Erd- und Süsswasser-Gasteropoden der Schweiz : mit Zugabe einiger merkwürdigen exotischen Arten / von J. D. W. Hartmann [book]

J. D. W. Hartmann
1844 unpublished
Aufforderung, die mich zu einer Arbeit zurückführte, welche der vorzüglichste Wunsch meines verewigten Vaters war, der als Naturforscher selbst izt noch zu wenig bekannt , mit innigster Liebe allen Fächern des Studiums der Natur lebte , und selbslbeobachtend und mit Kraft die Beengungen und den Mangel über\\indend , die ihn drückten, sich zu dem Ziele hinarbeitete, welches er sich vorgenommen hatte. Der Hinblick auf ihn war es vorzüglich, der mich gänzlich bewog, jener Aufforderung zu
more » ... derung zu entsprechen, und später das Begonnene fest fortzusetzen, wenn schon Hindernisse verschiedener Art eintraten , imd mir vorzüglich die Natur selber noch genug beobachten zu können, nicht zu Theil wurde, wenn ich sogar hierin gehemmt ward , wo mir sehr wohl hätte Hand geleistet werden können; dagegen erhielt ich mehrere Beiträge, sowohl an Conchjlien, als auch beigelegten genauen Bemerkungen über ihr örtliches Vorkommen, und ich selber habe das Bewusstsein, so viel des Versäumten nachgeholt, und meine frühern Beobachttuigen und Ansichten geprüft zu haben , als es in meiner Lage nur immer möglich war, somit in den Stand gekommen zu sein, hier eine Arbeit vorzulegen , die, wenn sie auch nicht vollständig werden knun, doch des Neuen und Interessanten, treu, genau und wahr hingegeben , so viel enthält, dass ich hoffen darf, es werde kein Naturforscher sie ohne einige Befriedigiuig aus der Hand legen. Aus Deulscliland habe ich vorzüglich der uiigenieinen Güle des Herrn Canzleiralh cuii Marlens eine ausgezeichnete Sendung würtenihergischer Con-(jhjhen zu verdanken, welcher Herr Graf ro» Scckendorf eine bedeutende Anzahl, mit einigen noch nirgends abgebildeten Arten, beifügte, und Mehreres, nebst reichhaltigen Schreiben, die Gewogenheit hatte, noch nachfolgen zu lassen. Von Herrn L. Parreyss in Wien erhielt ich eine mir entsprechende Sendung, und Auskunft auf mehrere Anfragen, wie sie ein bloss speculanter Naturalienhändlor nie gegeben hätte, sondern welche ihn als wahrheitsliebenden, ächten Freund und Beförderer der Wissenschaft ehren. Seine Genilligkeit ist schon von Herrn Professor Uossmässler und Herrn Anton empfohlen. So wie manches Andere , erhielt ich erst,^^ährend das Manuscript dieses Heftes schon für die Presse abgegeben war, auch reiche Beiträge und die Schriften von Herrn Grafen Porro in Mailand, welche ich für dieses erste -VI!selbslständiger Benennung auch der Vorllieil gewonnen ist , dass für die Aiten zweckmässigere Namen gewähll werden können als bisher , denn in manchen Fällen, z. B. bei der Gattung Ilelix, war diess schlechterdings nicht mehr möglich! Ich weiss zwar wohl , dass Manche dafürhalten, wenn ein Ding nur einen Namen habe, gleichgültig, ob seiner Sache angemessen oder nicht, so sei diess liinreichend ; aliein bezeichnende Namen sind doch jederzeit bequemer und erleichtern das Aufsuchen in den Büchern ungemein , und besser möchte es sein , nach Adanson's Methode den Gegenständen ganz sinnlose Wörter als Namen aufzubinden, als ihnen solche zu erthcilen , die Eigenschaften bezeichnen, welche ihnen gar nicht zukommen, oder auf andere Weise Verwirrung veranlassen , wie diess besonders bei transportirten der Fall ist, z. B. bei Helix lucida et nitida, Clausilia perversa, Pupa muscorum, Helix hortensis der Engländer (statt H. aspcrsa) und vielen andern ; besonders ist es seit Ferussac geschehen 1 Nichts ist verwirrender , zweckwidriger und unerlaubter als solche Uebertragungen von Namen irgend einer Art auf andere. W^elche Confusion hat nicht Fabrizius dadurch in der Entomologie angerichtet? Draparnaud hat nur einmal getauscht, bei HeUs lucida und nitida in seiner Histoire gegen die tableaux des moUusques , worauf dann Studer wieder dem letztern unvollkommenen , bereits ganz vergessenen Werke statt der classischen Histoire folgte , was um so