Kolář, Pavel: Der Poststalinismus. Ideologie und Utopie einer Epoche

Martina Winkler
2018
In seinem klug geschriebenen Buch richtet Pavel Kolář den Blick auf einen bisher eher vernachlässigten Abschnitt der Zeitgeschichte: die Jahre zwischen 1956 und 1968, die Ära des "Poststalinismus", begrenzt durch den XX. Parteitag der KPdSU einerseits und den "Prager Frühling" sowie dessen Niederschlagung im Sommer 1968 andererseits. Kolář spricht zwar ausdrücklich von einer "Zwischenphase" diese, so zeigt er, weist jedoch bemerkenswerte Eigenheiten auf, verdient unser Interesse und kann unser
more » ... sse und kann unser Verständnis für die Geschichte des Sozialismus in Ostmitteleuropa deutlich fördern. Die Ausgangssituation und Basis für die Fragestellung des Buches bildet der "Schock" des Jahres 1956: Obwohl viele der Enthüllungen über die stalinistischen Verbrechen nicht ganz unerwartet kamen, erzeugten sie eine als vollkommen anders empfundene Situation, ein ideologisches Vakuum, die Notwendigkeit eines totalen Neubeginns. Welche neuen "Sinnwelten" nun geschaffen und gestaltet wurden, diese Frage bestimmt die Analysen der Studie. Geografisch betrachtet Kolář dabei in erster Linie die ostmitteleuropäische Region mit der DDR, Polen und der Tschechoslowakei; einbezogen werden natürlich außerdem Einflüsse aus und das Geschehen in der Sowjetunion sowie, in begrenztem Maße, Ungarn. Dabei bilden die Entwicklungen in der Tschechoslowakei den Schwerpunkt. Mit der relativ späten Entstalinisierung einerseits und der ausgeprägten Reformbewegung der 1960er Jahre andererseits schaffen die Strömungen in der Tschechoslowakei eine Art Paradigma für den Poststalinismus, der lange Zeit zu Unrecht nur als "Warteraum für den Prager Frühling" angesehen wurde. Die unterstellte Passivität des Wartens auf einen besseren Sozialismus, einen "mit menschlichem Antlitz", lehnt Kolář ab und beschreibt stattdessen einen Gestaltungsraum, eine erstaunlich offene Zeit des Aushandelns. Seine Akteure sind nur in zweiter Linie die Vertreter zentraler Parteiorgane. Im Grunde interessiert er sich für eine Zwischenebene, die Kommunisten der unteren und mittleren Ränge. Seine "Vielen", von denen er spricht, sind somit kein der Partei entgegengestelltes "Volk". Kolářs Narrativ ist mit dem inzwischen so etablierten Gegensatz von top-down-Geschichte versus bottom-up nicht zu beschreiben. Die von ihm bereits mehrfach formulierte Kritik am Dualismus von "Partei" und "Gesellschaft" wird hier in ein innovatives Forschungsdesign umgesetzt, in dem Kommunisten nicht mehr "die anderen" sind, sondern Gestalter ebenso wie Opfer der Geschichte. Der wichtigste Quellenbestand für das hier besprochene Buch entstammt dem "ideologischen Alltag", in dem wir einen Einblick bekommen nicht nur in die "fertige" Ideologie, sondern in deren Entstehungsprozesse: Protokolle, Entwürfe, Pläne und Briefe. So werden die theoretischen Grundlagen der Studie -Termini insbesondere zu Utopie, Sprache und Performanz, die unter anderem von Bloch und Bachtin entliehen sind -praktisch umgesetzt und historisch ausgelotet. Der Begriff, den Kolář selbst aus seinen Analysen herleitet, ist derjenige der "prozessualen Utopie". Anders als die radikalen und eindeutigen Zukunftsvisionen der Phasen Lenins und Stalins (der Zeit "davor"), anders auch als die von Stagnation und inhaltlicher Leere
doi:10.18447/boz-2017-4280 fatcat:ejlc63dmd5c2nhc7ewlucrnt5a