The Internet is Dead – Long Live the Internet Soziale Medien und idiosynkratisches Aufbegehren [chapter]

Philipp Wüschner, Jan Slaby, Anja Breljak, Rainer Mühlhoff
2019 Affekt Macht Netz  
Es gibt zwei Standarderklärungen, warum Personen im Internet sich Ungeheuerlichkeiten an den Kopf werfen. Die erste Erklärung -man könnte sie die ›medi-enpessimistische‹ nennen -geht davon aus, dass die Anonymität der Beteiligten wie in einem erweiterten Milgram-Experiment die natürlichen Hemmschwellen menschlicher Kommunikation beseitigt. Die zweite, ›medienpragmatische‹ Erklärung ist, dass schriftliche Kommunikation bestimmte intrinsische Mängel besonders bei der Kommunikation von Gefühlen
more » ... ion von Gefühlen habe, die fast zwangsläufig zu Missverständnissen und Konflikten führten (Kruger u. a. 2005). Beide Erklärungen greifen auf bestimmte Unzulänglichkeiten in der kommunikativen Situation zurück. Dabei zieht die erste eine Fluchtlinie zum Verantwortungsdiskurs (Klarnamenpflicht etc.) beziehungsweise zur Gesetzgebung hin (Hate Speech als Straftatbestand), die zweite hingegen zu Mediation und Metakommunikation. Das Problem mit der ersten Erklärung ist, dass die vorausgesetzte Anonymität auf einer Seite wie Facebook, auf der Klarnamen die Regel sind, nur noch in geringem Ausmaß gegeben ist. Abgesehen davon könnte sie ohnehin nur erklären, warum Menschen sich trauen, ihren Aggressionen Ausdruck zu verleihen, nicht aber, welcher Natur diese Aggressionen überhaupt sind. Die medienpragmatische Kritik der Schriftlichkeit hingegen bringt in vielen Punkten Wahres und Interessantes zutage: Es mag in der Tat schwieriger sein, Emotionen schriftlich richtig zu übermitteln und wieder zu entschlüsseln (als im mündlichen Gespräch unter leiblich anwesenden Beteiligten), und diese Schwierigkeit wird vielleicht Mühlhoff, R.; Breljak, A.; Slaby, J. (Hg.): Affekt Macht Netz. Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der Digitalen Gesellschaft. transcript 2019, S. 247-268.
doi:10.14361/9783839444399-011 fatcat:w4aooifoyzbovolojv23ofsm7a