Ein Neoliberalismus mit menschlichem Antlitz - Jean-Michel Servets Kritik der Verhaltensökonomie

Oliver Schlaudt
2020 zfwu. Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik. Journal for Business, Economics and Ethics  
Der letzte Wirtschaftsnobelpreis (2019) ging an die drei Armuts-und Entwick-lungsforscherInnen Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer. Letzterer lehrt in Harvard, erstere beiden leiten das ›Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab‹ (J-PAL) am MIT. Die Begründung für die Preisverleihung bringt die Pressemitteilung der Schwedischen Reichsbank auf einen Satz: »Their research is helping us fight poverty« (The Royal Swedish Academy of Science 2019). Die drei PreisträgerInnen vertreten den
more » ... atz der sogenannten Verhaltensökonomie (behavioral economics), auf welcher auch die Arbeit des J-PAL beruht. Die Verhaltensökonomie, ebenfalls bekannt durch die Arbeiten des Psychologen und Wirtschaftsnobelpreisträgers von 2002, Daniel Kahneman, positioniert sich kritisch zur neoklassischen Orthodoxie und versucht, das Modell des ›Homo oeco-nomicus‹, also des im Sinne der Nutzenmaximierung ›rationalen‹ Agenten, durch realistischere, wirklichkeitstreuere Annahmen zu ersetzen. Die drei aktuellen PreisträgerInnen zeichnet aus, diese empirische und anti-dogmatische Stoßrichtung über das psychologische Labor hinaus ins Feld gebracht zu haben, nämlich in die Entwicklungsländer, um dort konkret entwicklungspolitische Maßnahmen zu erproben. »Our mission is to reduce poverty by ensuring that policy is informed by scientific evidence. We do this through research, policy outreach, and training«, heißt es auf der Homepage des J-PAL. 1 Dies geschieht vor allem in Form von sogenannten randomisierten kontrollierten Studien (randomized controlled trials), wie sie aus der Medizin bekannt sind. Die Resultate einer Maßnahme -wie zum Beispiel die Prämierung von Impfungen mit Lebensmitteln und andere Versuche, Moskitonetze, Kondome, Chlortabletten, Bankkonten und Weiteres in Gebrauch zu bringen -werden im Rahmen einer solchen Studie an einer Kontrollgruppe abgeglichen, in welcher die Maßnahme nicht zur Anwendung kommt. Damit, so das Versprechen, kann die Wirkung von entwicklungspolitischen Maßnahmen endlich empirisch getestet und bewertet werden. Armutsbekämpfung stochert nicht mehr im Nebel, sondern verwandelt sich in eine kontrol-
doi:10.5771/1439-880x-2020-2-210 fatcat:a6czdexw7rc5roefn3qp2buuze