GOLDSMITHS VICAR OF WAKEFIELD

WILLI FISCHER.
1902 Anglia. Zeitschrift für englische Philologie  
Jedes litterarische erzeugnis wird umsomehr kunstwerk sein, jemehr die drei quellen, aus denen es entsprungen ist, das übernommene, das erlebte und das eigene durch die macht der Persönlichkeit des dichters zu einer einheit verschmolzen worden sind. Es ist klar, dass es ein vergebliches bemühen sein würde, etwa in der fertig vor uns tretenden dichtung die drei quellen wieder scheiden zu wollen: lässt sich auch einzelnes als entlehnt oder erlebt nachweisen, das werk ist vielzusehr ganzes, trägt
more » ... sehr ganzes, trägt vielzusehr den Stempel der eigenart des dichters, als dass eine völlige Zergliederung in drei teile möglich wäre. Anders, wenn keine wuchtige Persönlichkeit vorhanden st. Werke solcher art haben zumeist, wenn überhaupt einen, so doch nur einen zeiterfolg gehabt, weil man bald das ihnen innewohnende missverhältnis erkannt hat. Wenige bücher nur kann es geben, die soviele generationen in so hohem masse über das missverhältnis zwischen übernommenem einer-, erlebtem und eigenem anderseits, sowie überhaupt zwischen stoff und dichterischer kraft hinweggetäuscht haben, wie Goldsmiths Vicar of Wakefield. Ich will in der vorliegenden arbeit den versuch machen, die Wertschätzung dieses romans auf das nach meiner ansieht richtige mass zurückzuführen, indem ich, was hier sehr gut möglich ist, das werk nach seinen quellen auseinanderlege und dann zeige, wie Goldsmith gearbeitet hat. Die aufgäbe bringt es mit sich, dass ich mein hauptaugemnerk auf das richte, l ) Die beschäftigung mit Goldsmith verdanke ich einer anregung von herrn dr. Saran. Anglift. N. F. XIII. 9 Brought to you by | Nanyang Technological Universi Authenticated Download Date | 6/7/15 10:03 AM *) Ich muss hier bemerken, dass ich, nachdem ich meine ergebnisse in der hauptsache beisammen hatte, über eine beeinflussung Goldsmiths folgende andeutungen vorfand: Hettner ("Geschichte der engl. Literatur" seite 488), nach ihm Erich Schmidt ("Richardson, Rousseau und Goethe", Jena 1875, seite 67) und andere haben gesagt, der pfarrer Primrose sei ohne zweifei von Fieldings pfarrer Adams beeinflusst, was Forster ("The Life and Times of Oliver Goldsmith", Leipzig, Tauchnitz 1873. I, seite 315 ff.) heftig bestreitet. Erich Schmidt behauptet weiter (s. 63), Richardsonscher einfluss sei unverkennbar, und es beständen gewisse ähnlichkeiten mit der Klarisea, besonders im Verhältnis von Olivia zu Thornhill. Brought to you by | Nanyang Technological Univers Authenticated Download Date | 6/7/15 10:03 AM gebildeten weltklugheit ebenso betrügen wie vorher Moses (XIV 62) und muss sich von diesem und Georg mangel an seiner gerühmten Charakterstärke vorwerfen lassen (XVII 79; XXVni 149). Nichts jedoch kann sie in der meinung von sich selbst irremachen. Sie glauben vortreffliche menschenkenner zu sein und mit ihrer buchweisheit überall auszukommen (Adams II16 usw., Primrose XIV 58), dann aber hat jeder noch ein besondres Steckenpferd. Adams hält den schulmeisterstand für den höchsten aller stände und sich selbst für den grössten Schulmeister (HE 5): Das ist ein punkt, in dem Widerspruch ihn unangenehm machen kann, hieran darf niemand zweifeln. So glaubt Primrose, niemand könne ihn im disputieren überwinden (VI 24) und ist sehr unwillig, als das bestritten wird. Ausserdem ist er ein Vorkämpfer der monogamie und hat sich völlig in diese ansieht verrannt. Leider finden seine bücher keine käufer, die von Adams nicht einmal einen Verleger. Aus beider harmloser eitelkeit und eingebildetheit erklärt es sich auch, dass sie die kunst, zur rechten zeit zu schweigen, nicht verstehen, sie fördern ihre ansichten zu tage, ob es klug ist oder nicht. Adams dem wirt (II17) und Peter Pounce (III 13), Primrose dem Butler gegenüber (XIX) reden, trotzdem sie die ansichten dieser leute, denen sie noch dazu verpflichtet sind, kennen, so unklug und unbedacht, dass sie sich ihre freundschaft verscherzen. Ganz unmöglich ist es ihnen, eine erzählung ruhig anzuhören, sie unterbrechen immer, sei es um zu belehren, oder zu fragen, oder sonst eine bemerkung zu machen (Adams II4; 3, Primrose XVI112/3; XX 95 ff.). Doch alle schwächen haben ihre grenzen. Da, wo es sich um irgend etwas handelt, das in ihre pflichten eingreift, ist plötzlich keine spur mehr von lächerlichkeit vorhanden, es tritt uns eine ernste, entschlossene Persönlichkeit entgegen, die keine macht der weit bewegen kann, auch nur einen zoll breit vom wege des rechten abzuweichen. Als Lady Booby von Adams die einstellung des aufgebots von Fanny und Joseph verlangt und ihm bei ungehorsam ihre Ungnade und viele Unannehmlichkeiten drohen, als frau und tochter ihn auffordern nachzugeben, da weist er, der sonst so nachgiebige, diese aufforderung ruhig zurück und folgt unerschüttert der Pflicht (IV 8).
doi:10.1515/angl.1902.1902.25.129 fatcat:23gsow7pp5b4rmwedoxbgtbkae