unangenehmer ist , da unter nitida, nitensetc. sonst schon Verwechslungen Statt fanden; in Charpentier's Catalog steht durch einen I>r«c/ifehler gar lurida bei *). Auch Oleen spricht sich bei einem Anlasse in der Isis 1833 p. 740 ebenfalls gegen die Uebertragung vei'bannter Namen auf andere Gruppen aus **). Freilich entstunden solche sehr oft aus Unkiuide. Der Uebertragcr glaubte die nämliche Art vor sich zu haben , welche der erste Namensertheilcr vor sich hatte. Dies entschuldigt , aber die Irrung verbreitete sich weiter, und gerade solche mehi-fach irrig angewandten Namen sollten endlich ganz auf die Seite gesetzt werden ! Mehrere solche sind nun bereits wahre Gemein-imd Sammelplätze für Arten geworden , die man nicht gehörig zu bestimmen vermochte, sie befassen oft 3-6 verschiedene Arten. So sind z. B. die Namen Helix striata, neglecta, variabilis, coespitum, Lymna>us vulgaris, ovatus. ") Solches kann sich bei fast gleichlautenden Namen leicht ereignen , zuweilen sogar durch Versehen der Verfasser selber, nicht bloss der Setzer ! So ist in einigen Schriften Paludina anatina mit acbatina verwechselt, welche nicht die entfernteste Achnlicbkcit haben. Doch können solche Irrungen durch Achtsamkeil wohl vermieden werden. ") Weniger hat die Uebertragung schon vorhandener Namen bei Gattungen zu sagen, wenn wenigstens zum Tkeil die von den ersten Erthcilcrn des Gattungsnamens verstandenen Arten verbloihon. Pupa muscorum, Clausilia perversa und rugosa *) solche unglückliebe Sammelplätze. Immerhin sind gewiss neue Namen weit unschädlicher als falsche Synonymen, welche die Folgen einer gewagten Bestimmungssucht nach unzureichenden Beschreibungen und Abbildungen , noch häufiger aber der eigenen Flüchtigkeit sind , womit solche betrachtet werden. Bediene man sich zuletzt, wenn keine passenden Namen mehr sollen geschaffen werden können , eben auch der Mythologie , wie bei den Schmetterlingen, oder gar der Namen von Beduinen? hat man doch schon wirklich eine Ilclix Abdel -Kader . . . ! Es wäre übrigens unnütz, weiter einzutreten, weil über die Wahl siceckmässiger oder imzweckmässigcr Namen die Naturforscher bekanntlich schon in Partien getrennt sind. Ich erkläre mich abermals für die erstem, und so sehr ich auch die Rechte der Priorität bei den Namen ehre , so glaube ich doch, man soll einen gutgewählten Namen wegen der Priorität eines schlechtem nicht opfern. Solchen Rechten nachzuspüren , möchte übcrdiess oft schwer halten **) , und wenn sie gehalten werden sollten , so müsste oft ein fast unbekannter älterer einem nachher ihn verdrängenden weichen ; zuweilen wäre damit gewonnen, z. B. mit den Studer'schen aus der Zeit der Coxischen Faunula ***) , Avelcbe die Klarheit, Ueberlegimg und die kenntnissvolle Selbstständigkeit beurkunden , die er besass , gegen diejenigen seines Catalogs von 1820 , wo Altersschwäche in bedeutendem Grade eine unsichere Nachgiebigkeit eingeführt hat. In andern Fällen sind neuere Namen gewiss besser. Sobald nun der Gattungsname nicht allzu Vieles umfasst , so wird mau auch ähnliche Namen leicht für zwei und mehrere Arten gebrauchen können, ohne Verwirrung zu veranlassen : man wird , wenn ich sage Arianta rudis. ) Clausilia dubia und rugosa sind auf die unbegreiflichste Weise verwechselt, da doch Draparnaud beide so unverkennbar abgebildet hat ! Wahrscheinlich hat Herr von Ferussac in flüchligcr Eile einmal Exemplare derselben mit verwechselter Eliquelte nach Deutschland gesandt. Noch izt kommen beide hie und da in dieser Verwechslung in Tausch und Handel vor. ") Wie manchmal wurden die Prioritätsrechte übersehen, selbst von solchen, welche so sehr dafür eiferu , z. B. von Herrn R. Warum bleibt unter Andern Professor Hermann in Slrassburg so vergessen 1 Jedenfalls aber ist zu bedauern , dass häufig nur völlig auf ohngefähr zu den Namen irgend eine Autorität gesetzt wird, die zuweilen ganz falsch ist , wenigstens nicht zu der Voransetzung des gewählten Gattungsnamens passt. Besonders begegnet diess französischen