XXVIII. Die Entwickelung der römischen Flotte vom Seeräuberkriege des Pompeius bis zur Schlacht von Actium

J. Kromayer
1897 Philologus (Berlin)  
Die Entwicklung der römischen Flotte u. s. w. 427 So kommt es denn, daß in der Periode und bei dem Gegenstande, von welchem hier die Rede sein soll, nämlich bei der Behandlung der römischen Seemacht zur Zeit der ausgehenden Republik, die überlieferten Zahlen, soweit sie nicht augenscheinlich das Maaß des Möglichen überschreiten, meist so, wie sie sind, hingenommen werden 1 ); nicht als ob man damit zuverlässiges Material zu haben glaubte, aber doch ein solches, welches man -faute de mieux
more » ... aute de mieux -allenfalls benutzen könnte, da es schwer ist, zu sagen, ob und wie die Kritik hier einsetzen soll, um sichere Ergebnisse zu erlangen. Ein Vorschlag, wie vielleicht auf festeren Boden zu kommen ist, möge deshalb hier seine Stelle finden. Es ist eine allgemein gültige Beobachtung, daß Zahlenbestimmungen um so unzuverlässiger werden, je größer die abzuschätzenden Massen sind. Denn, da nach Hunderten oder Tausenden zählenden Mengen sich dem menschlichen Vorstellungsvermögen entziehen, so ist hier dem Irrthum ein weites Feld gelassen, und der Geist geneigt, das, was er nicht fassen kann, weit höher zu schätzen, als es wirklich ist. Dazu kommt in unserem speciellen Falle eine zweite, diese Neigung noch verstärkende Fehlerquelle: der Mangel an Objectivität, welcher aus der Furcht vor dem Feinde, aus patriotischem Stolz, kurz aus den durch die Bedeutung der Ereignisse erregten Leidenschaften oder auch geradezu nur aus dem Bestreben hervorgeht, den eben behandelten Gegenstand möglichst wichtig erscheinen zu lassen. Für die Kritik folgt daraus als erster Grundsatz, wo nicht triftige Gegengründe sprechen, der kleineren von zwei überlieferten Zahlen vor der größeren den Vorzug zu geben. Auch das soll keine neue Wahrheit sein. Aber man kann noch einen Schritt weiter gehen: ') Statt vieler Citate hier nur einige aus den anerkanntesten und neuesten Werken: So sagt Mommsen K. G. II s S. 283 bei Aufzählung von Mithradats Streitkräften : "die Angaben, daß . . . 300 pontieche Deckund 100 offene Schiffe in See stachen, scheinen nicht allzu übertrieben", und auch im 3. Mithradatiechen Kriege sowie im Bürgerkriege zwischen Caesar und Pompeius nimmt er die quellenmäßig überlieferten Zahlen in seine Darstellung auf (a. a. O. III» S. 56. 413). Ebenso urtheilen in Betreff Mithradats Th. Reinach in seiner Geschichte dieses Königs und Stoffel in seiner Histoire de Jules César, guerre civile (torn. I p. 132) über Pompeius Flotte. Brought to you by | Brown University Rockefeller Library Authenticated | 128.148.252.35 Download Date | 6/14/14 8:15 AM Aber da diese -wenn man so sagen darf -vergleichende Methode ja nur eines der Mittel ist, um zu Ergebnissen zu gelangen, und zudem auch bei anderer Anordnung zu ihrem Rechte kommen kann, so habe ich, um den Leser nicht hin und her zu werfen, doch lieber die chronologische Reihenfolge gewählt, Brought to you by | Brown University Rockefeller Library Authenticated | 128.148.252.35 Download Date | 6/14/14 8:15 AM ) Dio XXXVI 37 (20), 1 : προσέταξαν αύτω. . . τάς ναϋς άπάσας. App. Mithr. 94 : -ναϋς δ σας etyov. 6 ) App. Mithr. 94: ω στρατιά μεν αύτίγ.α ήν έν δώδεκα μυριάοι τζεζων χαι ί~πεΐς τετρα*ισχίλοι• ^ηες δέ, συν ήμιολίαις, ϊβδομήχοντα χαι διακόσιοι. Plutarch nennt 200 Schiffe (Pomp. 25), indem er, wie das gewöhnlich geschieht, nur an die eigentlichen Schlachtschiffe denkt. Brought to you by | Brown University Rockefeller Library Authenticated | 128.148.252.35 Download Date | 6/14/14 8:15 AM 10 ) Plin. (Detlefsen) VII 25 (2li; 9S und 20 (27) 97: depressis aut captis navibus DCCCXLVI; nach Pompeius eigenen Angaben. -Die Zahl 8(10, welche sich bei Plut. Pomp. 45 und App. Mithr. 