Die Behandlung der Hysterie

E. Meyer
1908 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in Königsberg j. Pr. M. H.! Die Kranke, die Sie vor sich sehen, kommt zu uns wegen einer Lähmung der linken Hand. Wir finden die linke Hand in Beugekontraktur, die aktiv nicht ausgleichbar ist, passiv aber beseitigt werden kann. Die Untersuchung ergibt uns außer sehr dürftigem allgemeinen Ernährungsaustande noch eine Reihe weiterer Erscheinungen: Hemihypästhesie für alle Qualitäten auf der ganzen linken Seite einschliefflich des Gesichtes, Mastodynie, Ovarie, Herabsetzung der
more » ... Schleimhautreflexe. Und während wir noch den Druck zur Prüfung der Ovarie ausüben, schreit Patientin auf, schließt die Augen, wirft sich hin und her, bäumt sich auf, ohne jedoch von dem schmalen Untersuchungsbett herabzufallen. Die Pupillen reagieren während dieses Anfalls prompt auf Licht; Zungenbiß und Einnässen treten nicht ein. Wenn wir jetzt die Gegend des Jugulums eindrücken, so hören die Krämpfe auf. Patientin öffnet die Augen und seufzt erschöpft. Ueber die Entstehung ihres Leidens weiß die Kranke zu berichten, daß sie vor zwei Jahren nach einem großen Schreck einen Krampf in der linken Hand gespürt habe die Hand war wie gelähmt. Zeitweise besserte sie sich wieder, seit einigen Wochen könne sie aber die Finger nicht mehr strecken. Außerdem beständen seit ein paar Jahren Anfälle mit Zuckungen im ganzen Körper ohne völligen Bewußtseinsverlust, ohne Zungenbiß, die von Zeit zu Zeit, besonders bei Aufregung, aufträten. Sie leide ferner an Schmerzen im ganzen Körper, an Atemnot, könne schlecht gehen, sei leicht erregbar. Letzteres macht sich auch bei der Schilderung ihrer Beschwerden geltend, die sie mit großer Lebhaftigkeit und in weinerlichem Tone vorbringt. M.IL! Ein klassisches Beispiel von Hysterie haben wir vor uns. Die Beschaffenheit und die Art des Auftretens der motorischen und sensiblen Lähmung, die Mastodynie und Ovarie etc., die Eigenart der Krämpfe, ihre Auslösung und Coupierung, die Klagen und das gesamte Wesen der Kranken zeigen das an. Der rein psychogen e Charakter der Hysterie, insbesondere die krankhafte Erregbarkeit und Beeinflußbarkeit, die in abnormer Gefühisbetonung der Empfindungen und Vorstellungen wurzelt und die iIttiIiiiIiIIj!É/ LAG: GEORG TIi I EME 1111111 t it ttt tIll t ttttl sichmitVorliebe in körperliche Störungen umsetzt, kann kaum besser illustriert werden. Die Ueberlegungen, zu denen unser Fall in therapeutischer Beziehung Anlaß gibt, sind geeignet, uns überhaupt in die Behandlung der Hysterie einzuführen. Die Klagen unserer Kranken beziehen sich zuerst auf die gelähmte linke Hand, aber auch auf Krämpfe im ganzen Körper und allgemeine Nervosität. In gleicher Weise ergibt die objektive Untersuchung lokal umschrieben e Veränderungen motorischer und sensibler Art und allgemeine Krämpfe und psychische Abweichungen. Damit Ist der Weg gegeben, den die Behandlung notwendig einschlagen muß, die lokalen wie die allgemeinen Erscheinungen müssen bekämpft werden. Betrachten wir erstere näher, so sehen wir sie in ihrer Entstehung aufs engste an die krankhafte Wesensart gebunden, in ihrem Kommen und Gehen folgen sie den psychischen Schwankungen; sie gewinnen weit weniger Selbständigkeit gegenüber dem Grundleiden, als es bei anderen Erkrankungen oft der Fall ist. Wenn auch körperlicher Art, tragen sie doch stets psychogenes Gepräge. Diese Auslegung der lokalen Störungen, an denen die Hysterie ja so reich ist, lehrt uns, daß mehr als bei irgend einer andern Krankheit eine erfolgreiche Behandlung und vor allem dauernde Besserung der lokalen Erscheinungen davon abhängt, wie man das Grundleiden anzugreifen versteht. Da nun, worauf alle unsere Ausführungen hinauskamen, die Hysterie eine exquisit p sychogene Erkrankung ist, so muß auch die Behandlung in erster Linie auf psychischem Gebiete liegen, Psychotherapie sein1). Freilich müssen wir dabei berücksichtigen, daß die Hysterie, wenn sie auch psychischen Ursprunges ist, doch durch rein körperliche Erkrankungen, die eine Erschöpfung des gesamten Organismus herbeiführen, ausgelöst und begünstigt werden kann. Von solchen Krankheiten nenne ich Chlorose, Anämie vers chiedener Herkunft, Infektionskrankheiten, Puerperium u. dgl. Die Feststellung derartiger ursächlicher Momente kann naturgemäß der gesamten Behandlung eine besondere Richtung geben. Wir kommen darauf später noch kurz zu sprechen.
doi:10.1055/s-0028-1135727 fatcat:xg4bbyb2zzemznbxbn5rs24ad4