27xjai3ikzquyeduw4te