und italienischen Kalurforschern , denn oft haben solche die Schriften , aus denen die Namen enthoben sein sollen, nicht selber gesehen, viel weniger richtig benutzen können. "*) Helix monlana für sylvatica , Bulimus svlveslris für montanus (man sehe seine eigene Erklärung im n. Alp. II. 269 Note) , Fomalias variegatus und mehrere andere. IX sogleich wissen , dass nicht von Ilclix rudis Stud. et Thom, die Rede ist, welche eine Trkhia sein muss ; ebenso wird auch der Schweizer'schen sogenannten Helix sylvatica, die von der französischen so verschieden ist als nemoralis und austriaca , der ilir vormals so charakteristisch von Studer in Coxe ertheilte Name monlana wieder gegeben werden dürfen ; wenn sie Tacliea raontana genannt wird , kann sie mit der Trichia montana (circinnata) wahrlich Niemand verwechseln, ebenso wenig z. B. in einem Catalog costulata Ziegler nie mit cosiaiA Menke , wenn wir von ersterer sehen, dass sie eine Hehcella, die zweite eine Chilostoma ist. Den Charakter der Abtheilungen in'U ihren Namen inne zu behalten , fällt doch wahrhaftig nicht schwer ; wer diess nicht vermag, wird wohl überhaupt sehr schwach in der Gonchj'hologie sein und bleiben. Wem aber diese kleinern Abtheilungen, die übrigens zum Theil schon von Fitzinger , Agassiz, Leach und Andern aufgestellt wurden, mit ihren selbstständigen Namen nicht gefallen, und lieber im Meere der Arten lange vergebens herumschwimmt, oder sich mit Versetzung recht vieler Familiennamen, wie Gmehn einführte, oder gar mit Zahlen und Buchstaben für diese Abtheilungen behilft, dem mag ich es auch gönnen, ich werde, weil ich meine Ansichten und mein System Niemand aufdringen will, und ebenso wenig mein Buch mit neuen Namen unheqxicm machen , immer den Familiennamen, z. B. Helix u. s. w. obenansetzen; die altern Namen der schon anderswo beschriebenen Arten sind zudem bei den Citaten von Müller , Draparnaud , Ferussac etc. sogleich zu sehen ; folghch wird niemand angeführt, unter den neuen Namen auch neue Arten suchen zu sollen, wo keine sind. Dass ich es ebenfalls sehr bequem fand , auch die Aharten mit Namen zu bezeichnen und dabei die nämlichen Grundsätze beobachtete , versteht sich wohl von selbst. Um so mehr mag ich jede Form, an der sich noch ein eigener Charakter ersehen lässt, auch gerne mit einem eignen Namen bezeichnet wissen, als über die Begriffe von Art, Abart u. s. w. noch so manche unwerthe und unangenehme Streite obwalten. Ich habe daher auch diese Varietätnamen in der nämlichen Untergattung nie mehrfach gleichlautend gegeben, damit sie um so weniger verwirren, und je nachdem die Ansicht eines Andern ist, ein solcher für eine selbstständige Art sowohl als für eine blosse Abart passen könne. Ich erkläre nochmals , dass ich meine Ansichten fest , aber ohne weitere Ansprüche auf Nachahmung oder Befolgung darlege. Freiheit im Denken allein kann die Wissenschaft wahrhaft fördern ; suche demnach Jeder freidoch wohl überlegt nach eigener Ansicht zu leisten, was er kann; der Prüfung wird einst nichts entgehen , aber selbst einzelne Verstösse führen oft früher zur Wahrheit als sklavisches Nachahmen, und des neuen Guten wird wohl immer etwas gefunden, wo auch nur einigermassen heller Geist waltete. Ich erlaube mir nun noch einige Worte über meine Begi-iffe von Art, Abart, Spielart u. s. w. zu sagen und über Namen. Wie die erste Schöpfung der verschiedenen Bildungen vorging, das wissen wir nun einmal nicht;sicher aber ist anzunehmen, dass der Urformen nicht so viele waren , aber diese stark bezeichnet gewesen sind, und vielleicht an gewisse Orte beschränkt waren. Wer aber die zahllosen Umstände , die in den Tausenden der Jahre walteten , und welche die Gestalt und die Beschaffenheit der Erdoberfläche selber veränderten , erwägt , der wird wahrhaftig zugeben müssen, dass auch die Gestalt ihrer Bewohner mannigfaltige Veränderungen erleiden musste. Schon die altern Naturforscher achteten auf die fortdauernden Aenderungen , welche durch die Verschiedenheit