IV. Gesellschaft und Kultur [chapter]

Antoine Fleury, Horst Möller, Hans-Peter Schwarz, Petra Weber, Patrick Bernhard
2004 Die Schweiz und Deutschland 1945-1961  
Sagen Sie den Deutschen", rief Gottfried Keller 1872 einem nach Straßburg berufenen Gelehrten nach, "dass wenn sie einmal unter einer Verfassung leben, die auch ungleichartige Bestandteile zu ertragen vermag, die Zeit kommen dürfte, in der auch wir wieder zu Kaiser und Reich zurückkehren können"1. Dieser knappe Aufruf, mit dem der Nationaldichter Keller das Verhältnis der Schweiz zu Deutschland pointiert aufgreift, führt uns direkt zu einer Problematik, die das schweizerische Bildungsbürgertum
more » ... Bildungsbürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts stark beschäftigte. Es ging in der Tat immer wieder um die Frage, wie viel Nähe der erst 1848 auf nationaler Basis geschaffene schweizerische Bundesstaat zum eben erst gegründeten deutschen Reich vertragen könne. Dass die deutschsprachige Schweiz ohne Deutschland kulturell kaum lebensfähig ist, kann nur schwerlich bestritten werden. Dies betrifft ebenso sehr Literatur, Theater und Musik, die intellektuelle Ausbildung oder die kulturellen Begegnungen. Ohne deutschen Absatzmarkt kann kein Schweizer Schriftsteller bestehen. Der Literaturhistoriker Charles Linsmayer hat in einem bemerkenswerten Aufsatz sogar nachgewiesen, dass selbst die schweizerische Authentizität d. h. das so genannte typisch "Schweizerische" -in engstem Austausch mit Deutschland konstruiert wurde2. Dies geht über Schillers "Wilhelm Teil" bis zur Alpen-und Naturliteratur um 1900. Auch wenn man in der Schweiz den engen verwandtschaftlichen Bezug zu Deutschland oft nur verschämt diskutiert, so besteht doch kein Zweifel, dass Literatur und Presse diesseits und jenseits des Bodensees nicht nur dieselbe Sprache sprechen, sondern auch von denselben Leidenschaften und Bildern bewegt werden. Demgegenüber ist nun aber der politische Bezug, wie auch der Zuruf Gottfried Kellers zeigt, von Hypotheken belastet. Es ging darum, ob die deutsche politische Kultur sich mit der des jungen eidgenössischen, dem Liberalismus verpflichteten Staatswesens vereinbaren ließ. Dabei darf nicht vergessen werden, dass das deutsche Reich in der Schweiz für die einen ein Objekt kritischer Auseinandersetzungen war, während andere und es waren zu gewissen Zeiten nicht wenige in ihm ein Vorbild für die Gestaltung der eigenen politischen Wertvorstellungen sahen. Es ist bezeichnend, dass einer der imponierendsten Politiker und Bundesräte des 19.Jahr-1 Anlässlich der Abschiedsfeier von Prof. Gusserow, zitiert in: Kriesi, Gottfried Keller, S. 204. 2 Linsmayer, Die Eigenschaft "schweizerisch". Problematik kreisen; doch 1946 sah er vorerst nur in den Kindern einen Zukunftsschimmer für Deutschland: "der Gedanke daran, dass sie nichts dafür können; zuzeiten das einzige, was außer jedem Zweifel bleibt, was aus der Sintflut ragt, was Boden unter den Füßen gibt, Zuversicht, Labsal, Auftrag, auch der Gedanke daran, dass sie nicht Kinder bleiben, sondern das deutsche Volk von morgen sind, dass es wesentlich auch von uns abhängt, wie es aussehen wird."29 Über die Menschen in Deutschland sagte von Salis anlässlich der ersten Reise vom Frühjahr 1945: "Die Leute waren furchtsam, aber dienstfertig. In seiner Niederlage blieb das deutsche Volk ordentlich, arbeitsam und diszipliniert, wie eh und je, was, soweit wir es nach unseren Beobachtungen beurteilen konnten, die Aufgabe der Franzosen erleichterte."30 1948, anlässlich seines Berlin-Aufenthaltes als Berater der geplanten Hochschulreform, sprach er erneut von "einem jahrhundertelang anerzogenen Sinn für Ordnung, Disziplin und Folgsamkeit". Deutschland habe nun, fuhr er fort, "alles wiederhergestellt und offenbar auch alles vergessen". Von Salis 26 Frisch, Ferngesteuerte Ruinen. Notizen aus Berlin und Wien, in: Neue Zürcher Zeitung 425 vom 21.2. und 282 vom 6. 3. 1948, ebenfalls in: Frisch, Forderungen, S. 173. 27 Frisch, "Death is so permanent. Notizen einer kleinen deutschen Reise", in: Jetzt ist Sehenszeit, S. 25.
doi:10.1524/9783486593730.199 fatcat:cxobjwpvizcpbkeezd7vc4tpgi