Ueber Pleuritis (Schluss aus No. 12.)

1890 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
VI. Ueber Pleuritis. You Prof. I)r. Liebermeister in Tübiiigeii. (Schluss aus No. 12.) Therapie. In früheren Zeiten galt bei allen als entzündlicli anerkannten Processen die direkte Bekämpfung der Entzündung, die Antiphiogose, für die wichtigste Aufgabe. In unserer Zeit haben sich in dieser Beziehung die Anschauungen wesentlich geändert. Wir wissen jetzt, dass eine Entzündung niemals spontan, sondern nur infolge ausreichender Ursachen entsteht, und dass die Vorgänge, welche wir als Entzündung
more » ... ir als Entzündung bezeichnen, in vielen Fällen sogar für den Kranken geradezu von Vortheil sind, sei es, dass sie dazu beitragen, krankmachende Stoffe aus dein Körper za entfernen oder sie unschädlich zu machen, sei es, dass sie die Heilung einer Continuitätstrennang oder die Regeneration von verloren gegangenen Gewebstheilen ermöglichen. Wir werden deshalb, wenn ein Krankheitsvorgang sich als Entzündung ausweist, daraus noch nicht ohne weiteres die Indication zu einem antiplilogistischen Einschreiten ableiten, sondern wir werden überlegen, ob es nicht im gegebenen Falle zweckmässiger sei, wenigstens bis zu einem gewissen Punkte der Entzündung freien Lauf zu lassen oder sogar in besonderen Fällen sie noch za begünstigen. Diese überlegende Zurückhaltung würde noch viel mehr geboten sein, wenn wirklich die Beseitigung der Entzündung so in unserer Hand läge, wie dies manche ältere Aerzte glaubten, und wenn nicht in Wirklichkeit für die meisten Fälle unsere antiphlogistischen Methoden doch unzureichend wären. Nicht jede Pleuritis bedarf einer direkten Behandlung; vielmehr ist in zahlreichen Fällen am besten ein exspectatives Verhalten, hei dem man zunächst dem Krankheitsprocess freien Lauf lässt, während man zugleich den Kranken unter möglichst günstige Verhältnisse bringt, und ein thätiges Einschreiten nur für gewisse Wendungen im Verlaufe der Krankheit sich vorbehält. Die Pleuritis sicca bedarf in der Mehrzahl der Fälle keiner besonderen Behandlung. Doch ist es zweckmässig, dem Kranken ein ruhiges Verhalten za empfehlen und ihn noch sorgfältiger als sonst vor Erkältung sich hüten zu lassen. Wenn die Pleuritis sicca hartnäckig ist oder häufig wiederkehrt, so kann man leichtere oder stärkere Hautreize anwenden, z. B. Gichtpapier, Senfteige, Pinselaugen mit Jodtinctur, Blasenpflaster, trockene Schröpfköpfe. Sehr heftige Schmerzen, welche die Athmung beeinträchtigen, werden vermindert durch örtliche Blutentziehungen (Schröpfköpfe oder Blutegel); zuweilen ist auch eine Morphiumeinspritzung zweckmässig. Die Pleuritis exsadativa verlangt häufig eine mehr active Behandlung. Zwar werden wir auch dabei, wenn der Process nicht sehr acut auftritt und das Exsudat nur langsam steigt, für den Anfang uns auf die exspectative Methode beschräuken. Wenn aber 27. März. DEUTSCHE MEDICIN ISCHE WOCH ENSCIERIFT. 265 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1207113 fatcat:ad5oyuo5f5b4bnqzxopmte5dmq