Das unternehmerische Selbstverständnis in der Diakonie vor dem Hintergrund europäischer Entwicklungen. Überlegungen zum Sozialunternehmertum und sozialen Innovationen

Johannes Eurich
2018
Die Transformation des Sozialstaats hin zu einem breiteren Welfare-Mix scheint auch in Deutschland in den kommenden Jahren auf der Tagesordnung zu stehen bzw. politisch gewollt zu sein. Auch wenn wir in der Diakonie seit den 1920er Jahren mehr und mehr im Gegenüber und damit in der Fokussierung auf die wohlfahrtsstaatlichen Organe gewachsen und analog zur Staatsbürokratie Strukturen aufgebaut haben, so sind wir doch von den historischen Wurzeln der modernen Diakonie im 19. Jahrhundert her ganz
more » ... hrhundert her ganz anders gestartet. Nicht die staatliche Refinanzierung, sondern unternehmerische Initiative, Gründergeist, Pioniertaten, Innovationen bestimmten damals die Entwicklung der Diakonie. Besonders nach dem 2. Weltkrieg gab es dagegen Zeiten, in denen Dienste kräftig ausgebaut wurden, wenn und insofern der Sozialstaat neue Handlungsfelder durch die Gesetzgebung erschloss -wie etwa in den 1960er Jahren oder auch -etwas anders gelagert -nach der Wiedervereinigung. Der sozialrechtliche Rahmen mit seinen Refinanzierungsbedingungen sozialer Dienstleistungen wurde so dominant, dass es auch unter der seit den 1990er Jahren einsetzenden Ökonomisierung des sozialen Sektors sehr viel schwieriger geworden ist, heute -unter der Voraussetzung staatlicher Refinanzierung diakonischer Dienstleistungen bei gleichzeitiger Bedingung der cost-efficiency-Logikunternehmerisch im Sinne sozialer Innovationen und marktbasierter Lösungen tätig zu werden. Mein erster Punkt wird daher den kritischen Einwand aufnehmen, durch soziales Unternehmertum und die damit verbundene Hoffnung auf soziale Innovationen würde nur eine weitere Neo-Liberalisierung vorangetrieben. Hier versuche ich aufzuzeigen, dass dies ein wichtiger Einwand ist, aber dies weder durch sozialunternehmerische Tätigkeiten intendiert noch zwangsläufig so sein bzw. kommen muss. Vielmehr zeigt die diakonische Geschichte, dass zur Bewältigung der sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen unterschiedliche Weisen der Bearbeitung sozialer Probleme vorgeherrscht haben. Die behutsame Wandlung bestehender Arrangements ist daher ein normaler Vorgang, der im zweiten Punkt unter Aufnahme gegenwärtiger europäischer Impulse entfaltet werden soll. In einer gewissen Spannung stehen dazu entsprechende politische Vorgaben aus Brüssel, die vor allem social investment forcieren. Abschließend möchte ich im dritten Punkt auf die Praxis zu sprechen 1 Vortrag auf dem Fachtag von Diakonie Deutschland zu "Diakonische Unternehmen und der europaïsche 'Sozialmarkt': Werte -Wirkung -Wettbewerb" am 21.9.15 in Berlin. Der Vortragsstil wurde beibehalten.
doi:10.11588/dwijb.2014.0.53379 fatcat:7gj7sdcc3zcibfupkptrjwukc4