Kant und die naturwissenschaftliche Erkenntniskritik der Gegenwart. (Mach, Hertz, Stallo, Clifford.)

Hans Kleinpeter
1904 Kant-Studien  
Es war der ausgesprochene Zweck des Schöpfers der Kritik der reinen Vernunft, die Philosophie auf jene Stufe strenger Wissen seh aftlichkeit zu heben, die er au der damaligen Mathematik und mathematischen Physik zu bewundern Gelegenheit genommen hatte. Wir wissen, dass er dieselbe für eine unbedingt exakte, ideale in seinem Sinne angesehen hatte, wissen aber auch heute, wie weit die Wissenschaft der damaligen Zeit von diesem Ideale entfernt war, wissen auch, wie sehr es die heutige noch ist ;
more » ... eutige noch ist ; ja sein muss. Dieser Umstand bietet eine naheliegende und augenscheinlich sehr günstige Handhabe sowohl zur angemessenen Beurteilung der persönlichen Leistung Kants wie auch zu der seiner Lehre überhaupt und ihrer Bedeutung für die Gegenwart. Denn einerseits lässt es sich doch nicht verkennen, dass das Vorbild der Mathematik und der mathematischen Physik Kant bei seinem Versuche der Rehabilitierung, der Metaphysik als eine Art Zielpunkt vorgeschwebt habe, und dass er sich jederzeit zufrieden und glücklich geschätzt hätte, dasselbe auch nur zu erreichen, wie aus mehreren Stellen seiner Werke wohl zur Genüge hervorgeht; andererseits ist das Niveau der damaligen Mathematik und Naturforschung, die Kaut als Muster diente, von der modernen Wissenschaft weit überholt worden. Ich meine darunter nicht die ungeheure Ausdehnung des Gesichtskreises, die Vertiefung der Methode 'und der plannlässigen Arbeit überhaupt und die Schar der vielen glücklichen Entdeckungen, durch welche die moderne Naturwissenschaft ein im Vergleich zu der Unschuld früherer Zeiten so wesentlich verändertes Gepräge erhalten hatte, -kurz, ich denke gar nicht an das, was in den Brought to you by | University of Queensland -UQ Library Authenticated Download Date | 6/16/15 1:57 AM Kant und die naturwissenschaftliche ^Erkenntniskritik der öegehWart. Augen der Laien die Wissenschaft von heute von der vergangener Zeiten in so auffälliger Weise sondert. Die Auffassung von dein innersten Wesen der Wissenschaft, von ihrer erkenntnistheoretischen Stellung ist es, die im Vergleich zum 18. Jahrhundert eine so gewaltige Änderung erfahren hat. Die Philosophie Kants war ja wohl auf diese Wandlung nicht ganz ohne Einfluss, wenn man sich auch hüten muss, denselben zu überschätzen; ebensowenig war. aber dieser Läuterungsprozess Folge eines ändern philosophischen Systems. Auf dem Boden dieser Wissenschaften selbst ist ihre Kritik emporgediehen, sie blieb mit ihrem Inhalt so verwebt, dass durch eine lange Zeit eine Scheidung überhaupt ganz unmöglich blieb. Die Mathematik eröffnet den Reigen; sie ist es, in die zuerst der kritische Geist eingedrungen war. Die Mathematik des durch Newton und Leibniz inaugurierten Zeitalters vermochte nur äusserst bescheidene Ansprüche auf die Strenge ihrer Wissenschaftlichkeit zu erheben; *) unter dem Eindruck des neuentdeckten Infinitesimalkalküls wurde ohne viel zagende Bedenken frisch drauf los differenziiert und integriert; die kritische Einkehr kam erst, als auf diesem Wege nicht mehr so viele und dabei ziemlich mühelose Ausbeute zu holen war und der gründliche Ausbau eine kritische Durchsicht des kritiklos gesammelten Stoffes erheischte. Dieses Bedürfnis hat sich ab.er erst zu einer Zeit herausgestellt, als Kants Werk lange vollendet war. Die ersten Anmerkungen dieser Art finden sich in den Schriften von Gauss und dieser war 1777 geboren. Die eigentliche Revision der Grundprinzipien der Mathematik begann aber erst mit Abel und Weierstrass und ist noch heute lange nicht abgeschlossen. Aber auch in ihrer heutigen Gestalt ist sie bereits ausreichend, viele Voraussetzungen Kants als irrig zu erweisen. Dahin gehört namentlich die von der Denknotwendigkeit gewisser geometrischer Grundsätze, 2 ) die von der Natur des Zahlbegriffes u. m. a. !) Dies ist schon von Berkeley erkannt worden, was wohl als ein sehr gutes Zeichen der besonderen Schärfe und des ausgezeichneten Verständnisses dieses Philosophen für die exakte Wissenschaft gelten darf. 2 ) Es mag bei dieser Gelegenheit gestattet sein, auf das ausgezeichnete Werk von D. Hubert "Die Grundlagen der Geometrie" hinzuweisen, das die logische Untersuchung der Raumanschauung zum Gegenstande hat und in augenfälligster Weise die begriffliche Natur der geometrischen Grundgebilde darthut. 17* Brought to you by |
doi:10.1515/kant.1904.8.1-4.258 fatcat:ercsod3uivfgvmy4vjyrjhcdzy