117 findet, ist natürlich als runde Summe für die genauere 8-Hi zu betrachten. Die Schriftsteller gehen in ihren Angaben über die Zahl der Seeräuberschiffe z. Th. noch weiter. Plutarch (Pomp. 24) veranschlagt ihre Flotten auf mehr als 1000 Schiffe; Strabo lässt (XIV 3, 3 C. 665) den Pompeius sogar über 1300 in Cilicièu verbrennen. Das sind indessen neben den zwar auf den Effect berechneten, aber doch scrupulös genauen Zählresultaten des Pompeius selber, nicht weiter in Betracht kommende allgemeine Schätzungen. -Von diesen 846 Schiffen war nur der kleinste Theil versenkt, etwa 700 wurden unversehrt in die Häfen gebracht (App. a. a. O. 116). Brought to you by | Brown University Rockefeller Library Authenticated | 128.148.252.35 Download Date | 6/14/14 8:15 AM Die Entwicklung der römischen Flotte u. e. w. 431 Aber es war Pompeius, der so zählte, derselbe Pompeius, welcher in Spanien S76 und im Mithradatischen Kriege 1538 Städte unterworfen hatte, und es zeigt doch mit nicht zu verkennender Deutlichkeit den wahren Sachverhalt, wenn wir von anderer Seite hören, daß die Zahl der im ganzen erbeuteten Schiffe "mit Rammsporn" nicht mehr als 90 betrug 11 ). Wie der römisehe Senat ein paar Jahre vorher den Kretern die Auslieferung aller ihrer Boote bis hinab zum Fisehemachen mit 4 Rudern auferlegt hatte 12 ), so rechnete auch Pompeius bei seiner Aufzählung alles mit, was aus ein paar Brettern zusammengenagelt war und schwamm. Die Taxierung, welche die eroberten Schiffe auf 71, die freiwillig überlieferten auf 306 angiebt 13 ), besteht daneben zu vollem Rechte. Sie Schloß die Nachen aus, die kleinen und kleinsten Kaperschiffe ein und giebt ein richtigeres Bild als Pompeius Prahlerei 14 ). Denn die ganz überwiegende Mehrzahl der Seeräuberschiffe bestand eben, wie auch aus den Angaben der Schriftsteller im allgemeinen hervorgeht, aus Myoparonen und ähnlichen kleinen Schnellseglern 15 ). Der Bau von 200-300 neuen Kriegsschiffen dürfte gegen diese Feinde kaum von Nöthen gewesen sein. Endlich ist weder der notorisch viel geringere Bestand der römischen Seemacht, wie wir ihn nur 18 Jahre später beim Ausbruch des Bürgerkrieges zwischen Caesar und Pompeius antreffen, noch die Thatsache, daß man damals, wie sich gleich zeigen wird, ein ganzes Jahr brauchte, um die Seemacht des Reiches auf den Bestand von 500 Kriegsschiffen zu heben, gerade sehr geeignet, die Annahme eines irgendwie ins Gewicht fallenden Flottenbaues im Jahre 67 zu unterstützen le ). ") Plut. Pomp. 28: ναΰς δέ -ολλάς μέν άλλας, ένενήχοντα δέ χαλ-V. εμβόλου ς παρέλαβεν. Wenn Appian (Mithr. 117) behauptet, es seien beim Triumph des Pompeius νήες . . . χαλν.έμ βολο t ¿-/τηχόσιαι genannt, so steht das in Widerspruch mit Pompeius eigenen Angaben, der eben mir von 846 Schiffen im Ganzen spricht, und das "χαλ-λέμβολοι" ist daher als ein offenbar irriger Zusatz Appians aufzufassen ; vgl. Mommsen, R. G. III s S. 122. 12 ) Diodor, Frg. XL 1 , 3 Dindorf: -άντα τά ττλοϊα εως τετρασκαλμου. 13 ) App. Mithr. 96 : ναϋς έλαβε τα ς μέν άλούσας μίαν χαί έβδομή*οντα, τάς δέ . . . τ^ραοοθείσας ες ΆΠ\ τοιαν.οσίας. 14 ) Diese Berechnung hat deshalb auch Mommsen (R. G. III 8 S. 122) seiner Darstellung zu Grunde gelegt. ! · ">) Dio XXXVI 20 ff. Plut. Pomp. 24. App. Mithr. 92. 93. Kbensowenig ist in der Zwischenzeit zwischen 67 und 49 etwas Brought to you by | Brown University Rockefeller Library Authenticated | 128.148.252.35 Download Date | 6/14/14 8:15 AM 42 ) ib. 47, 2. 43 ) ib. 46, 7: sequuntur hunc suae naves nonnxülae, quas casus ab ilio periculo vindicarat. 44 ) ib. 47, 4: parvis paucisque navigiis. 45 ) ib. 42, 3: magna classe. -Wenn auch der gloriose Ton dieses ganzen Kriegsberichtes zur Vorsicht mahnt, für unseren Zweck bleibt selbst bei starken Abstrichen noch genug Beweismaterial übrig, da der t anze Gang der Ereignisse auch abgesehen von den Einzelheiten zu eutlich spricht. In dem Feldzuge in Afrika, wohin sich Octavius nach seineT Niederlage begeben hatte, spielt denn auch seine Flotte keine Rolle mehr. S. unten Anm. 88. «) Vgl. Anhang I S. 47S f.
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