des CUma's u. s. w. entstehen, ferner durch die veränderte Nahrung u. dgl. Neuere Beobachter fanden aber auch die Höhe der Wohnorte imd die Beschaflenheit der chemischen Bestandtheile des Bodens , auf welchem die Tbiere leben, und noch vieles Andere der Berücksichtigung werth. So verdient selbst die Grösse des Umfanges , innert welchem sie sich verbreiten können , oder auf welchen sie enge beschränkt sind, ebenfalls in Betracht zukommen, indem auch dieses auf ihre Gestalt und ihre eigene Grösse Einfluss hat *). Sehr viele Ursachen sind uns sicherlich noch gänzlich unbekannt , von vielen aber wissen wir bereits schon die Folgen , welche sie auf Gestalt , Farben und andere Eigenschaften äussern. Solche verändernde Ursachen sind es also , welche die Erscheinungen hervorrufen , welche wir , je nachdem alle diese Einflüsse auf die Form gewirkt haben , oder nur einzelne , und je nachdem dieses lange oder nur kurze Zeit , mittel-oder unmittelbar geschah, Arten, Abarten oder Spielarten nennen. Nun wird sehr häufig der Grundsatz aufgestellt , dass , was von einer Art ausgehe , unter den nämlichen Verhältnissen wieder zu der Urform zurückkehren müsse , und nach diesem werden viele Arten bestimmt. Der Grundsatz hat augenscheinhch viel für sich; allein nur sehr wenig kann er zu Prüfungen benutzt werden , weil es nur in sehr wenigen Fällen in der Menschen Macht hegt, alle jene Verhältnisse wieder hervorzurufen , welche einer abgewichenen Form ihre Urgestalt wiedergäbe , und so wie die Abweichung Lebens nothwendig sind, vorkommen, mögen GaUungen begründen, vielleicht die ncuoin Resultate der Untersuchungen des Gebisses ; die Verschiedenheiten der Deckel sind gewiss nicht hinlänglich, denn wer wollte desswegen z. B. Cyelostoma Woltzialium von deu übrigen Cyclostomen trennen? Aber auch die Gebisse werden Uebergänge und "Wiederholungen zeigen, welche mit andern Charakteren nicht immer natürlich übereinstimmen, und nicht hinlänglich sind. ') Ohngeachtet Herr Professor Blousson meinen Ansichten über Artverschiedenheit und in Betreff des Systems mir ganz entgegen ist, habe ich gleichwohl demselben viele solcher und sehr sorgfältiger Beobachtungen zu verdanken, welche zu Resultaten und Ursachen der Variationen führen müssen. bestimmen , wohin eine Art gehöre , oder man kommt in den Fall , von der natürlichen Anreihung abzuweichen , und auf ein künstliches System zu verfallen . Nun habe ich nochmals über Benennungen Folgendes zu bemerken : Die Namen , welche von Farben hergenommen werden , sind ohne Ausnahme als schlecht zu erklären ; weil die Farben an sich etwas zu Unbeständiges sind, wie ich schon oben bemerkt habe, kimnen sie nur Spielarten, keine Abarten gründen. Sogar die Spielarten mit eigenen bleibenden Namen versehen zu wollen , wäre dann aber doch die Sache zu weit getrieben **) ! ') Solche Fehler sind durch unrichliye phjsiognoraischc Ansichlen enlstanden z. B. bei der wahren Hcl. umbrosa, wenn sie in die Nähe der circinnala gcslellt wurde, bei carlusiana, wenn sie in die Nähe von frulieum kommt u. s. w. Oft wurden die wahren Arten gänzlich verkannt. **) Dennoch ist es schon öfter geschehen. Wir haben einzig der Farben wegen vvaüiel man andere iNamen als solche, die sich nur auf die Farhc bezichen, so wird man in keine Widersinnigkeilen geralhen , wie z. ß. eine Ilelix niclanostoma mit weissem Mundsaume ist , und dergleichen , welchen sich noch genug andere Beispiele zuzählen Hessen. Ebenso sind die Namen , die von Ländern des Aufenthaltes der Schnecken hergenommen sind, luitauglich , denn vielleicht ist nicht eine Art nur einem Lande eigen, wohl aber ausser der, demselben nachhcnannten, noch genug andere, so dass die Benennung keine bestimmte Bezeichnung sein kann; lediglich in dem Falle, weiui eine Schneckenart künstlich in ein anderes Land, als dem sie zugehörte, versetzt wird, und sich dann daselbst in einer andern, nun einzigen und eigenthümlichen , Varietät fortpQanzt.
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