Geistes-Gegenwart. Rede und Vorlesung bei Adam Müller [chapter]

Peter Schnyder, Daniel Weidner, Claude Haas
2020 Über Wissenschaft reden  
Das dieser Publikation zugrunde liegende Forschungsvorhaben wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01UG1412 gefördert. Die Veröffentlichung im Open Access wurde durch den Publikationsfonds für Open-Access-Monografien der Leibniz-Gemeinschaft gefördert. ISBN 978-3-11-067662-4 e-ISBN (PDF) 978-3-11-067663-1 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-067665-5 Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 Lizenz. Weitere
more » ... Lizenz. Weitere Informationen finden Sie unter http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/. Library of Congress Control Number: 2019953763 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. Das 18. Jahrhundert entdeckte die Gegenwart. Oder genauer: Es gab dem Konzept der 'Gegenwart' eine neue Bedeutung. Denn selbstverständlich sprach man schon zuvor von der 'Gegenwart', doch damit wurde allein auf räumliche Relationen Bezug genommen. Gegenwärtig war das, was sich in unmittelbarer Nähe befand. Die zeitliche Dimension von Gegenwart aberdie für die moderne Semantik des "vielfach merkwürdige[n] wortes" 1 zentral geworden istspielte vor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch keine Rolle. 2 Dieser Befund lässt sich anschaulich belegen durch einen Blick in die zeitgenössischen Lexika und Wörterbücher, sei es nun Zedlers Universal-Lexicon 3 oder aber auch noch Adelungs Wörterbuch, wo als Äquivalent für "Gegenwart" das Wort "Anwesenheit" genannt wird. 4 Adelungs Beleg stammt aus den 1790er Jahren, was sogar darauf hindeuten würde, dass die Verzeitlichung der Gegenwart erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingesetzt hätte. Denn erst dann wird tatsächlich auch in den Wörterbüchern die temporale Semantik von 'Gegenwart' verbucht; so etwa bei Campe, der 1808 neben der räumlichen auch die zeitliche Bedeutung nennt und "Gegenwart" als "die gegenwärtige Zeit" bestimmt. 5 Doch Lexika und Wörterbücher hinken der tatsächlichen semantischen Entwicklung der Sprache notorisch hinterher. Sie haben sozusagen ein problematisches Verhältnis zum Sprachgebrauch ihrer jeweiligen Gegenwart als "gegenwärtige[r] Zeit". Und entsprechend ist es auch im Falle des Konzepts der verzeitlichten Gegenwart so, dass schon rund 30 bis 40 Jahre vor Campe erste Belege für die neue Bedeutung des Wortes gefunden werden können. 6
doi:10.1515/9783110676631-007 fatcat:jionxrhvpjcgfj5t6k23i6rrj4