Ueber das Auftreten von Asthma bronchiale nur während der Menstruation1)

Julius Katz
1896 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Ich erlaube mir, Ihnen über einen Fall von echtem Asthma bronchiale zu berichten, hei dem die Anfälle und alle Krankheitserscheinungen überhaupt nur zur Zeit der Periode auftreten, wührend die Patientin in der Zwischenzeit vollkommen frei davon ist. Der Fall dürfte vielleicht Ihr Interesse erregen, weil Fälle von sogenanntem Asthma uterinum an sich sehr selten sind und sogar die Existenz eines solchen von autoritativster Seite bestritten wird. Herr y. Leyden warnt in seiner bekannten Arbeit2)
more » ... ekannten Arbeit2) ja ausdrücklich vor der Verwechslung des wirklichen Asthma bronchiale mit allgemeinen Zustanden von Dyspnoe, die nur äussere Aehnlichkeit mit dem Asthma haben, und legt Verwahrung dagegen ein, dass durch Aufstellung eines besonderen Asthma uterinum, dyspepticum etc. der feststehende Typus des Bronchialasthma verwischt würde, eine Mcinung, der sich Strümpell3) und andere Autoren anschliessen. Dass diese Kritik sehr wohl berechtigt ist, erkennt man aus dem Studium der bisher veröffentlichten Fälle von derartigem Asthma uterinum, bei denen es sich ausnahmslos um stark neurasthenische Personen handelt, wo Anomalieen der Athmung ja überhaupt nichts ungewöhnliches sind. Auch ist bisher nicht in einem einzigen Falle die Diagnose eines etwaigen Bronchialasthmas durch die Untersuchung des Sputums sichergestellt. Ich habe mir daher erlaubt, Ihnen das Sputum einer Kranken mit Asthma uterinuin mitzubringen, die in der Polikliiiik des Herrn Privatdocenten Dr. Mendel sohn seit längerer Zeit behandelt wird, eine Kranke, bei der alle Kriterien des essentiellen Asthmas, die typischen Anfalle, das charakteristische Sputum und seine Bestandtheile, die Leyden'schen Krystalle, die Spiralen und Bronchialgerinnsel vorhanden sind, und das alles nur während der Menstruation, während sie ausserhalb derselben in jeder Hinsicht gesund ist. Die Patientin ist jetzt 32 Jahre alt. Sie stammt aus gesunder Familie, insbesonde:re sind in dieser Lungen-und Nervenkrankheiten nicht vorgekommen. Sie selbst hat in ihrem zwölften Jahre Diphtherie durchgemacht; sonst ist sie stets gesund gewesen. Sie ist seit acht Jahren verheirathet und hat dreimal in regelmassiger Weise geboren. Ihre Menstruation hat niemals etwas Besonderes an sich gehabt, abgesehen von geringer Unregelmässigkeit in den zeitlichen Intervallen. Seitens ihrer Genitalien hat sie, ausser einem geringen Fluor albus, an dem sie seit der Geburt des jangsten, jetzt fünf Jahre alten Kindes leidet, niemals Beschwerden gehabt; auch sind diese durch specialistische Untersuchung als normal befunden worden. Seit eineni Jahre nun leidet die Patientin an Asthmaanfallen, die nur zur Zeit der Periode auftreten und mit deren Aufhören nach ihrem eigenen Ausdruck wie "weggepustet" sind. Das erste Mal wurde sie von einem Anfall überrascht, als sie sich Abends ins Bett gehegt hatte, nachdem kurz vorher die Periode eingetreten war. Sic beschreibt die Anfblle in ganz typischer Weise dahin, dass sie plötzlich von heftiger Athemnoth befallen werde, so dass sie sich, wenn sie sich im Bett befinden, aufsetzen und sogar aufstehen müsse, um am offenen Fenster besser Luft holen zu können. Dabei sei die Athmung von einem weithin hörbaren pfeifenden Geräusch begleitet. Diese Anfälle wiederholen sich während der ganzen Zeit der Periode häufig und besonders des Nachts, so dass die Patientin fast ganz des Schiafés beraubt und zudem auch in ihrem sonstigen Befinden, in Ernährung und Verdauung sehr gestört ist. Mit dem Aufhören der Menstruation jedoch sind, wie gesagt, elle Beschwerden wie mit einem Schlage verschwunden. Die Kranke fühlt sich vollkommen gesund und ist imstande, eine ziemlich anstrengende Tbätigkeit auszuüben, bis mit dem Wiedererscheinen der Periode dasselbe Spiel von neuem beginnt. Die objective Untersuchung zur Zeit der Periode ergiebt bei sonst völlig normalem Verhalten einen geringen Tiefstand des Zwerehfells, einen etwas hypersonoren Lungenschall und auscultatorisch sehr zahlreich giemende und brummende Geräusche und ein stark verschärftes und verlängertes Exspirium. Die Athmung ist leicht beschleunigt und angestrengt. Das producirte Sputum, von dem eine Probe dort aufgestellt ist, ist höchst charakteristisch; es ist ein typisches Asthma-Sputum: glasig, grauweiss und zähe, enthhlt es in einer schleimigen Grundsubstanz aussel einer grossen Anzahl von Fäden, Flocken und Körnern, Bronchialgerinnsel von respectabler Grösse Mikroskopisch sind, wie ich mir in einem aufgestellten Präparat zu zeigen erlaubt habe, Spiralen und zahlreiche und wohl ausgebildete Leyden'scheKrystalle vorhanden. Dieses Sputum wird ausschliesslich zur Zeit der Periode producirt; in der Zwischenzeit fehlt es ganz und gar. Ich bemerke noch, dass für eine, etwa bestehende Neurasthenic, zu der die Patientin schon durch ihren Beruf als Händlerin in der Markthahle wenig disponirt erscheint, nichts, weder das psychische Verhalten, noch die Art ihres Klagens, noch irgend welche somatischen Erscheinungen sprechen. Hiernach unterliegt es also keinem Zweifel, dass hier ein Fall von essentiellem Asthma, das durch die Menstruation hervorgerufen 1) Demonstration im Verein für innere Medicin am 2. November 1896. ) Ueber Bronchialasthma. Deutsche niihitä.rärzthiche Zeitschrift 1886, Heft 11. 3) Lehrbuch der speciellen Pathologie und Therapie, 7. Aufl. S. 263. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
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